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Marburg Anwohner nicht für Namensänderung
Marburg Anwohner nicht für Namensänderung
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07:52 23.07.2020
Bleibt der Name oder wird er geändert? Die Bismarckstraße in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Bismarckstraße liegt mitten im Marburger Südviertel zwischen dem Friedrichsplatz und der Universitätsstraße. Benannt wurde sie nach dem ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck, und so heißt sie auch seit Jahrzehnten. Aber was würden eigentlich die Anwohner von einer unter anderem wegen der durch „Blut und Eisen“ geprägten Kriegspolitik Bismarcks geforderten Umbenennung der Bismarckstraße, wie sie jetzt der Marburger Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitsverein ins Spiel gebracht hatte, halten (die OP berichtete).

Die OP befragte dazu in einer nicht-repräsentativen Umfrage eine Reihe von Anwohnern. Das Ergebnis: Bisher sprach sich keiner der Befragten für eine Umbenennung der Straße aus. „Nein, eine Umbenennung der Bismarckstraße finde ich nicht gut“, sagte beispielsweise Jürgen Hertlein. „Dann würde man gewissermaßen auch die deutsche Geschichte umschreiben.“

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„Wenn wir damit anfangen, dann sollte man am besten gar keine Straßen mehr nach Personen benennen“, sagt Hertlein. Auch die Bismarckheringe müsste man dann vielleicht auch noch umbenennen, fügt er schmunzelnd an. Zwar könne er das politische Anliegen des Vorstoßes prinzipiell verstehen, aber als Anwohner ist er auf jeden Fall gegen eine Umbenennung.

„Ich finde die Idee lächerlich“

Noch deutlicher Stellung gegen die Idee bezieht Dr. Gregor Huesmann, ein weiterer Anwohner der Bismarckstraße. „Ich finde die Idee lächerlich. Wenn wir alles hinterfragen, dann weiß ich nicht, wo das hinführt“, sagte Huesmann der OP. Konsequenterweise müsse man dann auch die Lutherische Pfarrkirche abreißen, weil Luther Antisemit gewesen sei, fügt Huesmann an.

Dabei sieht er die historische Person Bismarck durchaus auch ambivalent. So habe dieser als Reichskanzler die Sozialistengesetze beschlossen, und in Bismarcks Zeit habe Deutschland auch Kolonien in Südwestafrika für sich beansprucht. Doch man müsse den ehemaligen Politiker auch im Kontext seiner Zeit beurteilen. „Dabei befürworte ich auf keinen Fall das, was damals in Namibia passiert ist“, macht Huesmann deutlich.

Rechtsanwalt Dr. Jürgen Schreiber hat den Sitz seiner Kanzlei in einem Haus in der Bismarckstraße. Auch er spricht sich dezidiert gegen eine Umbenennung der Straße aus. „Wir können die Historie nicht zurückschrauben“, meint Schreiber. Eine solche Vorgehensweise würde er im Gegenteil für ahistorisch halten, sagte der Rechtsanwalt der OP. Abgesehen davon hätte der Anwalt aber auch einige Tausend Euro Kosten, wenn es zu einer Umbenennung der Bismarckstraße kommen würde, weil bei einer Adress-Änderung auch Briefköpfe geändert werden müssten.

Doch bei allem Unverständnis für die Idee würde der Jurist wohl nicht dagegen klagen. „Ich bin Arbeitsrechtler und kein Spezialist für Namensrecht“, sagte Schreiber. Aber eine Aktion hat er sich schon vorgenommen für den Fall, dass es im Zuge der jetzt von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) angeregten politischen und gesellschaftlichen Debatte zu einem neuen Namen für die Straße kommt. Er würde am Kanzlei-Schild einen Zusatz „Ehemalige Bismarckstraße“ anbringen lassen. Und für den Fall eines neuen Namens, den er aber eigentlich gar nicht will, hätte Schreiber noch einen Namensvorschlag, der eventuell sogar in Marburg konsensfähig sein könnte: Nelson-Mandela-Straße.

Keine offizielle Position der Südstadtgemeinde

„Wir haben uns offiziell noch gar nicht mit diesem Thema befasst“, sagte Klaus Gärtner, Vorsitzender der Südstadtgemeinde, auf Anfrage der OP. Denn Corona-bedingt fallen derzeit noch alle Vorstandssitzungen des Vereins aus. Doch ansonsten wäre eine mögliche Umbenennung der Bismarckstraße im Südviertel schon ein Thema für die Stadtteilgemeinde. Bei einer Bewertung des Themas hält sich Klaus Gärtner aber zunächst einmal bewusst zurück. Einerseits müsse man schon genau hinschauen, wenn Menschen mit einer Straßenbenennung geehrt würden, die es gar nicht verdient hätten, sagt der Vereinsvorsitzende. Andererseits könne man auch nicht einfach durch eine Straßenumbenennung „die ganze Geschichte auslöschen“. Letztendlich sei in dieser Frage eher der Ortsbeirat Südviertel als politisch gewähltes Gremium zu einer Stellungnahme gefordert, meint Gärtner.

Momentan ist aber noch parlamentarische Sommerpause. Das gilt auch für die Ortsbeiräte. Ob sich der Ortsbeirat Südviertel mit dem Thema danach beschäftigen wird, dazu konnte die OP Ortsvorsteherin Antje Tietz (Grüne) am Mittwoch nicht erreichen.

Von Manfred Hitzeroth