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Marburg Nacktdemo, Solarsatzung, Seilbahn
Marburg Nacktdemo, Solarsatzung, Seilbahn
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00:20 15.06.2019
Eltern und Kinder protestieren 2016 vor der Sitzung des Marburger Stadtparlaments auf dem Marktplatz – Bürgermeister Franz Kahle verteilt Gummibärchen an die Kinder. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Mit keinem Projekt – vielleicht abgesehen von der Solarsatzung – war der Name des grünen Ex-Bürgermeisters Dr. Franz Kahle mehr verknüpft als mit der Seilbahn. Vom Lahnufer über den Ortenberg auf die Lahnberge, den großen Klinikums- und Universitätsstandort, sollten pro Stunde bis zu 2.500 Menschen befördert werden können.

Zufall oder nicht? Ausge­rechnet zwei Tage vor Kahles 60. Geburtstag schreibt der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Seipp auf seiner Facebook-Seite nach einer „Probefahrt“ mit der Seilbahn in Koblenz, er sei begeistert von der Probefahrt und es ergäben sich auch für Marburg viele Fragen, die man diskutieren müsse. Wer weiß, wie erbittert auch die CDU die Idee bekämpft hat, reibt sich verwundert die Augen: Franz Kahle schafft es offensichtlich, noch lange nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik Bewusstseinsveränderungen auch beim politischen Gegner hervorzurufen.

Franz Kahle auf der Stadthallen-Baustelle. Foto: Thorsten Richter

Bundesweit bekannt ­wurde Kahle, als er im Jahr 2008 die Solarsatzung durchsetzte. Marburg war die erste Stadt, die Bauherren vorschrieb, bei ­einem Neubau mindestens 20 Prozent des Wärmebedarfs über Solarkollektoren zu decken. Damit ging die Marburger Satzung über das hinaus, was 2009 bundesweit ohnehin Pflicht wurde. Die Satzung sah vor, dass auch bei Altbauten eine Solaranlage fällig wird, wenn eine Heizungsanlage erneuert oder ein Haus umgebaut wird.

Kahle schaffte es mit dieser Initiative nicht nur bundesweit, sondern auch international auf die Titelblätter großer Zeitungen. Das Regierungspräsidium Gießen kippte die Satzung zwar ein Jahr später, das kompromisslose Eintreten für Umweltziele in der Baupolitik aber hatte mit dieser Auseinandersetzung Einzug in die Stadtpolitik gehalten. Der Ausbau der neuen Energien wurde dennoch zu einem Markenzeichen der Ära Kahle. Er sorgte für den Bau der Windkraftanlagen in Wehrda.

„Der Ausbau der Photovoltaik war so stark wie in kaum einer anderen deutschen Kommune“, sagt Dietmar Göttling, langjähriger Grünen-Fraktionschef, heute. Zusammen mit der Gewobau konnte Marburg eines der bundesweit größten Bürgerbeteiligungsprojekte bei Solaranlagen umsetzen. Als zweite Stadt nach Frankfurt ­bekannte sich Marburg dazu, öffentlich nur noch im Passivhausstandard zu bauen. Bundesweit viel beachtete Bauprojekte konnten umgesetzt werden, um im Neubau und der Sanierung große Mengen an Energie einzusparen. „Klimaschutz wurde Chefsache im Rathaus“, bilanziert Göttling.

Und Kahles langjähriger Vorgesetzter, der frühere Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), hält fest: „Heute ist Photovoltaik Standard bei jedem Gebäude.“ Vaupel sieht aber die größte politische Leistung Kahles in etwas anderem: dem Ausbau der Kinderbetreuung, der, so Vaupel, „einherging mit der hohen Qualität der Betreuung“. Auch Göttling erinnert an diesen Politikbereich: „Der starke Ausbau der Kinderbetreuung im Ganztagsbereich und der Ausbau der Betreuung von Kindern unter drei Jahren machte Marburg hessenweit führend“, sagt er.

Göttling erinnert zudem an andere Impulse in der Kinder- und Jugendpolitik: „Mit dem Ziel, nach und nach jede Kita mit frischem Essen und eige­ner Küche auszustatten und die Nahrung vorwiegend auf Bio-Essen umzustellen, wurde der Ernährung in den Kitas ein neuer Stellenwert zugewiesen“, sagt er.

Kahle hat damals viel Hohn für diese Haltung einstecken müssen. „Mit dem Lahnfloß und dem Bildungshaus Natur wurden in der Jugendpädagogik landesweit einzigar­tige Erlebnisräume geschaffen“, so Göttling weiter. „Er wollte eine Stadt entwickeln, die mehr Lebensqualität für die Menschen bringt“, sagt Vaupel und erinnert an das „1 000-Bäume-Programm“ des Grünen; auch hierfür hat Kahle viel Spott einstecken müssen.

Kahles vielleicht größte politische Niederlage ist die Windenergie. In seiner Zeit als Bürgermeister war er mit seiner Partei einig, dass sich auch Marburg an der Energiewende ­beteiligen müsse. Der vorgese­hene Standort am „Lichter Küppel“ nahe Moischt scheiterte an dem erbitterten Widerstand in den östlichen Stadtteilen. Bis heute ist in Marburg kein Windrad zu jenen in Wehrda hinzugekommen. Möglich, dass ­Kahle den Widerstand unterschätzt hat, der sich in Ginseldorf, Bauerbach und Cappel entwickelte. „Er hat in vielen Dingen die Hirne, aber nicht die Herzen der Menschen mitnehmen können“, sagt der frühere CDU-Fraktionschef Roger Pfalz, einer der wichtigsten parlamentarischen Gegenspieler Kahles.

Für Vaupel ist Kahle, „der Überzeugungstäter und Menschenfreund“, ein gutes Beispiel, wie wichtig die Philipps-Universität in Marburg ist. Kahle startete seine politische Karriere nämlich Anfang der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts an der Hochschule. Er war Mitglied und einer der führenden Köpfe der Grün-Bunt-Alternativen Liste (GBAL), war 1984/1985 Vorsitzender des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (Asta). Schon damals gelangte er kurzzeitig zu überregionaler Berühmtheit, als er eine Nacktdemo aus Protest gegen Bafög-Kürzungen durch die Innenstadt anführte. Legendär sind seine scharfen Wortge­fechte mit dem ­Jura-Professor Dieter Meurer (CDU-nahe Hochschulunion). Was viele damals nicht wussten: Kahle war Assistent von Meurer am Fachbereich Jura, später waren der Christ­demokrat und der Grüne enge persönliche Freunde.

Auch Pfalz attestiert Kahle, dass er scharf in der Sache, aber freundlich im persönlichen Umgang war. Und Vaupel sagt, dass bei allen Unterschieden für Kahle immer der Mensch im Mittelpunkt stand.

von Till Conrad