Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Eigenkompostierung statt Hochmoor-Torf
Marburg Eigenkompostierung statt Hochmoor-Torf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 26.05.2019
So wie hier in Großenwörden in Niedersachsen wird auch andernorts Torfabbau in großem Stil betrieben. – Beim Kauf von abgepackter Pflanzerde, sollte man tunlichst das Kleingedruckte lesen. Oft ist Torf beigemischt.  Quelle: BUND Lemgo
Anzeige
Marburg

Die Pflanzsaison hat wieder Fahrt aufgenommen. Jetzt holt der geneigte Kleingärtner das nach, was er zuletzt wegen Kälte und Nässe nicht erledigen konnte. Es wird gepflanzt, was das Zeug hält: im Nutzgarten, im Gewächshaus, im Blumenbeet oder in der Kräuterspirale auf dem Balkon.

Und damit die Pflänzchen ordentlich anwachsen, brauchen sie entsprechende lockere Erde. Was liegt da näher als der Gang in den nächsten Markt. Da gibt es Erde für alle Zwecke, für Tomaten, Geranien, ja sogar extra dunkle Graberde. Und damit man sich keine Gedanken über die Nährstoffzufuhr zu machen braucht, sind gleich Langzeitdünger beigemischt.

Anzeige

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) rät, genau darauf zu achten, was in der Gartenerde wirklich drin ist. „Da wegen der Zerstörung des wertvollen und inzwischen sehr raren Lebensraumes Hochmoore der Torfabbau in die Kritik geraten ist, steht auf den Produkten für den Garten nicht mehr der Begriff ,Torf‘ sondern ,Gartenerde‘, sagt ­Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo im Gespräch mit der OP.

Abbau wird ungehemmt fortgesetzt

Er hat sich intensiv mit diesem Thema im Zusammenhang mit dem Klimaschutz befasst. Nur wenn man beim Kleingedruckten nachsehe, entpuppe sich die Gartenerde oftmals als Mogelpackung, kritisiert er. Da finde man etwa die Information, dass es sich eigentlich um Torf handele.

Dieser habe wesentlich geringere­ Nährstoffwerte als etwa Rindenkompost oder Bio-Kompost, sagt er. Mit dem Kauf von Hochmoortorf-Produkten trage der unachtsame Verbraucher nicht nur zur Zerstörung des Lebensraumes für bedrohte Tier- und Pflanzenarten bei. Studien belegten, dass Hochmoore ein wichtiger und wertvoller Speicher für CO2 seien.

Obwohl Moore nur sehr langsam wachsen – 0,5 bis 2 Millimeter pro Jahr – hätten sie in den vergangenen 10.000 Jahren weltweit gigantische Mengen an CO2 aus der Atmosphäre in kohlenstoffreichen Torf umgewandelt, versichert er und erläutert weiter: „Durch die Speicherung von CO2 als Torf wirken Moore langfristig dem Klimawandel entgegen.“

Der Torfabbau sei Ursache für das massive Artensterben in den letzten noch intakten Mooren Europas. Trotz vieler Mahnungen seitens der Umweltorganisationen werde der Abbau ungehemmt fortgesetzt.

Eigenkompostierung: hochwertiger Dünger

Von daher wäre es sehr wichtig, auf den Kauf von Torf völlig zu verzichten und auf Alternativen zuzugreifen, so Hennebrüder. Mit der Eigenkompostierung von Garten- und Küchenabfällen könne man selbst hochwertigen Dünger erzeugen und so auf den Kauf von Torf verzichten, rät er.

Viele Gartenbesitzer benutzen lieber die Biotonne. Das spart die Arbeit mit der Kompostierung – etwa das Umsetzen des Kompostmaterials. ­Eine Kompost-Ecke im Garten ist manchem ein Dorn im Auge. Und dann hat manch einer Bedenken wegen etwaiger Geruchsbelästigungen.

Diese Thesen treffen teilweise auch auf mich zu. Allerdings nutze ich meine Biotonne für grünen Abfall, dessen Wurzeln und Samen ich nicht in meinem Kompost haben möchte.
Meine Familie hat sich schon vor 20 Jahren für einen doppelwandigen Thermokomposter entschieden, weil wir auf die Mitarbeit von Kompostwürmern setzen und die wiederum bei Mäusen und ­Ratten auf dem Speiseplan stehen.

Unser Mäuse-sicherer Komposter wurde aus recyceltem Kunststoff hergestellt, ist in wenigen Minuten aufgebaut und genauso schnell wieder zerlegt, wenn man ihn an anderer Stelle postieren möchte. Er steht direkt auf dem Boden. Ein engmaschiges Drahtgeflecht schützt vor dem Eindringen unliebsamer Nager.

Kompostwürmer sorgen für nährstoffreichen Humus

Auf chemische Zusätze zur schnelleren Kompostierung verzichte ich. Anstatt dessen habe ich mir vor ein paar Jahren von einem Gleichgesinnten eine Handvoll Erde mit Kompostwürmern geholt. Die vermehren sich prächtig – wenn man das Material schön feucht hält.

Und sie sorgen für nährstoffreichen Humus. Zuweilen verirrt sich auch der eine oder andere Regenwurm im Komposter, seine kleineren, spezialisierten Verwandten arbeiten allerdings im Gartenabfall effektiver.

Solcher Kompost sei das beste Düngemittel für Boden und Pflanzen und leiste einen wesentlichen Beitrag zur Gesunderhaltung des Bodens, und er stärke die Widerstandskraft der Pflanzen, weiß Hennebrüder.

Bei mir hat es eine ganze ­Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass der organische Dünger seine Wirkung langfristiger entfaltet. Und er wird nicht so schnell ausgewaschen wie mineralische Düngemittel.

Schlechte Erfahrungen mit billiger Gartenerde

Ohne Frage wird für die ­Herstellung chemischer Dünger viel Energie benötigt, ebenso für den Transport von Bioabfällen und Düngemitteln. Mancher kommunale Kompost weise zuweilen Fremd- und Schadstoffe auf, weil Biotonnen leider zum Teil mit Fremdmaterialien gefüllt würden, sagt der Experte­ vom BUND.

Dem will ich nicht widersprechen. Gleichwohl holen wir – nach anfänglichen schlechten Erfahrungen mit billiger Gartenerde – bei Bedarf Garten- oder Pflanzerde in der Kompostierungsanlage in Cyriaxweimar. Denn unsere Würmer können nur das verarbeiten, was wir in den Kompost geben.

Die Fahrt von Sinkershausen in den Marburger Stadtteil kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren. Denn neben meinem „ökologischen Reifen­abdruck“ zählt auch: Dort ­werden organische Materialien aus der Region sinnvoll verwertet und damit ­Arbeitsplätze ­geschaffen und gesichert. Gleichwohl bleibt unterm Strich die Erkenntnis: Eigenkompostierung ist eine sinnvolle Wiederverwertung organischer Abfallstoffe.

von Hartmut Berge