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Marburg Ein zermürbendes Impf-Jahr
Marburg Ein zermürbendes Impf-Jahr
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14:00 27.12.2021
Anfangs war er sehr knapp: der Impfstoff von Biontech, der auch in Marburg hergestellt wird.
Anfangs war er sehr knapp: der Impfstoff von Biontech, der auch in Marburg hergestellt wird. Quelle: Themenfoto: Jan Woitas
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Marburg

Heute vor genau einem Jahr fand die erste Corona-Schutzimpfung im Landkreis statt: Ein 86 Jahre alter Mann im Seniorenzentrum Weißer Stein in Wehrda war der erste Kreis-Bewohner, der am 27. Dezember 2020 eine Dosis erhielt.

Da lief die hessenweite Impfkampagne gerade an. Knapp ein Jahr nachdem das Coronavirus am 27. Januar 2020 offiziell Deutschland erreicht hatte. Die Impfteams des Gesundheitsamtes leisteten als Erste Pionierarbeit, zogen durch die Alten- und Seniorenheime. Am allerersten Impf-Tag erhielten in Marburg-Biedenkopf rund 90 Bewohner eine Injektion mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin.

Das war damals ein großer Moment, eine hohe Zahl, der gerade entwickelte Impfstoff der begehrteste Stoff der Welt. „In einer ersten Charge kamen 155 Impfstoff-Dosen im Kreis an“, schrieb die OP damals. Heute wäre das keine Schlagzeile mehr. Viel hat sich getan in diesem einen Impf-Jahr, das bekanntermaßen mit so einigen Hürden, Fehlern und Debatten eher stolpernd begann.

Erinnern Sie sich noch? Damals stritt die Welt noch über Impf-Priorisierung, Risikogruppen und Impf-Neid. In den Prioritätslisten folgten immer neue Änderungen der Zugehörigkeiten. So manche Berufsgruppe – etwa Lehrkräfte – fiel da noch hinten runter, wurde erst später nach oben gesetzt.

Erste Impfzentren öffnen

Der nächste große Schritt war die Öffnung der regionalen Impfzentren: Davon gab es anfangs nur sechs in ganz Hessen. Jenes in Gießen – untergebracht in einem Möbelhaus – war auch für Marburg-Biedenkopf zuständig. Ab dem 19. Januar wurde dort geimpft.

Eine Woche zuvor konnten Termine für die Covid-19-Schutzimpfung über die Hotline und das Portal des Landes Hessen vereinbart werden – damals für Menschen über 80 Jahre und Pflegepersonal. So mancher Impfling der ersten Stunde dürfte sich noch mit Grauen an nervenaufreibende Tage und Wochen und viele Stunden in der Warteschleife erinnern. Schon am ersten Tag stürzte das komplette System wegen Überlastung ab.

Es war aber auch die Zeit der Impf-Lotsen – geschulte Helfer, die etwa über die Stadt Marburg die heimischen Impfberechtigten berieten und bei der Terminvergabe halfen. Nahezu in allen Kommunen entstanden zudem ehrenamtliche Hilfsangebote für die häufig überforderten Senioren oder Kranken, damit die überhaupt zum Impfzentrum kommen konnten.

Etwas Erleichterung brachten die lokalen Impfzentren, die am 9. Februar ihre Pforten öffneten. Das Zentrum am Marburger Messeplatz nahm den Betrieb auf, wenn auch noch für einige Zeit nicht unter Volllast.

Kampf um jede Spritze

Grundlage und Dauerargument für jede neue Entscheidung war der stetig knappe Impfstoff. Ein ewiger Zankapfel, auch als immer neue Mittel die Zulassung erreichten. Angebot und Nachfrage hielten sich da aber bei Weitem noch nicht die Waage. Später dann kippte die Waagschale wieder in die eine, dann wieder die andere Richtung.

Die niedergelassenen Ärzte folgten als weiterer Part der Impfkampagne. Seit April durften erst wenige Hausärzte mit impfen, wurden dann zur tragenden Impf-Säule, die lokalen Impfzentren in ganz Hessen zum 1. Oktober geschlossen. Das Marburger Zentrum schaffte es bis dahin auf rund 187 000 Impfdosen.

Doch stieg danach – mit neuen Rekorden bei der Infektionslage und der Booster-Kampagne – die Nachfrage wieder sprunghaft an. Drei Impfpunkte im Kreis nahmen im Dezember ihre Arbeit auf.

Impfzahlen-Salat

Wie sieht es nun bei den genauen Impfzahlen aus? Eine zentrale regionale Stelle, die alle Impfungen der Landkreis-Bewohner auf die Spritze genau erfasst, gibt es nicht, somit auch keine lokale Impfquote. Die Kreisverwaltung dokumentiert täglich jene Impfungen, die im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamtes vergeben wurden. Diese Statistik umfasst das einstige Impfzentrum und die Zahlen der mobilen Impfteams vor und nach der Schließung des Zentrums. Das sind aktuell rund 219 000 Erst-, Zweit- und Auffrischungsimpfungen.

Allerdings fehlen in der Dokumentation die Zahlen aus den ersten Wochen, als auch Impflinge aus Marburg-Biedenkopf zum Impfzentrum in Gießen fahren mussten. Diese Zahlen werden dem Kreis Gießen zugeschrieben und fehlen somit dauerhaft in der heimischen Statistik.

Die Impfärzte melden ihre Impfzahlen wiederum nicht an den Kreis, sondern über die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) an das Robert-Koch-Institut. Laut Sozialministerium sind das bislang insgesamt rund 205 000 Dosen.

Das Impf-Jahr kann wohl mit Fug und Recht als Zerreißprobe betrachtet werden, mit vielen Höhen und Tiefen und berechtigter Kritik. Stand heute haben knapp 70 Prozent der Hessen eine Zweitimpfung erhalten. Es ist also weiter Luft nach oben.

Von Ina Tannert

27.12.2021
27.12.2021