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Marburg Eher ein soziales als ein religiöses Problem
Marburg Eher ein soziales als ein religiöses Problem
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09:58 06.11.2020
Johannes M. Becker glaubt, dass die islamistische Gewalteskalation in Frankreich eher ein soziales Phänomen ist. Quelle: foto: Thorsten Richter
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Marburg

Blutige, islamistisch motivierte Gewalttaten erschüttern Frankreich – und mittlerweile auch Österreich. Welchen Ursprung die Eskalation zumindest in Frankreich hat, versucht der Marburger Friedens- und Konfliktforscher Privatdozent Dr. Johannes M. Becker zu erklären. „In dieser Häufung ist das schon schockierend und die Taten sind durch nichts zu rechtfertigen“, bilanziert der Experte für französische Politik die Tötung des Lehrers Samuel Paty in Paris und die darauf folgende Messerattacke von Nizza: „Aber wirklich überraschend ist das nicht.“ Genaue Zahlen werden in Frankreich nicht erhoben, doch die muslimische Bevölkerung dort wird auf zwischen fünf und neun Millionen geschätzt. „In den Vorstädten von Metropolen wie Paris, Marseille und Lyon gibt es seit Jahrzehnten Parallelgesellschaften“, sagt Becker, der selbst bis zu einem Drittel des Jahres in Frankreich lebt. Seine Beobachtung: „Insbesondere die jugendlichen Migranten fühlen sich nicht angenommen.“ Der Staat gaukele ihnen vor, Franzosen sein oder werden zu können, weil sie auf französischem Boden geboren worden seien. „Doch die Generation der unter 30-Jährigen sagt: Ich habe zwar einen französischen Pass, aber man will mich hier nicht.“ 40 Prozent der nicht-muslimischen Bevölkerung in Frankreich lehnt aktuellen Umfragen zufolge die muslimische Minderheit ab – „eine Katastrophe“, wie der Politikwissenschaftler befindet. „Wenn Präsident Macron angesichts der jüngsten Gewalttaten sagt, er lehne nicht den Islam, sondern den Islamismus ab, dann ist das zwar gut“, urteilt Becker: „Doch er muss stärker auf die Befindlichkeiten dieser Millionen Menschen eingehen.“ Weit in den Rückspiegel der Geschichte müsse man schauen, um zu verstehen, wie der Nährboden für die unfassbaren Gewalttaten der zurückliegenden Tage entstehen kann. Becker setzt bei der Kolonialgeschichte Frankreichs an, kritisiert das militärische Engagement Frankreichs in Afghanistan, dem Irak, Libyen oder Mali. Das manifestiere sich im Massenbewusstsein der muslimischen Bevölkerung ebenso wie der vermeintliche Umstand, dass islamistische Terrororganisationen wie der IS oder Al Kaida das „herrschende System bekämpfen“.

Um diesem Klima der latenten Gewaltbereitschaft entgegenzuwirken, müsse Frankreich ein neues Programm auflegen, wie es Mitte der 1990er-Jahre unter Staatspräsident Jacques Chirac und Regierungschef Lionel Jospin realisiert wurde. „Damals wurden 700 000 junge Menschen für fünf Jahre in Arbeit und Ausbildung gebracht“, ruft Becker in Erinnerung: „Ich kann nur dazu raten, erneut ein solches Willkommensprogramm ins Leben zu rufen, um den Jugendlichen anzubieten, vom Objekt zum Subjekt zu werden.“ Generell hält der Marburger Wissenschaftler die Eskalation islamistischer Gewalt in Frankreich nicht so sehr für ein religiöses, sondern vielmehr für ein soziales Problem. Die französische Regierung sei spätestens seit der „Gelbwesten“-Proteste im vergangenen Jahr stark verunsichert – ein Zustand, der durch die gegenwärtige Pandemie-Situation eher noch verstärkt werden dürfte. „Vielleicht sagt sich die Regierung ja jetzt: Wir müssen etwas tun für die muslimische Gesellschaft.“ Das allerdings dürfte dem Rest der französischen Gesellschaft nicht allzu leicht zu vermitteln sein im aufgeheizten Klima der Tage nach den Gewalttaten. Die französische Rechte versuche schon, die Taten von Paris und Nizza für ihre Anti-Migrations-Demagogik zu instrumentalisieren: „Aber ,Rassemblement National’ – früher ,Front National’ ist in diesen Tagen viel zu sehr mit den eigenen innerparteilichen Spaltungsprozessen beschäftigt, als dass die Rechte wirklich Kapital aus den Ereignissen schlagen könnte“, glaubt Becker.

Von Carsten Beckmann