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Marburg Ein Feuer, das langsam brennt und tötet
Marburg Ein Feuer, das langsam brennt und tötet
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14:58 21.06.2020
Baumpfleger Achim Gerhardt weiß, dass er bei "Feuerbrand" die befallenen Äste lieber großzügiger als zu kurz zurückschneiden muss. Quelle: Götz Schaub
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Marburg

In Marburg brennt es. Lichterloh. Doch keiner ruft die Feuerwehr. Und selbst wenn die käme, sie könnte den Brand nicht löschen.

Dabei ist es ein gnadenloser Brand, und wer davon einmal erfasst wurde, leidet stumm vor sich hin, bis es irgendwann zu spät geworden ist. Das letzte Opfer wurde selbst von einem ausgemachten Experten nicht mehr als das erkannt, was es einmal gewesen war. Der Brand ist so schlimm, dass er nicht einfach nur Brand heißt. Er heißt doppelt gemoppelt „Feuerbrand“.

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Was er anrichtet, ist unmittelbar an der Unterführung auf Höhe des Bootsverleihs an der Lahn zu sehen. Gegenüber den öffentlichen Toiletten stand einst ein Apfelbaum, jetzt erinnert nur ein Stumpf an diesen. Der eingangs erwähnte Experte ist Dr. Norbert Clement, der, sagen wir es mal ganz einfach, absolut alles über Äpfel und Apfelbäume weiß. Und wenn der schon einen zweiten Blick benötigt, um einen Apfelbaum zu erkennen, dann ist es mit diesem armen Baum sehr weit gekommen.

Okay, dieser eine Baum hat es nicht überlebt, wozu jetzt diese Aufregung? „Das Bakterium Erwinia amylovora ist schlau und strebt nach neuen Ufern“, sagt Clement. Das bedeutet, wenn ein Wirt zu sterben droht, sendet das Bakterium einen süßlichen Geruch und lockt damit Insekten an. Diese unschuldigen Fliegen oder auch Bienen werden dann als Taxi zum nächsten Obstbaum missbraucht. Wer jetzt glaubt, das sei ein schönes Märchen, sieht sich in Weidenhausen mit der realen Wirklichkeit dieses Märchens konfrontiert. Nachdem Clement also den nicht mehr zu rettenden Baum als Feuerbrandopfer ausgemacht hatte, lugt er mal vorsichtig in die nächsten Gärten. Und siehe da, keine 100 Meter weiter, musste er gar nicht großartig suchen, die Anzeichen, dass dort ein weiteres Opfer steht, waren nicht zu übersehen. Jedenfalls für das geübte Auge. Unsereiner wäre achtlos vorübergegangen und hätte sich gedacht, dass der Baum wohl zu wenig Wasser bekommt, dass die neuen Triebe so welk geworden sind. Die Triebspitzen krümmen sich aber fast unnatürlich hakenförmig nach unten, ein klares Indiz für Feuerbrand.

Clement konnte nicht anders und setzte sich mit der Besitzerin des Gartens in Verbindung. Und er sorgte gleich mal für Fakten, indem er Achim Gerhardt mitbrachte, einen ausgewiesenen Baumpfleger aus der Gemeinde Ebsdorfergrund. Dieser hatte seine Ausrüstung dabei und fing nach erteilter Erlaubnis von Gartenbesitzerin Melanie Schmidt an, den Baum zu bearbeiten. Schnipp, schnapp, da fielen Äste ab. An der Spitze welk, aber schon ausgestattet mit zahlreichen kleinen Äpfeln, die eine reiche Ernte versprochen hätten. Da blutet das Gärtnerherz. Aber Gerhardt beruhigt.

Lieber einmal durch diese Hölle gehen und danach wieder Spaß mit dem Baum haben, als zu zögerlich zu agieren. Denn dann wird es nur unangenehmer. Als Fachmann entfernt Gerhardt nicht nur die welken Spitzen, sondern schneidet erst 20 bis 30 Zentimeter später den Ast ab. Und tatsächlich, bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass sich der Brand schon unbemerkt weiter fortgefressen hat. Clement war aber noch viel weiter vorbereitet. Er hatte auch schon bei der Müllumladestation der Abfallwirtschaft Lahn-Fulda (ALF) in Wehrda besonderen Müll angekündigt. Denn diese Äste dürfen auf keinen Fall in die grüne Biotonne. Sie müssen in den Restmüll und mit diesem dann verbrannt werden, dieses Mal mit echtem Feuer. Das müssen natürlich die Leute am Empfang wissen, dass da Grünzeug kommt, das verbrannt werden muss.

Melanie Schmidt ist noch nicht so lange Besitzerin des Anwesens in Weidenhausen. Sie ist mitten in den Umgestaltungsarbeiten. Den Apfelbaum hat sie aber gleich lieb gewonnen und möchte ihn auch behalten. Auch sie schaut den kleinen Äpfeln etwa traurig hinterher, die mit den befallenen Ästen entsorgt werden, aber sie tröstet sich damit, dass bei ihr eine aufkommende Garten-Katastrophe rechtzeitig entdeckt wurde. Und während Gerhardt schneidet, lässt Clement den Blick schweifen…, in den angrenzenden Garten. Und was sieht er da? Ja richtig, einen Apfelbaum. Einen prächtigen Apfelbaum. Doch mittlerweile muss er nichts mehr sagen, selbst der Laie erkennt jetzt die welken, in Haken herunterhängenden jungen Spitzen. Das Bakterium Erwinia amylovora, oder eben der „Feuerbrand“, leistet ganze Arbeit. Und beugt schon mal für mehr „Futter“ vor. Für Clement klar, noch einmal aufklärerisch tätig werden zu müssen.

Von Götz Schaub

21.06.2020
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