Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Das Warten auf „Patient Null“ am Klinikum
Marburg Das Warten auf „Patient Null“ am Klinikum
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 02.03.2021
Intensivpflegekräfte und eine Ärztin versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt.
Intensivpflegekräfte und eine Ärztin versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
Anzeige
Marburg

Am 9. März 2020 meldete der Landkreis Marburg-Biedenkopf den ersten an Corona Erkrankten im Kreis. Er hatte sich während seines Urlaubs in Südtirol infiziert. Bis der erste Corona-Patient stationär im Klinikum behandelt wurde, dauerte es laut Landkreis zwei weitere Wochen. Seither wurden mehr als 500 Patienten mit Covid-19 stationär am UKGM behandelt, „davon 98 auf der Intensivstation“, berichtet Professor Rita Engenhart-Cabilic, Ärztliche Direktorin am UKGM Marburg. Diese gut 500 Fälle alleine am UKGM sind keine nackten Zahlen. Vielmehr sind es mehr als 500 persönliche Schicksale, die in 229 Fällen landkreisweit mit Stand gestern auch tödlich endeten.

Doch wie war das Warten auf den ersten Patienten, den „Patienten Null“ am Klinikum? „In der Notaufnahme wurden beispielsweise Wände eingezogen und Bereiche abgetrennt, um die Patienten, die infektiös sein könnten, zu kanalisieren“, sagt Dr. Andreas Jerrentrup, Chefarzt des Zentrums für Notfallmedizin. Denn es sei schon im Februar klar gewesen: „Irgendwann wird der erste Corona-Patient kommen.“ Schnelltests gab es noch nicht; bis die Ergebnisse der ersten PCR-Tests vorlagen, vergingen damals 24 bis 48 Stunden und am Wochenende entsprechend länger. „Mittlerweile haben wir die Schnelltests. Und absolut jeder Patient, der stationär aufgenommen wird, wird auch getestet“, so Jerrentrup.

Professor Thomas Gress, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Stoffwechsel und klinische Infektiologie, blickt auf den Anfang der Pandemie zurück. „Wir wussten am Anfang gar nichts. Da kamen Patienten mit Luftnot zu uns und wir mussten erst einmal schauen, mit welchem Test wir feststellen können, ob die Patienten diese Viruserkrankung haben.“ Mit jedem Patienten und jedem Tag, der vergangen sei, habe man viel gelernt – durch Fachliteratur und auch „durch unsere chinesischen Kollegen, von denen haben wir eine Handlungsanweisung bekommen, wie die Kollegen mit den Patienten in Wuhan umgegangen sind“, sagt Gress.

Doch hat ein Patient mit Luftnot Covid-19 oder Asthma? „Anfangs hat jeder Patient mit Luftnot ein Lungen-CT bekommen, denn dort waren besondere Muster festzustellen.“ Auch aus Bergamo seien sehr viele wertvolle Hinweise gekommen – etwa, wann man Patienten verlassen könne. „So haben wir einen Gehtest entwickelt – wir haben Patienten laufen lassen und dabei ihre Sauerstoffsättigung gemessen“, erinnert sich Gress. „Es war ein ständiges Lernen“, sagt er, „wir haben zu Beginn eine Handlungsanweisung entwickelt, und die wurde seither schon achtmal verändert.“ So etwa mit der Erkenntnis, Beatmungspatienten auf dem Bauch zu lagern, weil dies schonender sei. Oder die Ecmo-Behandlung „quasi über eine externe Lunge, bei der wir das Blut aus dem Körper über Membranen extern mit Sauerstoff anreichern“, verdeutlicht Jerrentrup.

Mittlerweile könne man den Patienten schon sehr gut helfen, „aber es sterben immer noch relativ viele, weil nach wie vor am häufigsten die ältesten Patienten erkranken“, erläutert Gress. Die über 80-Jährigen hätten „eine Sterblichkeitsrate von gut 20 Prozent“, erläutert er. „Aber es gibt auch viele jüngere Patienten ab etwa 30 Jahren, die schwer erkranken. Das geschieht zwar seltener“, schränkt Jerrentrup ein, „man darf die Erkrankung aber keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen.“

Wie haben sich die Medikamente seither entwickelt? „Anfangs hatten wir nichts“, sagt Thomas Gress. Mittlerweile habe sich das Ebola-Medikament Remdesivir zur Behandlung durchgesetzt, „das ist aber noch nicht wirklich überzeugend. Denn man kann es nur Patienten geben, die innerhalb von acht bis zehn Tagen ihrer Infektion sind“, so Gress. Doch leider kämen die Patienten erst fünf bis sieben Tage nach Infektionsbeginn in die Klinik, weil sie vorher keine Symptome hätten. Heißt: Es gibt ein Zeitfenster von im schlechtesten Fall einem Tag, das Medikament zu verabreichen. Denn: „Wenn es den Patienten schon zu schlecht geht und man verabreicht Remdesivir, verschlechtert sich der Zustand.“ Als weiteres Medikament kommt Dexamethason zum Einsatz – ein Cortisonpräparat. Damit könne der Entzündungsprozess in der Lunge abgeschwächt werden. Und: Auch gerinnungshemmende Medikamente kommen zum Einsatz, „denn die Erkrankung kann sehr stark zu Thrombosen führen“, fügt Jerrentrup hinzu.

