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Marburg In wänzigen Schlöckchen
Marburg In wänzigen Schlöckchen
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16:00 12.04.2022
Clubmitglied Reinhard Wilhelm verkostet mit Kennermiene einen Whisky.
Clubmitglied Reinhard Wilhelm verkostet mit Kennermiene einen Whisky. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Beim ersten Kontakt mit dem Marburger Whiskyclub gerät erst einmal ein Weltbild ins Wanken: Warum bloß stehen denn da Karaffen mit Wasser und sogar offene Bierflaschen auf der Theke, um die sich ein Dutzend Vereinsmitglieder drängt? „Na, Whisky ist eben auch nur Bier mit Destillationshintergrund“, erklärt Clubmitglied Holger Fuchs. Aha, denkt der Laie und wirft ganz schnell seine zwischen J.R. Ewing und Racke Rauchzart angesiedelten Klischees über Bord.

Die Gründung eines Whiskyclubs – eine sprichwörtliche Schnapsidee? Na ja, wie man’s nimmt: Die Idee zur Vereinsgründung reifte wie ein guter Single Malt langsam – nach einer ersten gemeinsamen Tour durch eine Reihe schottischer Destillen. Und es waren immerhin 16 Gründungsmitglieder, die dann Ende 2020 im altehrwürdigen Historischen Rathaussaal den Club aus der Taufe hoben. Wie sie ausgerechnet dahin kamen? Das mag daran liegen, dass der Vorsitzende des neu gegründeten Vereins Wieland Stötzel heißt – damals noch Bürgermeister der Universitätsstadt Marburg. Klingt alles ein wenig nach Geheimloge der außergewöhnlich durstigen Gentlemen, doch der Eindruck täuscht: Aufnahmerituale kennen die Freunde des feinen Tröpfchens nicht. „Bei uns sind auch Laien willkommen“, heißt es einmütig. Und die Laien kamen: Seit der Vereinsgründung hat sich die Mitgliederzahl verdoppelt.

Eines wird deutlich bei den Treffen: Whisky scheint – noch – überwiegend Männersache zu sein. Eine der zwei Frauen im Club ist Andrea Schroer, und sie erzählt: „Ich trinke schon seit Jahren Whisky – zusammen mit meinem Mann.“ Der sitzt lächelnd neben seiner Frau. Bernhard Schroer ist einer von zahlreichen Juristen im Rund des Whiskyclubs. Dort nennen sie Schroer „den Barden“, denn der Anwalt liebt nicht nur guten Whisky, sondern spielt auch gern Gitarre.

Fachbegriffe zum Mitreden

  • Alter: Das Alter bezeichnet die Zeit, während der Whisky im Holzfass lagert.
  • Bourbon: die bekannteste US-amerikanische Sorte. Bourbon Whiskey muss zu mindestens 51 Prozent aus Mais hergestellt sein. Darüber hinaus kommen Roggen, Weizen und Gerste zum Einsatz. „Straight Bourbon“ muss mindes-tens zwei Jahre reifen und darf nicht verschnitten werden.
  • Dram: bezeichnet die typische Menge eines eingeschenkten Whiskys. Das können zwischen 28 und 35 Milliliter sein – je nachdem, wie generös der Barkeeper ist.
  • Einzelfass: Es gibt sehr teure Whiskys, die aus nur einem Fass abgefüllt werden.
  • Fuselöle: Beim Gärprozess entstehen neben dem erwünschten Ethanol andere Substanzen, die unvermeidlich von der Hefe gebildet werden: die Fuselöle. Zu den Fuselstoffen gehören Methanol, Butanol, Hexanol und Propanol, die toxisch wirken und im Körper langsamer abgebaut werden als Ethanol – sie sind verantwortlich für den „Kater“ nach dem Alkoholgenuss.
  • Nosingglas: Glas, das sich besonders gut zum Riechen der Aromen eignet.
  • On the rocks: Whisky auf Eis.
  • Proof: Alte Alkoholstärke statt Alc. Vol.
  • Single Malt: Whisky aus gemälzter Gerste, der in einer einzelnen Brennerei hergestellt wurde.
  • Toasting: Erwärmen eines Fasses von innen, um Zellulose in Holzzucker zu spalten.
  • Uisge Betha: Gälisch für Wasser des Lebens. Daraus entstand der Begriff Whisky.
  • Whiskey/Whisky: Whiskey ist die irische und amerikanische Schreibweise, Whisky die schottische, kanadische und internationale

