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Marburg Düstere Perspektiven für eine ganze Branche
Marburg Düstere Perspektiven für eine ganze Branche
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08:45 31.07.2020
„Endlich wieder – das Kino“ steht auf einem Plakat am Eingang des Marburger Cineplex, das am 10. Juni wieder eröffnet wurde. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Nach Wochen ist der Optimismus Ernüchterung gewichen. Die Kinogänger kommen nicht. Es gibt Vorstellungen, in denen zwei bis zehn Besucher in einem Saal sitzen, der 450 Gästen Platz bieten würde.

Die Zahlen sind ernüchternd, so die Marburger Kinobetreiberin Marion Closmann: „Es wäre ökonomisch besser, ich würde die Kinos unter diesen Bedingungen vorübergehend geschlossen halten. Dass wir die Kinos trotzdem offen haben, ist für mich eine Investition in die Zukunft.“

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Die Gründe für den Einbruch in der deutschen Kinolandschaft sind vielfältig. Einerseits haben viele Menschen Angst, sich anzustecken – obwohl die Corona-Raten insbesondere im Landkreis Marburg-Biedenkopf sehr niedrig sind.

Aerosolstudie: Kinoluft besser als in den Büros

Zudem hat der Hauptverband deutscher Filmtheater (HdF), der mehr als 600 Unternehmen mit mehr als 3.300 Kinoleinwänden vertritt, eine Studie zur Aerosolbelastung in den Kinos in Auftrag gegeben.

Das Resultat: Die in der ersten Julihälfte vom Hermann-Rietschel-Institut (HRI) an der TU Berlin durchgeführte Atemluftstudie weist nach, dass Menschen während eines Kinobesuchs nur einem Bruchteil möglicher Aerosolmengen ausgesetzt sind, die man im Vergleich dazu im Umfeld eines Büroarbeitsplatzes findet. In der vom HRI durchgeführten Studie wurden die Aerosolkonzentrationen in zwei unterschiedlich großen Kinosälen im Vergleich zu einer Bürofläche als Referenz gemessen.

Das zweite große Problem der deutschen Kinos sind die Verleiher, genauer: die fehlenden großen Filme. Wegen der Corona-Pandemie wurden die Starts zahlreicher Blockbuster, wie man die Kassenfüller nennt, verschoben. Manche um Monate, manche gleich um ein ganzes Jahr.

Sci-Fi-Film „Tenet“ sorgt für Lichtblick

Sehnsüchtig wartet die Branche auf Filme wie Christopher Nolans „Tenet“ oder Disneys „Mulan“, die in einem normalen Jahr die Kinos über Wochen gefüllt hätten. Es ist ein Teufelskreis: Die Verleiher fürchten, ihre Millioneninvestitionen in Großproduktionen wie den neuen James Bond zu verlieren. Die Kinos aber brauchen genau diese Filme, um zu überleben. Denn kleine und oft künstlerisch anspruchsvolle Filme wie „Edison – ein Leben voller Licht“ oder „Marie Curie – Elemente des Lebens“, die trotz Corona starten, können dieses Defizit bei Weitem nicht auffangen.

Für Marion Closmann gibt es einen Lichtblick. „Tenet“ wurde inzwischen für den 26. August terminiert. Es wird (vermutlich) keinen Weltstart des 200 Millionen Dollar teuren Sci-Fi-Films geben, sondern länderspezifische Starts. OP und Cineplex planen eine große Vorpremiere. „Der Knoten in Hollywood scheint geplatzt zu sein“, sagt sie. „Jetzt müssen die anderen Verleiher, auch die deutschen, mitspielen.“

Krisenprobleme: Abstandsregeln und Streaminganbieter

Das dritte große Problem der Kinos sind die Abstandsregeln. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) spricht sich einem „Bild“-Bericht zufolge dafür aus, die Corona-Beschränkungen für Kinos zu lockern, um eine Pleitewelle in der Branche zu verhindern.

„Die Corona-Abstandsregel von 1,50 Meter ist ein Problem, weil die Säle zu großen Teilen leer bleiben müssen“, zitierte „Bild“ die CDU-Politikerin. Für Marion Closmann und ihre Kollegen bedeutet dies: Die Säle sind nur zu maximal 30 Prozent ausgelastet. Dies wiederum schreckt Verleiher ab. Ein Teufelskreis.

Das vierte existenzielle Problem sind die Streamingdienste: Netflix, Amazon Prime oder neuerdings Disney+ haben durch den Corona-Lockdown sogar zusätzlichen Auftrieb bekommen.

Kritik an Beschränkung auf 250 Besucher

„Es hängt vieles von der Politik ab“, sagt Marion Closmann. Sie kann sich beispielsweise nicht erklären, warum in Hessen Veranstaltungen auf 250 Besucher beschränkt sind. „Die OP-Vorpremiere in der Freilichtbühne war bereits am Mittag ausverkauft“, sagt sie. Sie müsse zahlreiche Interessenten abweisen, obwohl der Platz auf der Freilichtbühne trotz der Corona-Abstandsregeln locker für 300 bis 350 Besucher reichen würde und dies etwa in Nordrhein-Westfalen überhaupt kein Problem wäre.

Für Marion Closmann hat das Open-Air-Kino in diesem Jahr eine enorme Bedeutung, obwohl es ebenfalls wirtschaftlich nicht vertretbar sei. „Kino lebt vom Gemeinschaftserlebnis und der großen Leinwand. Wir können im Open-Air-Kino einen Kinobesuch in einem annähernd normalen Umfang anbieten.“

Appell an Politik: Rahmenbedingungen anpassen

Sie appelliert wie ihre Kollegen bundesweit an die Politik, die Rahmenbedingungen für einen Kinobesuch anzupassen. „Ich möchte deutlich betonen, dass ich den Lockdown und die Corona-Maßnahmen für richtig erachte und die gelungene Prävention ein Erfolg war“, sagt sie. „Es muss jetzt aber geguckt werden, wie man die Erfolge nicht riskiert und trotzdem wirtschaftliche Vernunft gelten lässt.

Angesichts der aktuellen Situation befürchtet sie in Deutschland ein Kinosterben mit Folgen für die gesamte Filmbranche: Produzenten, Verleiher, Schauspieler. „Es liegt an jedem einzelnen Betrieb, wie lang er durchhalten kann. Wir wollten in Marburg eigentlich in die Technik und weiteren Komfort investieren. Das dafür vorgesehene Geld schmilzt jetzt dahin“, sagt die Kinomacherin. Sie bleibt nach wie vor vorsichtig optimistisch: „Irgendwie werden wir unseren Platz zurückerobern. Es geht jetzt ums Durchhalten.“

Von Uwe Badouin

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