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Marburg Ein Hilferuf mit Samurai-Schwert?
Marburg Ein Hilferuf mit Samurai-Schwert?
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18:57 02.12.2020
Ein Justizwachtmeister nimmt dem Beschuldigten im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Marburg die Handschellen ab. Im April 2020 soll er versucht haben, seinen Vater mit einem Schwert zu töten. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Thomas Strecker.
Ein Justizwachtmeister nimmt dem Beschuldigten im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Marburg die Handschellen ab. Im April 2020 soll er versucht haben, seinen Vater mit einem Schwert zu töten. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Thomas Strecker. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Einen Tag später bat er seinen Vater telefonisch um 1000 Euro, um Miete und Strom zahlen zu können: „Ich brauche Geld, mir wird der Strom abgestellt. Hilf mir.“ Als der antwortete, er solle arbeiten gehen, drohte der Angeklagte seinem Vater: „Ich kommen morgen mit meinem Katana (ein japanisches Samurai-Schwert) vorbei und dein Kopf rollt über den Tisch.“

Der Angeklagte fuhr tatsächlich am nächsten Morgen zu seinem Vater in eine Gemeinde im Ostkreis, zückte das Schwert und ging, das Schwert in beiden Händen erhoben, schnell auf das Bürogebäude zu. Es kam zu einem Gerangel an der gläsernen Eingangstür zum Büro. Der Angeklagte konnte einen Fuß in die Türe setzen, die von innen von seinem Vater und einem Mitarbeiter des Unternehmers zugedrückt wurde, während der Sohn mit gezücktem Schwert versuchte, die Tür aufzudrücken. Der Angeklagte brach schließlich ab, nahm noch einen großen Stein, den er jedoch nicht warf, und verließ mit seinem Auto den Tatort. In allen drei Fallen spricht die Staatsanwaltschaft von einem „krankheitsbedingten Zustand der Schuldunfähigkeit“.

Das Verfahren vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Marburg unter Vorsitz des Landgerichtspräsidenten Dr. Frank Oehm ist ein sogenanntes Sicherungsverfahren, das dann greift, wenn ein normales Strafverfahren etwa wegen Schuldunfähigkeit des Täters nicht durchgeführt werden kann. Statt einer Verurteilung zu einer befristeten Freiheitsstrafe droht allerdings eine sogenannte Sicherungsverwahrung, also die vorerst unbefristete Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus – sollte das Gericht den Eindruck gewinnen, dass der Mann eine dauernde Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Am ersten Verhandlungstag am Dienstag gab der Angeklagte ausführlich und ruhig Auskunft über sein Leben und insbesondere die Taten, entschuldigte sich bei seinem Freund und unter Tränen auch bei seinem Vater, die beide als wichtige Zeugen gehört wurden. Richter Oehm hat vier Verhandlungstage anberaumt. Er wird gemeinsam mit zwei beisitzenden Richtern und zwei Schöffen 14 Zeugen hören. Zudem nimmt eine psychiatrische Sachverständige an dem Prozess teil. Sie wird ihr Gutachten laut Plan am dritten Verhandlungstag, dem 14. Dezember, vortragen.

Der Angeklagte wuchs in einer dörflichen Umgebung auf. Er machte eine Ausbildung zum Auto-Mechatroniker, arbeitete für verschiedene Unternehmen. Zuletzt wohnte er mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin nahe Gießen. Derzeit ist er in der Psychiatrie in Haina untergebracht. Er erhält dort nach eigenen Angaben keine Medikamente, sondern eine Arbeitstherapie.

