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Marburg Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“
Marburg Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“
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19:00 01.08.2019
Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier (links) sitzt an einem Tisch mit Gutachtern und Nebenklagevertretern. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Weitere einstige Ausbildungs-Kolleginnen wurden unter anderem zu ihrem Eindruck von Elena W. befragt. Weitere Fragen des Gerichts betrafen den Leistungsdruck in der Ausbildung und mögliche Ohnmachtsanfälle bei der heute 29-Jährigen.

Elena W. wird vorgeworfen, vor dreieinhalb Jahren auf der Neugeborenen-Intensivstation des Uniklinikums drei frühgeborenen Kindern ärztlich nicht verordnete Medikamente gegeben zu haben. Dabei handelte es sich um die Narkosemittel ­Midazolam und Ketamin.

Die insgesamt acht gestern vernommenen Zeuginnen berichteten gewissenhaft von ihrer Ausbildungszeit mit der Angeklagten. Allerdings ließen die Erinnerungen der Frauen im Alter zwischen 28 und 30 nach mittlerweile sechs verstrichenen Jahren seit ihrem Examen naturgemäß nach. Insgesamt beschrieben die Zeuginnen Elena W. als „freundlich und hilfsbereit“ – sie sei „einfach ein nettes Mädchen“ gewesen, gab eine 29-Jährige zu Protokoll.

Unterschiedliche Aussagen über Verhältnis zu den Eltern

Eine andere Zeugin berichtete jedoch, sie habe Elenas nach außen stets freundliche Art „durchschaut“ und beschrieb sie als „hinterhältig und nicht ehrlich“. Einige Zeuginnen sprachen zudem von einem angespannten Verhältnis der Angeklagten zu ihren Eltern, das für zusätzlichen Druck in der Ausbildung gesorgt habe. Dem entgegen steht die Aussage einer 30-Jährigen, Elena W. habe „guten Kontakt“ zu ihren Eltern gehabt.

Die Leistungen der Angeklagten in der Ausbildung würden sie eher im „unteren Drittel“ verorten, urteilten ihre Mitschülerinnen übereinstimmend. Ob dies an mangelhaftem Lernverhalten oder dem für sie zu hohen Ausbildungsniveau gelegen habe, konnte jedoch keine der Zeuginnen beantworten. Eventuelle Schlafprobleme während Stressphasen seien eigentlich nicht auffällig gewesen – nur, als es zu den ersten Nachtdiensten gekommen sei, erzählte ­eine heutige Krankenpflegerin. Ob Elena W. deswegen zu Medikamenten gegriffen habe, wisse sie jedoch nicht.

Zeugin: Mitschülerin „sehr oft zusammengebrochen“

Die 29 Jahre alte Zeugin aus Bielefeld sprach auch über ­gesundheitliche Probleme von Elena W. in ihrer Ausbildungszeit. Sie sei „sehr oft zusammengebrochen“ hatte die Zeugin bei ihrer polizeilichen Vernehmung ausgesagt. Zwar habe sie die Vorfälle nie persönlich miterlebt, jedoch habe ihre damalige Mitschülerin ihr persönlich davon berichtet: „Deswegen war sie auch im Krankenhaus in Behandlung“, erklärte die Zeugin.

Die Ursache für die Schwächeanfälle sei jedoch unklar geblieben. Auch Personal der Intensivstation, auf der die Frühchen zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 vergiftet wurden, hatten von einem Ohnmachtsanfall von Elena W. berichtet.

von Melchior Bonacker