Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Auf Dinge fokussieren, die man beeinflussen kann“
Marburg „Auf Dinge fokussieren, die man beeinflussen kann“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 29.12.2021
Die seit fast zwei Jahren andauernde Corona-Situation schlägt vielen Menschen aufs Gemüt.
Die seit fast zwei Jahren andauernde Corona-Situation schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. Quelle: Themenfoto: Fabian Sommer
Anzeige
Marburg

Der Jahreswechsel fällt zusammen mit der vierten Welle der Corona-Pandemie sowie der neu aufgetretenen Omikronvariante. Pandemiebedingte Einschränkungen dauern fort. Darüber, was dies für die Psyche bedeutet, spricht Dr. Johannes Krautheim, Oberarzt am Vitos Klinikum Gießen-Marburg und Vorsitzender des Vereins Bündnis gegen Depression Gießen.

Herr Dr. Krautheim, was bedeutet das Fortdauern der pandemiebedingten Einschränkungen für die menschliche Psyche?

Dr. Krautheim: Die Belastungen sind vielfältig: Ob finanzielle Sorgen, reduzierte persönliche Kontakte, Schwierigkeiten, eine Kinderbetreuung zu finden, oder eine verschobene Operation – die gegenwärtigen Einschränkungen umfassen viele Lebensbereiche. Gleichzeitig sind die Hürden, das eigene Leben in wichtigen Bereichen angenehm und positiv zu gestalten, weiterhin erhöht. Das schlägt sich auch in der psychischen Belastung vieler Menschen nieder.

Inwiefern genau?

Dr. Krautheim: Unsere Lage hat sich verändert. Während unsere Situation vor einem Jahr noch schicksalhaft war und wir mit der Impfung ein Licht am Ende des Tunnels vermuteten, bleibt es gegenwärtig noch unklar, wann wir es schaffen, mit einer ausreichenden Impfquote die Situation zu verändern. Das befördert Gefühle von Überforderung, Erschöpfung und Hilflosigkeit. Das Gefühl, einer schwierigen Lebenssituation hilflos ausgeliefert zu sein, kann der Entwicklung einer Depression Vorschub leisten.

Was kann man gegen das Gefühl der Hilflosigkeit tun?

Dr. Krautheim: In objektiv schwierigen Lebenssituationen hilft kein Schönreden, aber von den antiken Griechen über den Buddhismus bis in die moderne Verhaltenstherapie gibt es hier immer wieder eine zentrale Strategie: Genau zu unterscheiden, welche Elemente ich in meiner Situation beeinflussen kann und welche nicht – um mich dann auf die Dinge zu fokussieren, die ich beeinflussen kann.

Wie kann jeder Einzelne einer Depression vorbeugen?

Dr. Krautheim: Die Möglichkeiten sind vielfältig und erstrecken sich beispielsweise von einer Tageslichtlampe am Morgen, sportlichen Aktivitäten über dem Durchführen von Achtsamkeitsübungen bis hin zum bewussten Aufsuchen von Menschen, die mir wichtig sind. Mit einem ganzheitlichen medizinischen Blick betrachten wir den Menschen auf drei Ebenen: als körperliches, als fühlendes und denkendes sowie als soziales Wesen. Grundsätzlich sollten wir darauf achten, dass wir keine dieser drei Ebenen gänzlich aus dem Blick verlieren.

Woran erkennt man eine Depression?

Dr. Krautheim: Oft ist im Rahmen einer depressiven Episode die Fähigkeit herabgesetzt, Freude zu empfinden, Energie und Schwung für den Alltag zu generieren, sich zu konzentrieren oder nachts Ruhe und Schlaf zu finden. Viele klagen über Appetitverlust, über ein Schweregefühl in der Brust und leiden unter Perspektivlosigkeit. Das Bild des Dementors aus J.K. Rowlings Harry-Potter-Romanen, der dem Betroffenen alle positive Energie entzieht, beschreibt diesen Zustand symbolisch sehr passend.

Wann sollte man sich Hilfe suchen?

Dr. Krautheim: Wenn die depressive Symptomatik stärker wird, gesellen sich mit der Perspektivlosigkeit oft lebensmüde Gedanken hinzu. Dies kann unbehandelt gefährlich werden und ist tragisch, denn Depressionen sind behandelbar.

Hilfsangebote

Verein Bündnis gegen Depression Marburg-Biedenkopf: E-Mail https://buendnisgegendepression-mr-bid.de

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Rudolf-Bultmann-Straße 8, Marburg, Telefon 0 64 21 / 58-65 20-0.

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie: Hans-Sachs-Straße 4, Marburg, Telefon 0 64 21 / 58-66 47-1, 58-66 47-2 oder 58-6520-0.

Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg: Cappeler Straße 98, Marburg, Telefon 0 64 21 / 40 40.

Vitos Klinik Lahnhöhe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie: Cappeler Straße 98, Marburg, Telefon 0 64 21 / 40 41.

Telefonseelsorge Marburg: 0 80 01 11 01 11 sowie 0 80 01 11 02 22.

Marburg Weitere Zeugen gesucht - Suche nach Geldautomaten-Knackern
29.12.2021
Marburg Corona-Fallzahlen - Inzidenz liegt derzeit 71,6
29.12.2021