Was ist in der Zeit vor dem 31. März passiert? Das ist für das Gericht von zentraler Bedeutung. Es kam zur Trennung von seiner Lebensgefährtin. Deren Familie räumte schließlich die Besitztümer seiner Ex-Freundin aus der Wohnung aus. Diese war danach fast leer. Der Angeklagte war zu dieser Zeit arbeitslos und fuhr ein – nach Ansicht seines Vaters – viel zu teures PS-starkes Auto, dessen Unterhalt er sich eigentlich nicht habe leisten können. Er war verzweifelt, brauchte Geld für Miete und Strom. Nach Ansicht des Angeklagten schuldete sein ehemaliger Kollege und Freund ihm 150 Euro. Die Summe resultierte aus einem Geschäft, das die beiden mündlich und ohne Kaufvertrag abgeschlossen hatten. Es ging um ein gebrauchtes Soundsystem. Der Angeklagte hatte es dem Freund abgekauft. Vereinbart war: Der Angeklagte sollte es nicht weiter veräußern sondern dem Freund wieder anbieten, wenn er es nicht mehr benötige. Der Angeklagte hatte dem Freund die Boxen längst zurückgebracht, das Geld aber noch nicht erhalten. Der Freund lehnte ab zu zahlen. Ein Missverständnis, wie sich bei der Vernehmung des Freundes zeigte. Der nahm an, die Anlage sei jetzt weniger wert also vorher, er habe also weniger zahlen wollen, aber nie eine Summe genannt. So bekam er Besuch von dem Angeklagten, der das Schwert mitbrachte, aber in der Scheide nach unten hielt. Es sei der dritte Besuch wegen des Geldes gewesen.

Schwert war eine Dekowaffe für 70 Euro

Die beiden standen sich gegenüber – der Freund oben auf der Treppe, der Angeklagte unten. Es gab kein Geld, es wurde auch kein Schwert gezogen. In der Vernehmung sagte der Angeklagte: „Es war eine doofe Aktion. Ich habe eingesehen, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Er entschuldigte sich bei seinem Freund. Hätte er gewusst, was daraus entstanden sei, hätte er das Geld längst gezahlt. Er sei zu diesem Zeitpunkt psychisch und seelisch sehr belastet gewesen, sagte der Angeklagte. „Ich war in einer Notsituation“, sagte er und verwies auf den Beziehungsstreit, der in einen Besuch der Polizei und dem Auszug der Lebensgefährtin mündete.

Bei dem Schwert habe es sich um eine Deko-Waffe für die Wand gehandelt, die er für 70 Euro im Internet gekauft habe. „Man konnte an die Klinge packen, ohne sich zu schneiden“, sagte er. Für alle anderen aber sah die Waffe wohl sehr echt aus.

Den Angriff auf den Vater zwei Tage später bezeichnete er als Hilferuf. „Ich liebe meinen Vater über alles“, sagte er. „Ich wollte, dass er zu mir hält, es war ein Notsignal, dass ich Hilfe brauche.“ Geldnot, leere Wohnung, die Freundin weg – „ich hätte einfach jemanden gebraucht, der mal mit mir redet.“ Er habe ihn nie verletzen wollen.

Sein Vater nahm dies anders war. Er hatte Angst, wie er bei seiner Vernehmung betonte. Und er war enttäuscht von seinem Sohn – auch über einige E-Mail und SMS-Nachrichten mit beleidigendem Inhalt oder mit düsteren Songtexten der Band „Rammstein“. „Ich habe nie solche Erfahrungen mit ihm gemacht. Den Wortschatz kenne ich gar nicht“, sagte der Vater. Sein Sohn habe sich überwacht gefühlt – mit dem Handy, mit Kameras in der Wohnung. Er habe ihm auch angeboten, wieder zu Hause zu wohnen, was der Sohn für wenige Tage annahm. Doch der sei immer merkwürdiger, mürrischer und aggressiver geworden, so der Eindruck des Vaters. „Ich habe keine Erklärung. Ich weiß nicht, woher der plötzliche Hass kommt. Ich wollte ihm ja helfen.“

„Ich muss mich im Nachhinein dafür schämen“, sagte der Angeklagte auch in Bezug auf die E-Mails. Er sei einsam gewesen, alleine in der Wohnung, betrunken. Das Schwert habe er nach der Attacke auf den Vater von einer Brücke in einen Fluss geworfen. „Ich habe mich dafür geschämt, was passiert ist. Ich wollte nicht, dass es wieder passiert.“

Gefragt wurde immer wieder nach seinem Drogenkonsum. Ab und an habe er Cannabis geraucht, ab und an Alkohol getrunken.

Wie weiter? Nach Ansicht seines Verteidigers Thomas Strecker hat der Angeklagte „mehr Einsicht – er wird akzeptieren, dass er über längere Zeit fachliche Hilfe braucht“. Und der Angeklagte: „Ich würde mir wünschen, dass ich meinen Beruf so schnell wie möglich wieder ausüben darf – all das wird nicht wieder passieren.“

Der Prozess wird fortgesetzt am 8. Dezember um 9 Uhr.

Von Uwe Badouin

02.12.2020
02.12.2020