Corona geht auch mit immensen logistischen Herausforderungen einher. „Wir haben je nach Infektionsgeschehen immer wieder Stationen geöffnet und geschlossen“, ganz flexibel. In der „höchsten Anspannungsphase von Dezember bis Mitte Januar“ mussten die Teams besonders flexibel reagieren – so zum Beispiel, indem am 17. Dezember eine Station mit 20 Betten, „also 20 Zimmern, geöffnet wurde – und am 23. Dezember die nächste“, erläutert Engenhart-Cabilic. „Wir waren auf alles vorbereitet, um einen Kollaps zu vermeiden, aber wir haben keine Stationen auf Vorrat geöffnet“, sagt sie.

Dies alles sei nur durch die enorme Flexibilität der gesamten Belegschaft möglich gewesen. Auch vor dem Hintergrund, dass ja entsprechend Ärzte ihre Stationen aufgeben und Patienten verlegt werden mussten. Und: „Nicht jede Station ist auch für Corona-Patienten vorbereitet. Es gibt zahlreiche Fragen wie: Passt die Lüftung? Kann eine Schleuse eingerichtet werden? Alles ist mit einem immensen logistischen Aufwand verbunden“, verdeutlicht Gress.

Entsprechend verdeutlicht es auch der Ärztliche Geschäftsführer des UKGM, Professor Harald Renz: „Der Krankenhausbetrieb ist von Beginn an davon geprägt, einen Intensiv-Kollaps zu vermeiden – dass es eben nicht dazu kommt, dass wir Intensiv-Patienten, die zu uns kommen, nicht mehr behandeln können.“ Es sei eine Riesenleistung des gesamten Teams und aller Berufsgruppen, dass es gelungen sei, diesen Kollaps zu vermeiden. „Und ich bin davon überzeugt, dass wir ihn auch künftig vermeiden können, wenn nichts Dramatisches geschieht“, so Renz. Alle seien über das Jahr hinweg zusammengerückt, „haben einen Schulterschluss gezeigt und viele Einzelinteressen hintangestellt“, so Renz.

Auch sei es gelungen, Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen zu schützen – „es gibt überhaupt keinen Hinweis dafür, dass Mitarbeiter und Patienten hier deutlich mehr gefährdet wären als draußen“, sagt der ärztliche Geschäftsführer. Aus diesem Schutz geht für Renz hervor: „Das UKGM ist ein sicheres Krankenhaus.“ Es gebe keinen Grund für Patienten, nicht ins Marburger Uni-Klinikum zu kommen und aus Angst vor Covid-19 Behandlungen aufzuschieben oder gar auszusetzen. Es gebe – nicht nur in Marburg, sondern bundesweit – „dramatische Rückläufe bei Krebs-Operationen, bei Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall“, verdeutlicht Renz. „Die besonderen Risiko-Gruppen werden auch besonders geschützt“, sagt er.

Vor dem Hintergrund der Virus-Mutanten „befinden wir uns gerade auf Messers Schneide“ beim Wettlauf zwischen Impfungen und weiterer Corona-Ausbreitung. „Mutanten wird es immer geben, wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass das Virus immer wieder in der Bevölkerung auftauchen wird“ – und das auch mit immer aggressiveren Varianten. „Der Dreiklang Hygienemaßnahmen, Testen, Impfen wird uns aus dieser Pandemie heraushelfen“, ist sich Renz sicher – unterstützt durch IT-Tools und Apps, „die es schon gibt oder die es noch zu entwickeln gilt“. Thomas Gress ist sich sicher: „Wir werden künftig zwei Impfstoffe haben – einen für Grippe und einen für Corona“, und zwar jeweils auf neue Stämme angepasst.

Der Impfstoff von AstraZeneca ist bei zahlreichen Impfberechtigten nicht besonders beliebt, da er eine nicht ganz so hohe Wirkung wie die Vakzine von Biontech und Moderna besitzt. Völlig zu Unrecht, wie Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM Marburg, sagt:

„Der Impfstoff von AstraZeneca ist ein grundsolider Impfstoff mit akzeptabler Wirksamkeit. Er schützt vor schweren Verläufen, auch bei den im Moment aktuellen Mutationen. Damit erfüllt er wichtige Kriterien“, so Renz.

Deswegen sei es für ihn auch „keine Frage“ gewesen, „dass ich jüngst selbst mit diesem Präparat geimpft wurde. Gesamt betrachtet ist die Wirksamkeit etwas schwächer als bei den anderen zugelassenen Impfstoffen, aber absolut vergleichbar mit der Wirksamkeit einer klassischen Grippeschutzimpfung. In jedem Falle viel besser, als sich gar nicht impfen zu lassen“, so Renz.

Für ihn lautet das Mantra weiterhin: Testen, testen, testen – und impfen, impfen, impfen. „Nur so können wir der Pandemie entkommen.“

Von Andreas Schmidt

Marburg Kommunalwahl - Wählen für Profis
11.03.2021
Marburg Corona-Fallzahlen - Zwei weitere Todesfälle
02.03.2021