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Marburg Ein Coronajahr mit Folgen
Marburg Ein Coronajahr mit Folgen
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07:58 09.03.2021
Wegen Corona geschlossen – das hieß es an vielen Eingangstüren Ende März 2020 zu Beginn des ersten Lockdowns.
Wegen Corona geschlossen – das hieß es an vielen Eingangstüren Ende März 2020 zu Beginn des ersten Lockdowns. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Heute (8. März) vor genau einem Jahr erreichte Corona den Landkreis Marburg-Biedenkopf – zumindest wurde da der erste nachgewiesene Infektionsfall entdeckt. „Erster bestätigter Fall im Landkreis“, titelte die OP am 9. März 2020. Eine 50 Jahre alte Frau war an Covid-19 erkrankt, glücklicherweise mit nur leichten Symptomen. Frau und Ehemann kurierten sich in häuslicher Quarantäne aus.

Reiserückkehrer aus Südtirol

Beide hatten sich zuvor in Südtirol aufgehalten, waren – Wochen nach den Wuhan-Reisen – die ersten Reiserückkehrer hierzulande, die das Virus ebenfalls unbewusst mitbrachten. Zwei Tage später wurde im Kreis der dritte Fall bestätigt – da galt Corona noch nicht als Pandemie. Die wurde von der Weltgesundheitsorganisation einen Tag später, am 12. März, offiziell als solche eingestuft.

Deren Verlauf wurde im Kreis an zahlreichen Stellen öffentlich oder weniger öffentlich sichtbar, von den Reiserückkehrern im Frühling über die ersten Ausbrüche in Altersheimen, Unternehmen, Schulen oder im heimischen Fußball. Zuvor im September überschritt der bereits als „Risikogebiet“ deklarierte Landkreis die dunkelrote Grenze des damals noch aus fünf Stufen bestehenden Corona-Eskalationskonzepts des Landes. Das war da noch mit einem Sieben-Tage-Inzidenz-Wert von 79,5, eine Zahl, die danach noch mehrfach überschritten wurde.

Inzidenz-Höchsttand im Kreis lag bei 258,1

So ändern sich die Zeiten und der Umgang mit Statistikwerten. Den unrühmlichen Höchststand bislang erreichte Marburg-Biedenkopf am 2. Oktober mit einer Inzidenz von 258,1. Das Robert-Koch-Institut meldete gar 300, was zu Verwirrungen um übermittelte Zahlen führte.

Viel getan hat sich in der Teststrategie, angefangen mit vereinzelten Testcentern, aus heutiger Sicht noch im Minimal-Format. Kurios: Mitte März 2020 gab es in ganz Hessen nur zehn Testcenter, deren Standorte zudem aus Angst vor Massenaufläufen noch geheim gehalten wurden – heute unvorstellbar. Ein Jahr später steht das Land vor der Masseneinführung von Selbsttest aus dem Supermarkt für den Corona-Check auf dem heimischen Sofa.

Nachbarschaftshilfe-Netzwerke

Schon früh und bis heute befeuerte die weltweite Krise zudem kluge Köpfe, Neues und Gewagtes zu (er)schaffen. Von Nachbarschaftshilfe-Netzwerken auf dem Land über kreative Online-Lösungen aus den Kirchen oder der Kulturszene bis zu Innovationen aus Medizin und Wissenschaft „made in Marburg-Biedenkopf“.

Man erinnere sich etwa an das Selfmade-Beatmungsgerät oder die ebenfalls von heimischen Ärzten und Wissenschaftlern direkt zu Pandemiebeginn entwickelte Web-App Covid-Online. Ein erster Leitfaden, um auftretende Krankheitszeichen – Fieber, Husten, Atemnot – einzuordnen. Die Webseite ging schon im April online, passend in einer Zeit, wo Menschen Orientierung brauchten, ebenso ein Massenansturm auf die Kliniken verhindert werden sollte.

Auch neue Begriffe fanden zwangsläufig ihren Weg in den alltäglichen Sprachgebrauch und die Berichterstattung: „Pandemieplan“, „Reproduktionswert“, „Inzidenz“, „Lockdown“, „Superspreader“ „PCR-Test“, „mRNA-Impfstoff“ und viele mehr. Sie bilden in gewisser Weise den Verlauf der Pandemie in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ab.

Das Ischgl-Stigma

Ein besonders unbeliebter Begriff dürfte der „Hotspot“ sein, der im besonderen Maße mit einem Ort verknüpft ist: Der Wintersport-Partyhochburg Ischgl, deren fragwürdiger Ruf im Zusammenhang mit Corona-Infektionsketten noch immer wie pandemischer Kleister an dem Ort zu kleben scheint. Ebenso wie an den Menschen, die sich vor einem Jahr dort zufällig aufhielten und bis heute diverse Ausschweifungen und Behördenfehler auszubaden haben.

Eine Kombination, deren Auswirkungen damals wohl nur die wenigsten vorhersehen konnten. Und von denen nicht nur feierwütige Partygänger betroffen waren, sondern auch Besucher, die abseits von Après-Ski und Dauerparty einfach Winterurlaub in den idyllischen Bergen machen wollten. Das Ischgl-Stigma machte aus Touristen plötzlich vermeintliche Täter. Waren sie doch „die ersten“ in der damals noch jungen Pandemie.

Der schlechte Ischgl-Ruf bleibt

Und das macht einstigen Corona-Patienten aus dem Kreis noch immer zu schaffen. Viele lehnten es ab, ihre Jahres-Erfahrungen mit Corona, die in Ischgl ihren Anfang nahmen, öffentlich zu machen und dabei ihr Gesicht zu zeigen. Etwa ein Ehepaar älteren Semesters, das mit einer Reisegruppe drei Tage im Schnee Urlaub machen wollte und infiziert zurückkehrte.

Der schlechte Ruf hält sich hartnäckig, bis heute seien Freunde überrascht, wenn er davon erzählt, berichtet der Ehemann der OP: „Was? Du warst in Ischgl? Oh mein Gott!“, sei eine häufige Reaktion. Als hätte er vorausahnen können, was dort passierte.

Ischgl ist nicht mehr das, was es einmal war

Diese Nachwirkungen halten länger an als die Überbleibsel seiner Covid-Erkrankung vor einem Jahr: Die leichten Fieber-Symptome waren nach wenigen Tagen passé, doch mehrere Monate lang litt er an Mattigkeit, sein Lungenvolumen war verringert, „ich war lange Zeit immer müde, bis in den Herbst hinein“.

Früher war Ischgl für ihn „einfach ein wunderschönes Ski-Gebiet, jetzt ist es leider verrufen“.

Von Ina Tannert

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