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Marburg Digitalisierungs-Flop in Marburg erzürnt Schüler
Marburg Digitalisierungs-Flop in Marburg erzürnt Schüler
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08:00 22.02.2021
Alarm an der Digitalisierungs-Front: Ruth Franz, Schulsprecherin der MLS, hat mit Mitgliedern der SV einen offenen Brief an die Stadt Marburg aufgesetzt.
Alarm an der Digitalisierungs-Front: Ruth Franz, Schulsprecherin der MLS, hat mit Mitgliedern der SV einen offenen Brief an die Stadt Marburg aufgesetzt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Der Grund für den jüngsten Digitalisierungs-Brandbrief von Schülern an die Stadt Marburg? Im Vorfeld der Schul-Teilöffnung am heutigen Montag (22. Februar) geben sie Einblick, wie Unterricht, wie Lernen in Marburg tatsächlich läuft – und sagen, was sie vom Schulträger erwarten.

„Schaue ich nach vorne in Richtung Abitur, bin ich verängstigt. Das Homeschooling – oder besser: der nicht funktionierende Unterricht – gibt mir das Gefühl, total weit hinter dem Stoff hinterher zu hängen“, sagt Büsra Özgen, die auf die Kaufmännische Schule geht. Gerade mit Blick auf die vom Kultusministerium aufrechterhaltenen Anforderungen, den nicht an die Corona-Situation angepassten Lehrplan, lasse sie das immer unruhiger werden. Wenn sich nicht schnellstens grundsätzlich etwas ändere, bei Lehrplänen und Prüfungsvorgaben des Landes Hessen wie auch der technischen und personellen Infrastruktur durch die Stadt Marburg, würde „mein Jahrgang am meisten unter Corona leiden“.

Das sieht Ari Voges, der auf die Elisabethschule geht, genauso. „Man dachte es für die Abschlussklassen letztes Jahr, aber es werden wir sein, die als Corona-Jahrgänge in die Geschichte eingehen werden. Wir sind es, denen unzureichende Möglichkeiten gegeben wurden, weil nichts so funktioniert, wie es funktionieren sollte“, sagt er. Die Angst ist, dass 2020, 2021, eventuell sogar 2022 in der Wahrnehmung auch von späteren Arbeitgebern nicht als Vollwert-Abitur wahrgenommen, anerkannt werde.

„Das Problem der Stoff-Zufuhr ist nur eines von vielen. Oft genug fehlt es auch an Büchern, an Lernmaterialien. Man fühlt sich einfach nicht vorbereitet“, sagt Berufsschülerin Antonia Sommer, die vergangenes Jahr Fachabitur machte und den Extra-Druck speziell der Abschluss-Jahrgänge schon kennt.

Wackel-W-Lan und Server-Ausfälle

Die Unterrichtsrealität in der Corona-Pandemie, das sagt neben Ari Voges auch MLS-Schüler Bosko von Andel, sei ein permanenter Stunden- und Klausurenausfall. „Oft findet Unterricht, finden Videokonferenzen einfach nicht statt“, sagt er. Das aber nicht – und das ist Kern des Brandbriefs an den Schulträger in der vergangenen Woche – wegen Faulheit von Lehrern, sondern weil es technisch, infrastrukturell in und um Schulen an allem mangele. „IPad-Klassen, Unterricht am Laptop oder Handy: Der Grundbaustein für alles digitale Lehren und Lernen ist W-Lan. Aber wenn die Verbindung ständig zusammenbricht, funktioniert gar nichts“, sagt er.

Immer wieder komme es zu Serverausfällen, Schüler kämen gar nicht erst auf die Lernplattform, könnten keine Aufgaben abrufen, digital lernen. „Ein halbwegs echter Unterricht kann so nicht stattfinden, nicht mal einer, der selbst für Online-Verhältnisse noch akzeptabel wäre“, sagt von Andel.

Oftmals sei bei Lehrern deren private Internetleitung schneller, besser und vor allem stabiler als in den Schulgebäuden. Zeitgleicher Fern-Unterricht von vier Klassen, gar mit Video und Ton, wenn aus der Schule gestreamt wird? „Konferenzen klappen kaum“, sagt Lilli Eckert von der Elisabethschule. Die Endgeräte seien weitgehend vorhanden – ob nun von der Kommune oder Eltern gestellt – aber sie seien eben nicht nutzbar.

Rufe nach moderner Technik und IT-Personal

Und trotz all dem, das beklagt Martin-Luther-Schülerin Ruth Franz ähnlich wie KSM-Schülerin Büsra Özgen, werde an der Leistungsbewertung, der Benotung, den Maßstäben nichts verändert. „Wir werden alleine gelassen, die Verantwortung an jeden einzelnen Schüler, die Eltern und die Lehrer abgegeben: Seht halt zu, wird schon irgendwie funktionieren. Mag sein, dass man so neue Kompetenzen erlernt – aber alles selbst machen zu müssen, kann doch nicht der Weg sein“, sagt Ari Voges.

Schlimmer noch: Als man sich in der Elisabethschulgemeinde für eine auf die Schule und das Unterrichtskonzept passende Lernplattform statt der Einheitslösung entschied, sei man dafür von Politik und Behörden kritisiert worden. Resultat: Die Eltern der mehr als 1000 Schüler bezahlen das aus eigener Tasche. „Ist nicht cool, Unterstützung verwehrt zu bekommen“, sagt Voges.

Wie den anderen Jugendlichen geht es Tom Kewald von der MLS um Grundsätzliches: „Jahrzehntelang ist zu wenig passiert, moderne Technik war schon vor fünf, zehn, 15 Jahren längst überfällig“, sagt er. Es sei „enttäuschend“, dass es weiterhin kein Fach-, also IT-Personal gebe, das sich um Digitalinfrastruktur kümmere und das somit meist technikaffine Lehrer und Schüler übernehmen. Das Geld für jede Schule, für jeden Schüler sei da, zumal über den deutschen Digitalpakt. Die Zustände seien 2019 schon übel gewesen, dass sich seitdem nichts getan habe, sei das eigentliche politische und behördliche Versagen. „Es gab und gibt keinen besonders großen Willen zur Veränderung, denn irgendwie funktioniert es ja“, sagt Voges.

Die Stadt Marburg als Schulträger versicherte auf OP-Anfrage, man habe schon in den Monaten vor der Pandemie Digitalisierungsplanungen vorgenommen und arbeite „mit Hochdruck“ daran, die Forderungen von Schulen, auch den Bedarf an Endgeräten für Lehrer, „schnellstmöglich“ zu erfüllen.

Von Björn Wisker

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