Der Chief fragt den Laien: „Was hast du in der Nase?“

So stehen sie denn entspannt beieinander, schnuppern an ihren Gläsern, tauschen sich aus, streiten auch mal darüber, ob da Butter dominiert oder doch eher Karamell. „Ist alles ziemlich subjektiv“, meint Carsten Dalkowski, der im Verein als zweiter Vorsitzender oder auch „Chief“ fungiert. Er fragt den Laien: „Na, was hast du denn in der Nase?“ Der Laie will sich nicht blamieren und pariert ein bisschen zögernd: „Irgendwie ein bisschen blumig frisch und leicht süßlich …“ Dalkowski schmunzelt und meint: „Sag ich doch, alles subjektiv – aber egal: Sag einfach am Ende ,Vanille’, das passt fast immer.“ Holger Fuchs ergänzt: „Bei jedem von uns ist die Sensorik biologisch bedingt anders.“ Die regelmäßigen Treffen mit immer anderen Tröpfchen im Glas und auf der Zunge sind also so etwas wie Trainingseinheiten. „Ja, da gibt es bei den meisten eine gewisse Lernkurve – aber der Weg ist das Ziel“, meint Fuchs.

Die Runde fachsimpelt indes nicht nur, es geht auch um Alltagsthemen, die Weltpolitik, um Fußball, Elternabende und gutes Essen oder einfach um Klatsch und Tratsch. So ein bisschen wie beim Stammtisch eben.

Die teuersten Whiskeys

Fachleute sind sich einig: Der „Macallan 1926 Fine & Rare“ ist derzeit der teuerste Whisky der Welt. Im Laden kann man ihn nicht kaufen, er wechselte bei einer Auktion den Besitzer – für schwindelerregende 1,45 Millionen Pfund, was einem Wert von knapp 1,7 Millionen Euro entspricht.
Auch Rang zwei nimmt ein Whisky aus der Macallan-Destille ein – ein Tröpfchen, das 1926 seinen Weg in ein Sherryfass und schließlich in Flaschen fand, die von dem irischen Künstler Michael Dillon verziert wurden. Dieses Kunstwerk – der Macallan 1926 Easter Elchie House – kam vor vier Jahren bei Christie’s unter den Hammer. Das Gebot, das den Zuschlag erhielt: 1,2 Millionen Pfund, umgerechnet 1,35 Millionen Euro.

Und eines ist den organisierten Freunden feiner Destillate ganz wichtig: Man veranstaltet keine ausufernden Saufgelage, sondern nippt ganz kultiviert in „wänzigen Schlöckchen“ an Whiskys, für die Flaschenpreise von 50, bisweilen auch 80 Euro oder mehr aufgerufen werden: „Beim Whisky geht es wie bei allen Genussdingen um Eigenverantwortung“, meint Matthias Preis und schwenkt sein Glas: „Also nicht so sehr um den Alkohol, sondern darum, Aromen kennenzulernen.“

Aromenfindung als Vereinszweck: Mehr aus Spaß stellte der Marburger Whiskyclub einen Antrag auf Gemeinnützigkeit. „Beim Finanzamt lachen die Beamten noch heute darüber“, sagt Dalkowski. „Wir sind ja auch nicht so die klassischen Vereinsmeier“, beteuert Holger Fuchs, und Ralf Evelbauer ergänzt: „Obwohl ich da keine einschlägige Erfahrung habe – es muss wohl so ein bisschen wie bei den Swingerclubs sein: Alles kann, nichts muss.“ So scheinen das mittlerweile ziemlich viele Menschen in Deutschland zu sehen, denn Holger Fuchs schätzt die Zahl der Whiskyclubs hierzulande mittlerweile auf etwa 80, und er sagt. „Da gibt es auch welche, die das sehr, sehr ernst nehmen.“ Ernst? Nicht in Marburg. Sláinte!

Von Carsten Beckmann