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Marburg Ziemlich beste Freunde
Marburg Ziemlich beste Freunde
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09:00 08.10.2019
Josephin Koch (links) und Naamiya Valentin verbringen viel Zeit miteinander. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Naamiya Valentin ist zehn Jahre alt. Sie liebt Tiere, geht regelmäßig reiten, spielt mit den Nachbarskindern draußen vor dem Haus Fußball. Und sie liebt ihren Bruder Lian. Der ist sieben Jahre alt, muss gepflegt werden, kann nicht alleine laufen und nicht sprechen. Bei der Geburt gab es Komplikationen, der Junge bekam nicht genug Sauerstoff, ist seitdem schwerst mehrfach behindert.

Naamiya hilft bei der Versorgung ihres jüngeren Bruders. Sie kann sogar schon den Schleim absaugen, unterstützt ihn beim Laufen, übernimmt Verantwortung. Auch wenn ihre Mutter das gar nicht möchte. „Sie braucht nicht helfen“, betont Esther Valentin. Aber Naamiya kümmert sich gerne. „Am liebsten kuscheln wir zusammen auf der Couch oder spielen zusammen auf der Rollenrutsche“, erzählt das aufgeweckte Mädchen.

Geschwister drohen unterzugehen

Beiden Kindern bei gemeinsamen Ausflügen gerecht zu werden, ist für die Eltern schwierig. „Das was Naamiya mag, ist für Lian uninteressant und andersrum ist es genauso“, berichtet Mama Esther Valentin von der Zwickmühle, in der sie stecken. „Es dreht sich meist ­alles um Lian. Arztbesuche, häusliche Kinderkrankenpflege, Therapeuten, alle kommen immer wegen ihrem Bruder“, sagt die 35-Jährige. 

Aber Josephin Koch kommt seit gut einem Jahr nur für Naamiya an den Friedensplatz. Die 26-Jährige ist Patin beim Projekt StarKids. Kinder, die mit chronisch kranken Geschwistern oder mit einem chronisch kranken Elternteil aufwachsen, haben die gleichen Herausforderungen. Sie wachsen mit anderen Werten auf, knüpfen nicht so schnell Freundschaften oder werden sogar ausgegrenzt, weil sie eine andere Sichtweise auf Menschen mit Behinderung haben.

Zeit für Freizeit und fürs Zuhören

Naamiya hat zwar viele Freunde, aber Josephin Koch hat einen besonderen Stellenwert für sie. Denn mit ihr macht die Schülerin all das, was ihr am meisten Spaß macht – Malen, basteln, musizieren, schwimmen, Kino- oder Kletterwaldbesuch. Manchmal sitzen sie auch nur zusammen und erzählen. Auf jeden Fall brauchen sie immer viel Zeit zusammen.

Esther Valentin merkt, dass der Austausch ihrem Kind gut tut. Dass Naamiya mal die erste Geige spielt und nicht Lian, dass jemand nur für ihre Tochter da ist. Jemand, der unbelastet ist, der nicht in den Familienalltag eingebunden ist. „Ich genieße das total“, sagt eine glückliche Naamiya. Vor kurzem hat sie sogar bei Josephin Koch geschlafen und die große Leinwand, die sie beim ersten Treffen zusammen bemalt haben, hängt über ihrem Bett.

Patin gehört schon zur Familie

„Es kommt mir vor, als wenn wir uns schon immer kennen. Das passt einfach“, gibt die Erzieherin zu, die nach ihrem Umzug nach Marburg eine neue Freizeit-Aufgabe suchte. „Ja, du gehörst auch schon zur Familie“, sagt Esther Valentin und Josephin Koch antwortet: „Ich freu mich auch immer, wenn ich da bin.“ Wenn Lian versorgt ist und Naamiya mit ihrer Patin unterwegs ist, dann nutzt das Ehepaar die gemeinsame Zeit für sich. „Das ist etwas, was wir viele Jahre nicht hatten. Das tut uns gut“, sagt Esther Valentin und schaut zu ihrer Tochter, die Josephin Koch gerade etwas lachend ins Ohr flüstert.

Die StarKids

„Starkids“ ist ein Projekt des Landkreises Marburg-Biedenkopf in Zusammenarbeit mit dem Kinderzentrum Weißer Stein in Wehrda. Das kostenfreie Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 14 Jahren, die mit einem chronisch kranken, pflegebedürftigen und/oder behinderten Elternteil beziehungsweise Geschwisterkind aufwachsen.
Das Projekt sucht immer Ehrenamtliche, die als Pate aktiv werden möchten. Interessierte sollten zuverlässig sein und Spaß im Umgang mit Kindern haben.
Die Betreuungszeiten sind flexibel und werden mit der Familie vereinbart.
Weitere Informationen gibt es bei Yvonne Schuss. E-Mail: ­­i.schuss@kize-weisser-stein.de, Telefon: 01 60 / 7 1 3 26 56.     

Von Katja Peters