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Marburg Düsteres Märchen mit strahlendem Helden
Marburg Düsteres Märchen mit strahlendem Helden
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16:53 25.08.2021
Die Marburger Autorin Stefanie vor Schulte veröffentlicht ihr Romandebüt beim Schweizer Diogenes-Verlag.
Die Marburger Autorin Stefanie vor Schulte veröffentlicht ihr Romandebüt beim Schweizer Diogenes-Verlag. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Jeder Buchverlag hofft insgeheim, in der Flut der eingesandten Manuskripte eine Perle zu entdecken. Der Marburger Buchhändler Klaus Kaltenbach ist überzeugt – er hat eine solche Perle entdeckt: Den Debütroman der in Marburg lebenden Autorin Stefanie vor Schulte. Spricht er über „Junge mit schwarzem Hahn“, gerät er ins Schwärmen. Jeder, der den Roman beginne, sagt er, werde, nein, müsse ihn zu Ende lesen. Er sei ein Meisterwerk.

Klaus Kaltenbach ist Vertreter des renommierten Schweizer Diogenes-Verlags, der Bestseller-Autorinnen und -Autoren wie Donna Leon, Paulo Coelho, Ingrid Noll, Martin Suter oder Loriot verlegt. Und nun das Debüt von Stefanie zur Schulte. Startauflage: 10 000 Exemplare für ein Debüt einer (noch) gänzlich unbekannten Autorin. Das Hörbuch mit der Stimme des österreichischen Schauspielers Robert Stadlober („Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“) ist ebenfalls bereits fertig.

Die Buchpremiere wird von der Buchhandlung am Markt in Marburg ganz groß präsentiert: am kommenden Sonntag, 29. August, um 13 Uhr. Die Buchhandlung hat dafür die Marburger Schlossparkbühne gemietet und als Alternative – sollte das Wetter nicht mitspielen – das Capitol-Kino in der Biegenstraße. Unterstützt wird die Veranstaltung vom Diogenes-Verlag und dem Fachdienst Kultur der Stadt Marburg.

Stefanie vor Schulte wird nicht selbst lesen, das übernimmt der Marburger Schauspieler Daniel Sempf. Zudem gibt es ein Gespräch der Autorin mit Professor Dr. Heiner Boehnke, der an der Goethe-Universität Frankfurt und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrte.

Kaltenbach und der Verlag haben zur Buchpremiere Buchhändlerinnen und Buchhändler aus ganz Deutschland eingeladen und in Oberstadtrestaurants Tische reserviert. Buchhändler sind wichtige Multiplikatoren. Wenn ihnen das Buch gefällt, wenn sie es ihren Kundinnen und Kunden aus Überzeugung empfehlen, dann hat der „Junge mit schwarzem Hahn“ gute Chancen auf dem ebenso heiß umkämpften wie unübersichtlichen Buchmarkt. Unter den Gästen sind auch Buchhändlerinnen und Buchhändler, deren Geschäfte bei der Flutkatastrophe an der Ahr und in der Eifel komplett zerstört wurden.

„Schreibzeit gibt es eigentlich gar nicht“

Stefanie vor Schulte ist dieser große Bahnhof fast ein wenig peinlich. Sie ist 46 Jahre alt. Vor drei Jahren ist sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern – 3, 4, 11 und 14 Jahre alt – aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Marburg gezogen, lebt heute im Südviertel. Marburg sei „sehr schön, sehr grün, toll für Kinder“, sagt sie im Gespräch mit der OP.

Wie schafft man es mit vier jungen Kindern, einen Roman zu schreiben? „Schreibzeit gibt es eigentlich gar nicht“, sagt sie lachend. „Feste Zeiten habe ich nicht. Irgendwas ist immer.“ Bei vier Kindern kein Wunder. Weil dies so sei, schreibe sie mit der Hand. „Das kann ich überall machen, mit dem Baby auf dem Arm, sogar im Dunkeln.“ Ein Jahr lang habe sie an „Junge mit schwarzem Hahn“ geschrieben, die wenige Zeit, die ihr blieb, hochkonzentriert genutzt. „Man hat immer nur einen Schuss am Tag und der sollte sitzen“, erklärt sie.

Stefanie vor Schulte kommt eigentlich vom Theater. Sie ist ausgebildete Kostüm- und Bühnenbildnerin. Sie hat am Staatstheater Kassel gearbeitet, dann in Dresden an der Akademie der Künste studiert, 2002 dort ihr Diplom gemacht. „Aber mir war relativ schnell klar, dass ich für ein Theaterleben nicht gebaut bin. Ich wollte Privatleben, ich wollte Kinder.“ Danach hat sie unter anderem Drehbücher geschrieben. „Nicht sehr erfolgreich“, sagt sie. „Ich habe viele Rückschläge erlitten.“

Jetzt könnte es sein, dass ihr der Durchbruch gelingt mit einem großen, bedeutenden Verlag im Rücken, der an sie und ihr Buch glaubt. Im Zentrum ihres Romans, angesiedelt irgendwo zwischen Schauerroman, Parabel und düsterem Märchen, steht der Junge Martin. Er wächst auf in einer Welt, die nicht genau benannt ist. Dies gilt auch für die Zeit. Doch die Leser denken unwillkürlich an das Mittelalter. Zu schmutzig, zu elend ist diese Welt, die sie zeichnet. Zu abergläubisch sind die Menschen, die sie bevölkern.

„Erst war das Bild da, dann kamen die Sätze“

„Zuerst war das Bild des Jungen da, dann kamen die Sätze“, sagt Stefanie vor Schulte. „Er ist jetzt elf. Sehr groß und dünn. Er lebt von dem, was er verdient. Sonntags aber wird nichts verdient, da muss er fasten. Er wächst trotzdem. Wann ihm wohl mal ein Kleidungsstück passt? Immer sind die Hosen zu groß und im nächsten Augenblick zu klein.“

Mit diesen Worten stellt die Autorin ihren ungewöhnlichen Helden vor. Er ist immer freundlich, hilfsbereit, klug – und das in einer grausamen Welt, in der gemeine und dumme Menschen das Sagen haben. Martin ist ein Außenseiter. Betont wird dies durch einen schwarzen Hahn, der ihn überall begleitet. Die Menschen halten ihn deshalb für einen Teufel.

Stefanie vor Schultes Sätze sind kurz, knapp, von großer Klarheit. Und sie sind sehr bildhaft. Jede Szene, die sie schreibt, taucht vor dem inneren Auge der Leser auf wie ein Film. Und Klaus Kaltenbach hat recht: Wer das Buch beginnt, wird hineingerissen in dieses düstere Märchen mit dem strahlenden Helden.

Karten für die Lesung gibt es zum Preis von 12 Euro, ermäßigt 8 Euro gibt es in der Buchhandlung am Markt.

Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“, Diogenes-Verlag, 227 Seiten, 22 Euro. Der Roman erscheint heute.

Von Uwe Badouin

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