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Marburg Ein „Dorf“ für Obdachlose
Marburg Ein „Dorf“ für Obdachlose
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11:00 07.11.2021
Das von dem Architekten Alexander Hagner erdachte und konzipierte Vinzi-Dorf für Obdachlose in Wien besteht aus Einraum-Minihäusern in Wien.
Das von dem Architekten Alexander Hagner erdachte und konzipierte Vinzi-Dorf für Obdachlose in Wien besteht aus Einraum-Minihäusern in Wien. Quelle: Vinzi-Werke
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Marburg

Ein sogenanntes „Vinzi-Dorf“, wie es bereits in Wien und Graz umgesetzt wurde, soll als ein Ersatz für den jetzigen Standort der städtischen Obdachlosenunterkünfte am Ginseldorfer Weg geprüft werden. Dieser Vorschlag von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies steht nun auf der Tagesordnung im Sozialausschuss am Donnerstag, 11. November, ab 16 Uhr im Sitzungssaal Hohe Kante (Eingang Hofstatt). Der Magistrat soll beauftragt werden zu prüfen, wie und wo sich die Einraum-Häuser (“Tiny Häuser“) für obdach- und wohnungslose Menschen auf der Grundlage der Strukturen in Marburg umsetzen lassen.

  Die Idee des „Vinzi-Dorfs“ wurde von dem Architekten Alexander Hagner entwickelt und mit der Vinzenzgemeinschaft (Vinzi-Werke) als Träger und Namensgeber in Österreich umgesetzt. Bereits Anfang dieses Jahres hatte der Experte für Soziales Bauen im Rahmen der Zukunftsreihe „Marburg 800 – Weiter denken“ den Ansatz „Architektur für Obdachlose“ vorgestellt.

Das Thema seines Auftakt-Vortrags lautete damals „Häuser für die Unbehausten – Architektur für Obdachlose“. Der Wiener Architekt berichtete in Marburg über seine Erfahrungen mit niederschwelligen, alternativen Wohnangeboten für Wohnsitzlose. Bekannt geworden war er durch das Pilotprojekt „VinziRast-mittendrin“, in dem ehemals obdachlose Menschen mit Studierenden unter einem Dach leben sowie durch weitere Vinzi-Projekte, wie ein Vinzi-Dorf in Wien für alkoholkranke obdachlose Männer.

„Es muss doch möglich sein, etwas, was wir als Gesellschaft selbst produzieren – und Obdachlosigkeit gehört dazu –, auch selbst zu lösen“: So lautet Hagners Credo. „Nur weil uns das Problem nicht gefällt, können wir es nicht irgendwohin schieben, wo wir es nicht sehen. Es ist einfach sinnstiftend, dass durch unsere Arbeit weniger Leute auf der Straße schlafen müssen“, meint der Architekt.

’Vinzi-Dorf Marburg’ 

OB Spies war augenscheinlich so beeindruckt von diesen Ideen des Österreichers, dass er sie jetzt auch in Marburg umsetzen möchte. In der von ihm unterzeichneten Magistratsvorlage für den Sozialausschuss wird erläutert, wie es eine erste Umsetzung geben könnte. „Mit einem ’Vinzi-Dorf Marburg’ könnte für die männlichen Bewohner der städtischen Unterkünfte ein neuer Ort geschaffen werden, an dem sie bleiben können, wenn es keine andere Perspektive wie Betreutes Wohnen gibt“. Und so könnte das Konzept aussehen: „ Jeder Bewohner hätte sein eigenes kleines Haus mit grundlegender Möblierung und sanitärer Grundausstattung. Darüber hinaus würde es ein Verwaltungs- und Versorgungsgebäude als zentralen Treffpunkt geben.“

Für Frauen, Paare und Familien, die aktuell von Obdachlosigkeit betroffen sind, wird dem Antrag zufolge eine andere Unterkunftsform empfohlen. Hierfür ist der Ankauf eines Hauses durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobau und Anmietung durch die Stadt bereits in Planung und soll 2022 realisiert werden.

Zur konkreten Umsetzung von „Tiny Häuser“ in Marburg wird der Bau durch die Gewobau und eine Anmietung durch die Stadt vorgeschlagen. Die Gewobau sollte, wie bei den bisherigen Unterkünften am Ginseldorfer Weg im Waldtal, die Eigentümerin sein. Für die Unterbringung und den persönlichen Kontakt zu den Menschen wäre der städtische Fachdienst Wohnungswesen zuständig.   

 Den Vorstellungen von Spies zufolge sollten in einem Projektbeirat Kriterien für einen geeigneten Standort erarbeitet werden sowie die „frühzeitige Erarbeitung möglicher Ehrenamtsstrukturen, konzeptionelle Arbeit unter Berücksichtigung der Zielgruppe und der Nachbarschaft“. Dieser Projektbeirat sollte bei der Gewobau unter Einbindung der Mitglieder der AG Wohnungslosenhilfe eingerichtet werden.

AG Wohnungslosenhilfe

In der AG Wohnungslosen-hilfe finden unter Leitung der städtischen Sozialplanung ein regelmäßiger fachlicher Austausch und eine enge Abstimmung statt. Mitwirkende sind der Arbeitskreis Soziale Brennpunkte, BI Sozialpsychiatrie, Caritasverband, Diakonisches Werk Marburg-Biedenkopf, Eingliederungshilfe, Gewobau, GWH, Hephata, Soziale Hilfe, Stadtverwaltung, Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt.

Die verschiedenen Träger und Institutionen arbeiten zum Thema Obdachlosenhilfe gemeinsam in der Arbeitsgruppe des Runden Tisches „Wohnungslosenhilfe“ an der Weiterentwicklung dieser Strukturen auf der Grundlage eines Gesamtkonzeptes. Dies betrifft vor allem den Standort „Gisselberger Straße“ mit dem städtischen Übernachtungsheim, der Tagesaufenthaltsstätte und der Fachberatung des Diakonischen Werkes Marburg-Biedenkopf und die Obdachlosenunterkünfte der Stadt Marburg im Ginseldorfer Weg.

In der AG wurden neue Angebote, wie das „Probewohnen“ initiiert und es werden Konzepte wie das „Housing First“ besprochen. Ein aktuelles Thema ist die Suche nach einem geeigneten Standortersatz für die städtischen Obdachlosenunterkünfte, wobei eine Trennung nach Geschlecht angestrebt wird.

 Von Manfred Hitzeroth