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Marburg Unterwegs mit dem Postboten
Marburg Unterwegs mit dem Postboten
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09:59 24.03.2022
Post Test
Post Test Quelle: Test
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Wetter

Ein stetes Gewusel herrscht in der riesigen Halle, gelb-blau gekleidete Post-Mitarbeiter laufen zielstrebig hin und her, schleppen Pakete, rollen riesige Wagen über den Beton. Irgendwo piept mal wieder ein Scanner. Stapel von Paketen in allen Größen wachsen überall in der gut sieben Meter hohen Halle in die Höhe. Wir stehen an einem sonnigen Dienstagmorgen mitten in der Packkammer im Zustellstützpunkt der Post in Wetter. Und wir stehen im Weg.

Wieder einmal fährt ein voll beladener Rollbehälterwagen an uns vorbei. Kiloweise Pakete, denen man besser schnell ausweicht. Den Wagen wuchtet eine Mitarbeiterin in Richtung Ausgang ins grelle Sonnenlicht und zu den wartenden Postautos, während die Kollegen bereits die nächste Fuhre stapeln.

Stillstehen gehört nun wirklich nicht zur Arbeit von Postzustellern. Sie legen am Tag alleine beruflich locker 20 Kilometer zu Fuß zurück. Und das macht Thomas Hofacker-Göbeler schon seit 22 Jahren mit voller Überzeugung und aus ganzem Herzen. Der Leiter fühlt sich sichtlich wohl in dem geschäftigen Trubel und hat hier alles im Blick. Er sorgt mit den Kollegen im Stützpunkt dafür, dass alles reibungslos über die Bühne beziehungsweise alle Briefe und Pakete dieses Arbeitstages in die richtigen Hände gehen.

Ihn dürfen zwei OP-Redakteure einen Vormittag lang begleiten und das nicht alleine – die beiden vierten Klassen der Berglandschule Bad Endbach sind per Livestream mit von der Partie. Sie nehmen am derzeit laufenden Projekt „Schüler lesen die OP“ des Hitzeroth Medienhauses teil und verfolgen von ihren Klassenzimmern aus mithilfe des Handys dieser OP-Redakteurin ganz genau, was da gerade bei der Post so abgeht.

Das Traditionsprojekt der OP

Das Schulprojekt „Schülerinnen und Schüler lesen die OP“ findet bereits zum 36. Mal statt. Mit Unterstützung der Kooperationspartner, der Deutschen Post DHL Group und der Deutschen Vermögensberatung, haben Schulklassen im ganzen Landkreis die Möglichkeit, über mehrere Wochen hinweg kostenlos die OP – in gedruckter oder digitaler Form – zu lesen und damit im Unterricht zu arbeiten.

Und das wird schon seit Februar rege genutzt, dieses Jahr nehmen rund 1350 Schülerinnen und Schüler aus rund 25 Schulen im Kreis teil und beschäftigen sich seit Wochen mit ihrer Tageszeitung, lernen das Zeitungswesen und viele Facetten der journalistischen Arbeit kennen. Mit dazu gehören mittlerweile auch virtuelle Schulstunden und Ausflüge mit den OP-Redakteuren via Webkonferenz oder Livestream.

Dort wirft Hofacker-Göbeler nochmal einen prüfenden Blick in die zweite große Halle neben der Packkammer, quasi das Herz der Briefpost. Im Inneren herrscht jeden Morgen ebenfalls buntes Treiben, ein Dutzend Kollegen wandert zwischen meterlangen Regalwänden umher, viele Hände füllen die unzähligen Ablagefächer – im Fachjargon Vorverteilspind genannt – von wo aus die Briefe nach Bezirken aufgeteilt werden. Insgesamt 18 Bezirke betreut der Wetteraner Zustellstützpunkt, von wo aus täglich bis zu 120 Pakete und 400 bis 600 Briefe in den Nordkreis wandern.

Und die 18 Zustellerkollegen treten nun nach und nach aus den Hallen ins warme Sonnenlicht und beginnen damit, ihre Postautos zu beladen. Briefe oder Kuverts sind da ja noch relativ einfach unterzubringen, bei den vielen Paketen ist aber Geschick gefragt, damit auch alle hinein passen. Ein bisschen erinnert das große Packen auf dem Parkplatz an das Spiel Tetris, bei dem man ebenfalls durchdacht und platzsparend arbeiten muss.

Dann sind die Autos voll beladen und bereit zum Ausrücken. Während sich die Kollegen brummend in alle Richtungen verteilen und hunderte Briefkästen ansteuern, steigt auch Hofacker-Göbeler mit dem allseits präsenten Scanner in der Hand ein.

Gefahr durch Hunde-Attacken

Die erste Station ist die Wetteraner Innenstadt. Er klingelt an der ersten von zahlreichen Haustüren, die er heute noch sehen wird. Niemand öffnet. Nicht ungewöhnlich für Postboten. Also kommt der mobile Drucker zum Einsatz, den er immer am Gürtel, also „immer am Mann“, trägt, erklärt er lachend. Damit wird der Kunde informiert, dass sein Paket am vereinbarten Ablageort auf ihn wartet. Den entsprechenden Zettel spuckt der Drucker direkt aus, „hier wird alles frisch gedruckt“, witzelt der Zusteller.

In der nächsten Straße kommt ein weiteres wichtiges Utensil im Postwesen zum Einsatz: Hundeleckerli. Tatsächlich hat er immer welche dabei, weiß genau, hinter welcher Tür schon ein Hund auf seinen täglichen Besuch wartet. Hunde sind ein großes Thema für Zusteller, es kommt immer wieder vor, dass sie gebissen werden.

Ob ihm das auch schon einmal passiert ist, möchten die Grundschüler wissen. Ja, schon mehrmals, verrät er. Ein Hundebiss direkt in die Schulter war dabei der heftigste Fall, eine der schlimmsten Erfahrungen des Zustellers. Zum Glück ist alles verheilt, kann er den Kindern berichten. „Viele Hunde freuen sich aber auch, wenn ich komme“. Seine besonders großen Hundekekse zeigen Wirkung, auch an der nächsten Haustür: Kaum schellt die Klingel, ist aufgeregtes Gebell zu hören. Die Tür geht auf und Hündin Emma kommt heraus geschossen. Die junge Schäferhündin rast dem fliegenden Leckerli zur Freude von Schülern wie Halterin sofort hinterher.

Diese Hundebegegnung geht gut aus. Auch Hofacker-Göbeler lacht, überreicht die Briefe und verabschiedet sich winkend. Er liebt seinen Job bis heute, verrät er. „Für mich stimmt einfach das gesamte Umfeld, die Kunden, das Miteinander mit den Kollegen, einfach der ganze Ablauf bei der Post und DHL“, schwärmt er.

Und abgesehen von wütenden Hunden überwiegen seit über 20 Jahren die schönen Erlebnisse, antwortet er auf eine weitere Frage: Vor allem, wenn langjährige Kunden ihm kleine Aufmerksamkeiten schenken, etwa im Winter etwas Heißes zu Trinken anbieten. Oder zu Ostern einen Schokohasen zustecken. Denn: „ Schokolädche, das geht immer“, lacht Hofacker-Göbeler in breitem Platt. „Das freut mich immer am meisten und macht meine Arbeit noch schöner.“

Von Ina Tannert

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