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Marburg 100 Jahre alt und voller Freude
Marburg 100 Jahre alt und voller Freude
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09:58 06.08.2021
Edith Eberhardt blickt von ihrem Balkon im betreuten Wohnen am Elisabethenhof ins Grüne.
Edith Eberhardt blickt von ihrem Balkon im betreuten Wohnen am Elisabethenhof ins Grüne. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Ihr Lachen ist ansteckend. Wenige Tage vor ihrem 100. Geburtstag ist Edith Eberhardt ein bisschen aufgeregt. „Also ne, dass ich so alt werde, damit hätte ich nicht gerechnet“, sagt sie und lacht wieder los. Edith Eberhardt ist vergnügt.

Auch wenn sie es nicht immer leicht hatte, hat sie sich doch stets ihre positive Lebenseinstellung beibehalten. „Ich hab immer noch das Beste draus gemacht“, sagt sie lächelnd, nickt und trinkt ein Schlückchen Kaffee aus einer mit Blumen verzierten Porzellantasse.

Geboren wird Edith Eberhardt drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges am 6. August 1921 in Marburg. Sie wächst im Waisenhaus auf. Als Schulkind verschlägt es sie nach Liegnitz im heutigen Polen zu Pflegeeltern. Als 13-Jährige zieht sie nach Kassel, wo sie die Schule beendet. Sie beginnt eine Ausbildung in einem Hotel mitten in der Stadt.

Die Arbeit macht ihr großen Spaß, doch die Bombennacht 1943 in Kassel verändert alles. Am 22. Oktober 1943 fliegt die alliierte Luftwaffe einen der schwersten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Neben Dresden gehört Kassel zu den deutschen Städten mit den höchsten Opferzahlen. Etwa 400 000 Brandbomben hageln auf die Stadt nieder, die fast komplett zerstört wird. 10 000 Menschen sterben. Edith Eberhardt überlebt wie durch ein Wunder. Heute – 78 Jahre später – kann oder mag sie sich daran nicht erinnern. „Denk an die guten Dinge und vergiss die schlechten“, scheint ihr Lebensmotto zu sein – verständlicherweise.

Nach dem Krieg bleibt sie im zerstörten Kassel. Sie heiratet und bekommt zwei Kinder. Bis zu ihrem 65. Lebensjahr arbeitet sie in einer Fabrik, in der sie Pakete verpackt. „Jeden Morgen hab ich um sechs Uhr angefangen und war nicht einen Tag krank“, betont sie. 1995 stirbt ihr Ehemann nach einer schweren Erkrankung.

Später, mit 80 Jahren, zieht sie zum Sohn ins Haus. Leider stirbt er mit nur 64 Jahren. So steht für sie mit 98 Jahren noch ein Ortswechsel an. Sie zieht zurück in ihre Geburtsstadt nach Marburg in den Elisabethenhof – in die Nähe ihrer Tochter.

Auch wenn sie immer ein Stadtkind war, erinnert sie sich doch gern zurück an ihr Landjahr. So nannte man es ab der Weimarer Republik, wenn Jugendliche zum Helfen in die Landwirtschaft geschickt wurden. „Eine schöne Zeit“, sagt sie heute. Der Bauer, bei dem sie mithilft, meint es gut mit ihr. „Hat immer gesagt, Mädchen, nun iss doch noch eine Portion, damit du was wirst“, erinnert sie sich. Aber das Beste seien die Abende gewesen, an denen sie sich mit ihren Freundinnen nach getaner Arbeit traf. „Da haben wir immer zusammen geschnuddelt“, schwelgt sie strahlend in Erinnerungen. Schnuddeln – also ein Schwätzchen halten – tut Edith Eberhardt noch heute gern. Am liebsten mit ihrer Tochter Melitta Trümper, die sie täglich besucht. Gemeinsam lachen sie viel, die beiden. Tochter und Schwiegersohn umsorgen die Seniorin. Auch ihre drei Enkel besuchen sie oft. Zudem hat sie noch vier süße Urenkel.

In der gemütlichen Wohnung des betreuten Wohnens am Elisabethenhof am Rotenberg fühlt sie sich wohl. Morgens macht sie ihr Frühstück selbst. Und aufräumen tut sie täglich, das ist ihr wichtig. Auch wenn sie nicht mehr so gut hört und das ein oder andere Zipperlein sie plagt, beschweren würde sich Edith Eberhardt nie. „Ich bin zufrieden. Würde ich mich beschweren, wäre das eine Sünde“, findet sie – und lacht wieder.

Von Nadine Weigel