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Marburg Jeder Achte sieht sich bald ersetzt
Marburg Jeder Achte sieht sich bald ersetzt
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16:00 20.09.2019
Ein Roboter fährt bei der Vorstellung einer vollautomatisierten Modellfabrik an der Universität Kassel durch den Raum.  Quelle: Uwe Zucchi
Marburg

Mit solchen Fragen­ beschäftigte sich Dr. Marco Weißler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in seinem Vortrag „Digitalisierung der Arbeitswelt“. Die Veranstaltung im Landratsamt war Teil des Digital-Dialogs, organisiert vom Kreisausschuss Marburg-Biedenkopf.

Nach der epochalen Erfindung der Dampfmaschine ersetzte ab Ende des 18. Jahrhunderts Fabrikarbeit die bislang von Hand gemachten Prozesse. Diese Mechanisierung gilt auch als Industrie 1.0. Für die Elektrifizierung und den Beginn der Massenproduktion rund 100 Jahre später lautet dann der Zusatz „2.0“.

Ein Abschluss reicht häufig nicht mehr

Die Zyklen werden kürzer – die Automatisierung ab Beginn der 1970er-Jahre, die Informatisierung der Arbeitswelt, war die dritte fundamentale Veränderung, bis der heutigen Digitalisierung, dem vernetzten Arbeiten, eben die „4.0“ gebührt.
Vernetztes Arbeiten bringt laut Dr. Weißler vor allem eine viel größere Individualisierung der Arbeitsprozesse mit sich – die Tätigkeiten sind deutlich stärker an den Kundenbedürfnissen orientiert.

Schon die Ausgangslage ist demnach eine andere: Es existieren heute Fachkräfteengpässe, während sich das Arbeitskräftepotenzial aber verändert hat, durch einen Zuwachs der Erwerbsbevölkerung. Arbeitskräfte sehen sich mit der Forderung nach mehr zeitlicher und inhaltlicher Flexibilität konfrontiert, in verschiedenen Bereichen. Ein Abschluss reicht zum Beispiel häufig nicht mehr.

Was heute in Vorstellungsgesprächen abgefragt wird, ist die Weiterbildungsbereitschaft, soziale Kompetenzen, Kreativität und Problemlösungskompetenzen. Digitalisierung wirkt sich im Ganzen laut Marco Weißler auf viele Bereiche grundlegend aus, auf Gesundheit, Arbeitsmarktzugang, Arbeitsorganisation und -gestaltung wie auch auf religiöse und ethische Fragen.

Und viele haben Angst. Jeder­ achte Arbeitnehmer glaubt laut Weißler, dass seine Arbeit in zehn Jahren von Maschinen durchgeführt wird. Das IAB hat ein Maß entwickelt, das abbilden soll, welche Berufe sich voraussichtlich am stärksten verändern und auch, welche Regionen in Deutschland wie stark betroffen sind.

Hintergrund

Laut einer im Frühjahr veröffentlichten OECD-Studie sind in Deutschland mehr als 18 Prozent der Arbeitsplätze­ durch Automatisierung bedroht. Bei den Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) insgesamt sind es im Schnitt lediglich 14 Prozent. Die Organisation untersuchte­ die Folgen von Automatisierung und Globalisierung für die Arbeitnehmer. Das höhere­ Risiko der Automatisierbarkeit in Deutschland sei teils auf die große Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes mit vielen Routinetätigkeiten zurückzuführen.
Als bedroht schätzen die OECD-Forscher Arbeitsplätze ein, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent automatisiert werden. Zusätzlich dürfte sich laut der Studie OECD-weit fast jeder dritte Job durch digitale Technik stark verändern. In Deutschland sind es sogar 36 Prozent. Die Studienautoren räumen ein, dass diese Angaben mit Unsicherheiten verbunden seien. Nicht berücksichtigt sei zudem, wie viele Jobs auf der anderen Seite neu entstehen. (dpa)

Dieses Maß trägt den Namen „Substituierbarkeitspotenzial“. Grundlage dieser Methode ist die Auflistung sämtlicher Tätigkeiten, die die jeweiligen Berufe umfassen mit der Überlegung, welche Tätigkeiten potenziell von Maschinen ausgeführt werden könnten.

Berufe mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial sind demnach solche, bei denen 70 Prozent der dazugehörigen ­Tätigkeiten maschinell erledigt werden können. Diese Studie aus dem Jahr 2016 ergab, dass 25 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einem Beruf mit hohem Substituierbarkeitspotenzial arbeiten. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf waren es sogar 29 Prozent.

In dieser Hinsicht am meisten betroffen sind Fertigungsberufe, gefolgt von Verwaltungs- und Logistikberufen. Berufe mit ­geringem Substituierbarkeitspotenzial sind hingegen soziale­ und kulturelle Dienstleistungen, Sicherheits- und Reinigungsberufe.

Digitalisierung birgt laut Weißler auch Chancen für das ­Arbeitsleben: Technische ­Assistenzsysteme vereinfachen und optimieren heute Prozesse. Fähigkeiten und Kompetenzen sind nun wichtiger als die formelle Qualifikation. Und schließlich haben Arbeitnehmer auch Flexibilität als Chance, in puncto Lernen, Arbeitszeit und -ort. Das Arbeitsleben lässt sich so stärker nach individuellen Bedürfnissen gestalten.

von Beatrix Achinger