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Marburg Inhaltsstoffe von bunten Tätowierfarben verboten
Marburg Inhaltsstoffe von bunten Tätowierfarben verboten
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12:00 05.01.2022
Auszubildende Carsta Spies (v.l.), Tätowierer Robert Preiß und Tätowiererin Nicola Neumann schauen sich Motive an
Auszubildende Carsta Spies (v.l.), Tätowierer Robert Preiß und Tätowiererin Nicola Neumann schauen sich Motive an Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wer ein Fußballspiel etwa in der Bundesliga oder ein Rock- der Popkonzert sieht, dem springen Tattoos auf Armen, Beinen, Oberkörpern oder gar Gesichtern geradezu ins Auge. Ließen sich früher vor allem Seeleute ein Tattoo als Erinnerung an ihre Liebsten stechen, so ist inzwischen fast jeder elfte Deutsche ab 16 Jahren tätowiert.

„Jeder lässt sich heute tätowieren“, sagt Anastasia „Asja“ Kaschte. Die 35-jährige Illustratorin tätowiert seit sechs Jahren und hat ein eigenes Tätowier-Studio in Marburg. „Lehrer, Polizisten, Studenten, Krankenschwestern“ zählen zu ihren Kundinnen und Kunden.

Tattoos boomen seit Langem. Jahrelang gingen die Zahlen steil nach oben. Allein in Marburg gibt es inzwischen rund zehn Tattoo-Studios. Doch nun bangen viele Tätowierer um ihre Zukunft. Der Grund: Zum 4. Januar hat die Europäische Union fast sämtliche bunten Tätowierfarben verboten. Es geht nicht um die Farben an sich, sondern um deren Inhaltsstoffe. Etwa 4000 Substanzen sind betroffen, darunter auch Nagellacke und Lippenstifte.

Preiß: „Jeder lässt sich heute tätowieren“

Für die Tattoostudios bedeutet dies: Es sind fast nur noch dunkle Töne verwendbar. Wer ein farbiges Tattoo möchte, muss derzeit eigentlich abgewiesen werden. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) reagiert mit der sogenannten Reach-Verordnung auf potenzielle Nebenwirkungen von bunten Tattoofarben wie Hautallergien, theoretisch möglichen genetischen Mutationen oder gar Krebs. Auf der Bannliste stehen Tausende Substanzen, die aus Sicht der EU potenziell gefährlich oder nicht ausreichend erforscht sind. Das Ziel des Verbotes sei nicht, Tätowierungen zu verbieten, sondern Tätowierfarben und Permanent-Make-up sicherer zu machen, so die EU-Behörde.

Robert Preiß tätowiert seit 38 Jahren und seit 23 Jahren in Marburg und ist damit einer der erfahrensten Tätowierer weit und breit. Ihm gehört das Studio Tintenschrey in Marburg. Der 53-Jährige vermutet: „Ich habe das Gefühl, dass die versuchen, uns alle kaputtzumachen.“ Mit „die“ meint er die EU und die Regierungen, mit „uns“ ihn selbst und seine Kolleginnen und Kollegen. Dabei haben Tattoos längst das Schmuddelimage früherer Jahre verloren. „Jeder lässt sich heute tätowieren“, weiß Preiß aus Erfahrung, „vom Mini-Jobber bis zum Banker. Selbst Ötzi war tätowiert.“

Neue Farben

Die Auswirkungen der EU-Anordnung auf die Boom-Branche sind enorm. Sie treffen auch Asja Kaschte, die eigentlich traditionell in Schwarz und Grau arbeitet. „Bis Ende Dezember gab es nur noch eine einzige zugelassene schwarze Farbe“, sagt sie. „Ein bisschen Angst um die Zukunft habe ich schon.“ Sie befürchtet einen Tattoo-Tourismus in Länder, in denen die in der EU verbotenen Tattoo-Farben weiter erlaubt seien.

Die meisten bisher genutzten Tattoo-Farben sind seit gestern in der aktuellen Zusammensetzung verboten. Auf dem deutschen Markt verfügbare Farben entsprechend der EU-Verordnung sind bislang nur Schwarz, Grau, Weiß und vorerst bis Januar 2024 die Pigmente „Blau15“ und „Grün7“.

Allerdings reagieren inzwischen die Hersteller. Kein Wunder: Der Markt ist riesig. Der Filzstift-Hersteller Edding etwa hat Reach-konforme Farben. Allerdings seien die Packungsgrößen sehr ungünstig, man müsse viele Reste wegwerfen, meint Robert Preiß. Er selbst ist bereits fündig geworden. „Ich habe einen Hersteller gefunden und habe alle Farben, die den Vorgaben entsprechen“, sagt er. Verraten will er ihn nicht. Die Kolleginnen und Kollegen sollten ruhig selbst suchen.

Noch eine Frage für Tattoo-Laien. Wie weh tut tätowieren eigentlich? „Das ist Kindergarten“, sagt Preiß. „Wie ein Sonnenbrand, über den man mit einem Fingernagel kratzt.“

Von Uwe Badouin

05.01.2022
04.01.2022