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Marburg Drei Metzger und ein Boot
Marburg Drei Metzger und ein Boot
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15:58 06.08.2021
Stellten die Imagekampagne für die Fleischerei-Berufe vor: der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (von links), Volker Breustedt (Leiter der Arbeitsagentur Marburg), Martin Meier (Obermeister Fleischer-Innung), Uwe Kreiter (Kreisjobcenter), die Azubis Erik Wohlleben und Yanik Kaesler sowie Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg.
Stellten die Imagekampagne für die Fleischerei-Berufe vor: der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (von links), Volker Breustedt (Leiter der Arbeitsagentur Marburg), Martin Meier (Obermeister Fleischer-Innung), Uwe Kreiter (Kreisjobcenter), die Azubis Erik Wohlleben und Yanik Kaesler sowie Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Na gut, am Ende waren es doch nicht nur die drei (angehenden) Metzger, die an Bord der „Elisabeth“ am Bootssteg der Marburger DLRG standen. Doch die Idee hinter der Präsentation – nämlich das Fleischer-Handwerk mit seinen vielfältigen Facetten an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren – soll neugierig machen auf das, was bei den heimischen Metzgern alles möglich ist.

Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur, verdeutlicht, warum die Kampagne eine gute Idee ist: „Auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt geht es um die Wurst – wir könnten problemlos jede Menge Fleischer, Fleischereifachverkäufer oder auch Servicekräfte vermitteln. Aber ein Blick in die Statistik zeigt: Wir haben derzeit gerade einmal vier Menschen, die Fleischer werden wollen – und eine Frau, die Fachverkäuferin werden möchte.“ Alle Interessenten hätten zumindest schon einmal in das Berufsfeld „hineingeschnuppert“ oder kämen aus der Branche. „Das zeigt: Die Scheu, einfach mal zum Fleischer zu gehen und die Arbeit auszuprobieren, ist immens groß.“ Das wolle man ändern.

Martin Meier, Obermeister der Marburger Fleischer-Innung, hatte zwei seiner Azubis dabei, „die diese Scheu zumindest überwunden haben“, sagte er. Erik Wohlleben ist bereits im zweiten Lehrjahr, sein Kollege Yanik Kaesler hatte gerade seinen zweiten Tag. Was hat die beiden bewogen, die Ausbildung anzugehen?

Azubis sind „familiär vorbelastet“

„Meine Mutter arbeitet auch in dem Betrieb – sie hat von ihrer Arbeit erzählt, dann habe ich ein Praktikum gemacht“, sagt Wohlleben. Das hat ihm so gut gefallen, dass er sich beworben hat, „der Beruf ist sehr abwechslungsreich“, sagt der 17-Jährige.

Kaesler ist auch „vorbelastet“, denn sowohl Opa als auch Onkel sind Jäger. „Ich war oft mit auf der Jagd und habe dadurch einige Fleischer-Tätigkeiten kennengelernt.“ Auch der 16-Jährige hatte ein Praktikum absolviert – dann die Lehre begonnen.

Uwe Kreiter, Fachdienstleitung AGPS beim Kreisjobcenter, sagt: „Das ist häufig so, dass die Jugendlichen sich für den Beruf entscheiden, weil sie quasi familiär vorbelastet sind.“ Er rät jedem, der sich prinzipiell für eines der Berufsfelder interessiere, ein Praktikum zu absolvieren, „anstatt mit der Vorstellung zu kommen, Influencer zu werden“.

Wie hoch ist der Bedarf bei den Fleischern? „Wir würden uns über viel mehr junge, interessierte Menschen freuen, die sich für einen unserer Ausbildungsberufe interessieren würden“, sagt Martin Meier. In der Ausbildung hätte sich viel getan, „es gibt ganz unterschiedliche Schwerpunkte – das klassische Bild, dass jemand zwangsläufig schlachten muss, ist längst überholt“. So gebe es auch die Ausrichtung aufs Catering „oder die Herstellung küchenfertiger Produkte und Konserven“. Er selbst könne noch Leute gebrauchen, „und das geht vielen Kollegen in ihren Betrieben auch so“. Dabei sei das Fleischer-Handwerk sehr abwechslungsreich, „außerdem kann man jeden Tag sehen und schmecken, was man gemacht hat“, so Meier.

Region steuert auf eine paradoxe Situation zu

Dass sich Menschen mittlerweile wesentlich bewusster Gedanken über ihre Ernährung machen, sei eine Chance für das Handwerk. „Satt werden kann man auf viele Arten. Aber die bewusste Entscheidung für Steak oder Wurst sollte auch damit verbunden sein, das Tier wertzuschätzen. Und das hat man im heimischen Fleischerhandwerk“, sagt Martin Meier. Dort sei man weg „von allen Skandalen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat“. Meier wünscht sich dafür noch mehr Sensibilität – „dann gibt es auch automatisch mehr Wertschätzung für den Beruf“.

Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg, verdeutlicht, dass es in den vergangenen Monaten viele Betriebe gegeben habe, die aufgrund Personalmangels ans Aufhören gedacht hätten – trotz guter Marktsituation. „Es ist schade, dass dieses Potenzial, das wir in der Region haben, nicht genutzt wird.“

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) erläutert, wie es zur Idee der Kampagne gekommen sei: „Ausgangspunkt war ein Gespräch mit der Frage, wie lange wir überhaupt noch heimisches Handwerk abbilden können.“ Die Region steuere auf die paradoxe Situation zu, „dass ein Bewusstsein für gesunde Ernährung und hochwertiges Fleisch entsteht, aber es gibt keinen mehr, der es produziert oder verkauft“. Und: Die Arbeit gehe ja weit darüber hinaus – bis hin zu Event-Konzepten, so Zachow.

„Gern gesehen auf coolen Partys“ steht auf den Plakaten oder „Damit kommen Sie an jedem Türsteher vorbei“ lauten die Slogans etwa zu Motiven mit appetitlichen Catering-Produkten. Aufgehängt werden sollen sie zunächst in den Bussen, später auch an anderen Orten. „Um Lust zu machen auf Berufe, in denen man sich verwirklichen kann“, sagt Zachow.

Von Andreas Schmidt

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