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Marburg Die Schule der Zukunft
Marburg Die Schule der Zukunft
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10:00 05.03.2021
An der RGS wird Digitalität im Unterricht vorgemacht. Im Lernatelier hat jeder Schüler seinen eigenen Arbeitsplatz. Jedes Kind arbeitet eigenständig mit dem eigenen iPad.
An der RGS wird Digitalität im Unterricht vorgemacht. Im Lernatelier hat jeder Schüler seinen eigenen Arbeitsplatz. Jedes Kind arbeitet eigenständig mit dem eigenen iPad. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es ist mucksmäuschenstill. Konzentriert schaut Amja auf sein iPad. Der 11-Jährige wischt mit dem Finger über das Display und markiert Verben im Märchen „Dornröschen“ rot. Der Platz neben ihm ist frei, ein Stuhl steht auf dem Tisch, um Corona-Abstand zu schaffen. „Seid ihr auch fertig?“, fragt Amja seine beiden Freunde ein paar Reihen weiter im Flüsterton. Sie schütteln ihre Köpfe. Also verlässt Amja allein den Raum, zwinkert seinen Kumpels kurz zu und geht in den Flur. „Da drin kann ich mich auf jeden Fall besser konzentrieren, weil man da nicht reden darf. Ich schwör, das geht voll gut“, sagt er und zieht seine Maske zurecht.

Der Raum nennt sich Lernatelier und ist Teil des „Perlenwerks“ an der Richtsberg-Gesamtschule (RGS). Es bedeutet „Personalisierte Lernumgebung mit Werkstätten“. Das Konzept, das an der RGS seit drei Jahren umgesetzt wird, ist bahnbrechend und macht vor, wie Schule aussehen kann. In Zeiten, in der das deutsche Schulsystem durch die Corona-Pandemie gerade mit voller Wucht das Ergebnis jahrzehntelanger Versäumnisse vor den Bug geknallt bekommt, wird an der RGS vorgemacht, wie es anders geht. Während andere Schulen beim Versuch einer Digitalisierung kläglich scheitern, hat die RGS längst Digitalität in ihren Schulalltag integriert.

Alle 640 Schülerinnen und Schüler haben ein iPad

Alle 640 Schülerinnen und Schüler aus insgesamt 40 Nationen sind mit iPads ausgestattet. Kann sich eines der Kinder kein iPad leisten, unterstützt die integrierte Gesamtschule bei der Anschaffung. Bücher gibt es keine. Das geballte Wissen ist im handlichen iPad verstaut. Als Lern-App nutzt die RGS „Scobees“, das von einem Kölner Startup entwickelt wurde. „Scobees“ setzt darauf, Kinder individuell zu fördern mit selbstbestimmtem, digitalen Lernen. „Nur so geht es. Wir müssen die Kinder doch auf eine digitalisierte Welt vorbereiten“, sagt Schulleiter Thomas C. Ferber.

Im Perlenwerk wird es vorgemacht: Während im Lernatelier jede Schülerin, jeder Schüler seinen eigenen Arbeitsplatz hat und ruhig arbeitet, kann in der Lernlandschaft gemeinsam gelernt werden. Der große, mit Teppich ausgelegte Raum mit seinen modernen Möbeln wirkt eher wie die Chillout-Zone beim Internetriesen Google. Straßenschuhe müssen ausgezogen werden, selbst die Lehrkräfte schlappen in Pantoffeln durch die Lernlandschaft. Zwei Jungs liegen mit ihren iPads auf einem Sofa. Eliana und Kimberly haben sich mit ihren iPads in eine Lernecke zurückgezogen. Eliana schreibt eine Geschichte, die sie später vielleicht vor ihren Mitschülern vortragen möchte. Sie sind glücklich, an der RGS zu sein. „Man hat viel mehr Freiraum und kann so besser lernen“, findet Kimberly und Eliana erzählt stolz, wie sehr sie sich verbessert hat. „Im Ernst, als ich auf die RGS gewechselt bin, hatte ich eine vier in Englisch, jetzt hab´ ich eine zwei“, sagt sie.

Frontalunterricht im Klassenverband? Stundenplan? Fehlanzeige. An der RGS sind die Klassen 5 und 6 zusammengelegt. Die Kinder bekommen ein personalisiertes Lernangebot, das sie selbstständig mit ihren iPads erfüllen sollen.

Die Lehrer sind „Lernbegleiter“, die beim individuellen Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stehen. So wie Sabine Wick bei Emily (11). Beide sitzen inmitten der Lernlandschaft an einem Tisch, auf dem ein Schild mit der Aufschrift „Deutsch“ steht. Die Elfjährige war dabei im Märchen „Dornröschen“ Verben im Präteritum zu identifizieren. Weil es irgendwo hakte, suchte sie Hilfe bei Lernbegleiterin Wick, die ihr nun alles erklärt.

Bei den Kindern im Distanzunterricht funktioniert das Prinzip ebenfalls gut. „Meine Schüler, die gerade im Homeschooling sind, können mich doch jederzeit erreichen“, erklärt Lehrerin Gabi Linke. Das iPad mit den innovativen Lernapps ermöglicht den direkten Austausch – ob per Video-Konferenz oder Nachrichten-Austausch. Einmal die Woche gibt es zudem ein „Coachinggespräch“ zwischen Schüler und Lehrkraft, wo noch einmal gezielt individuelle Stärken und Schwächen besprochen werden. Auch wenn die Kinder pandemiebedingt Zuhause sind, sind sie doch irgendwie zusammen. Sie tauschen sich über die Plattform aus, arbeiten an den gleichen Dokumenten, entwickeln gemeinsam übers Internet Präsentationen und Videos. Die Motivation sowohl bei den Kindern als auch bei Lehrkräften sei gestiegen, sagt Gabi Linke, die unbedingt an die RGS wollte.

Das Perlenwerk kommt so gut an, dass nun einstimmig beschlossen wurde, das Konzept jahrgangsübergreifend bis zur Klasse 8 auszuweiten. Schulleiter Ferber ist froh darüber. Er hofft, dass sein Modell bundesweit Schule macht. Hessens Kultusminister jedenfalls ist schon einmal aufmerksam geworden auf das Richtsberg-Erfolgsrezept. Mitte Februar besuchte Alexander Lorz die RGS und nahm „dankbar die Anregungen“ aus Marburg mit, wie es in einer Mitteilung des Ministeriums heißt.

Ferber allerdings weiß, dass viele Versäumnisse bei der Umstellung aufs Digitale an den Schulen selbst liege. „Man muss sich nur trauen“, sagt der leidenschaftliche und streitbare Macher, der sich sein Glasfaserkabel selbst baggern würde, wenn er dürfte. Er findet es schade, dass viele seiner Schulleiterkollegen noch so eine Zurückhaltung beim Thema „digitaler Unterricht“ an den Tag legen. „Es muss sich jetzt etwas ändern. Schule darf nicht mehr Milliarden Kilometer von der Lebensrealität entfernt bleiben. Und die ist eben digital“, so Ferber.

Von Nadine Weigel