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Marburg Ein Plädoyer für mehr Toleranz
Marburg Ein Plädoyer für mehr Toleranz
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23:00 13.04.2022
Dunja Hayali war zu Gast bei der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen.
Dunja Hayali war zu Gast bei der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen. Quelle: Nadine Weigel
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Angefeindet. Bespuckt. Mit dem Tod bedroht: All das sind Dinge, mit denen sich die Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali auseinandersetzen muss, weil sie in den sozialen Netzwerken „klare Kante“ zeigt. „Bei den Todesdrohungen gegen mich oder meine Familie ist Schluss“, sagt sie, „dann wird der Anwalt eingeschaltet.“

Den Rest, den heiße sie nicht gut – halte es aber aus. Denn Hayali hat eine Mission: Den Menschen wieder die Augen dafür zu öffnen, „dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt“. Zu stark wären gerade „in den asozialen Netzwerken“, wie die Journalistin Twitter, Facebook & Co. nennt, distanzlose Maximalforderungen an der Tagesordnung. „Und diese schwappen immer wieder in die Realität, gefährden die Demokratie“, sagt Hayali während der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen. Beispiel dafür sei etwa der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der im Internet seinen Anfang genommen habe.

Maximalforderungen gebe es beispielsweise auch beim Thema „Gendern“. Hayali tue es – „aber wer das nicht möchte: Lassen Sie’s“, sagte sie. „Es ist ja kein Zwang. Sie lassen mich machen – und ich lasse Sie machen. Aber das funktioniert in unserer Gesellschaft mittlerweile nicht, weil immer irgendjemand recht haben will.“ Genau das sei das Problem.

Doch warum ist das so? „Weil die Welt immer komplexer wird“, sagt die Journalistin. Früher habe es drei Programme gegeben, und manche Informationen habe man erst Tage später erfahren. Doch heute, im Dauerfeuer der Nachrichten, gebe es quasi kein Entrinnen mehr: Klimakrise, Coronakrise, Ukraine-Krieg – die Themenlage werde immer unübersichtlicher, Nachrichten seien omnipräsent. Und würden nicht immer stimmen.

So leicht, wie „Fake News“ verbreitet werden könnten – so schwer sei es, sie wieder einzufangen. Dunja Hayali verwehrt sich allerdings gegen den Begriff. Denn: „Entweder es sind News – oder es ist Fake. Beides zusammen geht nicht.“ Wichtig sei für seriösen Journalismus, immer auf seriöse Quellen – und zwar mindestens derer zwei – zurückzugreifen. „Es ist nicht wichtig, dass wir etwas als erste twittern. Wichtiger ist, dass die Nachricht stimmt“, so Hayali.

Doch berge dieses Vorgehen die Gefahr, „dass man uns dann sofort vorwirft, wir wollten etwas unter den Teppich kehren. Das ist totaler Quatsch: Meine Aufgabe als Journalistin ist genau das Gegenteil“, verdeutlicht sie.

Auch gebe es „keine Lügenpresse, das ist Quatsch – aber eine Lückenpresse. Denn wir können Ihnen nicht alles, was in der Welt passiert, präsentieren.“ Sie verdeutlicht das mit der Google-Suche nach „Ukraine-Krieg“ – 107 Millionen Ergebnisse werden angezeigt, täglich werden es mehr. „Natürlich wählen wir Nachrichten aus“, sagt Hayali. Gerade während des Kriegs sei das „unglaublich schwierig“, weil die Quellenlage nicht eindeutig sei.

Und dann verdeutlicht sie, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen: Am Anfang der Veranstaltung hatte die Journalistin ihren Lebenslauf auf die Leinwand projiziert. Und fragt später: „Vertrauen Sie mir? Haben Sie die Infos hinterfragt?“ Nein, haben die Zuschauer nicht – und so blieben die „kleinen Lügen“ unentdeckt: Hayali ist nicht 46, sondern 47 Jahre alt, hat nie für die ARD oder in leitender Funktion gearbeitet oder gar Politikwissenschaft studiert. „Seien Sie immer kritisch“, fordert sie – „denn auch wenn Sie Nachrichten, die Sie erhalten, unkritisch teilen und diese nicht überprüfen, tragen Sie eine Verantwortung.“

Und wem die Nachrichtenflut zu schaffen mache, für den hat Hayali einen Rat: „Einfach mal alles abschalten.“

Von Andreas Schmidt

13.04.2022
13.04.2022