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Marburg Digitaler Wissensschub für Musikschule
Marburg Digitaler Wissensschub für Musikschule
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16:58 02.05.2020
Eugen Anderer, Leiter der Marburger Musikschule: Nadine Weigel Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Eugen Anderer fühlt sich wie der „Kapitän eines Schiffes, dessen Mannschaft auf Landurlaub ist“. Mit diesem Bild beschreibt der 58-Jährige die aktuelle Situation an der Musikschule Marburg. Seit Anfang des Jahres steht Anderer an ihrer Spitze. Und musste sich gleich einer Herausforderung stellen, die er sicher nicht für möglich gehalten hätte, als er die Nachfolge von Knut Kramer antrat.

Denn seit Inkrafttreten der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie ist es still geworden am Schwanhof. Dort hält Anderer mit einigen wenigen Kollegen die Stellung, alle anderen sind zu Hause. So sehr alle Musiklehrer den Zeitpunkt herbeisehnen, dass bald wieder „das ganze Haus klingt“ – Anderer weiß natürlich, dass die Musikschulen die letzten pädagogischen Einrichtungen sein werden, in die das Leben zurückkehrt. Ohne physischen Kontakt, der derzeit nicht erwünscht ist, sei es eben nicht möglich, Instrumentalunterricht zu erteilen, etwa wenn eine Geigenlehrerin dem Nachwuchs die richtige Bogenführung beibringen will und ihn dazu anfassen muss. Und einen Mund-Nase-Schutz anzulegen geht auch nicht immer, zum Beispiel im Bläserunterricht.

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Aber die Musikschule Marburg macht aus der Not eine Tugend. Schon sehr früh sei die Idee entstanden, den Einzelunterricht online abzuhalten. Anderer gibt zu: „Ich bin da als Schulleiter regelrecht hineingestolpert und auch die meisten meiner Kollegen hatten dahingehend keinerlei Erfahrungen.“ Aber alle zogen an einem Strang. Und so fingen selbst Skeptiker schnell Feuer, entwickelten Ideen, über welche Kanäle – zum Beispiel Skype, Videokonferenz, WhatsApp oder auch „nur“ Telefon – sich der Unterricht am besten organisieren lässt.

Anderer und die Vorsitzende des Musikschulvereins Dr. Katrin Hensel sind begeistert, dass auch die meisten Eltern schnell mit ins Boot geholt werden konnten. „Auch die Schüler nehmen das Online-Angebot super an“, schwärmt Anderer. Einen Vorteil des digitalen Unterrichts hebt er besonders hervor: „Durch den Blick auf den Bildschirm sieht der Schüler, anders als im analogen Betrieb, gleichzeitig was er und der Lehrer tun.“ Zu vergleichen gelinge leichter. Und manche Schüler lernten sogar besser, seien konzentrierter. Anderer ist überzeugt, „dass wir uns diesen digitalen Wissensschub auch für die Zukunft erhalten werden“.

Ganz besonders das Musizieren am iPad hat es ihm angetan. Es gebe dafür eine App, mit deren Hilfe die Schüler zum Beispiel Alltagsgeräusche aufnehmen und daraus dann nach den musikalischen Vorgaben des Lehrers „irre Klänge“ zaubern könnten.

Von den Erfahrungen mit dem Online-Unterricht könnte das Institut auch bei seinem aufsuchenden Unterricht zehren. So leistet die Musikschule Marburg zum Beispiel am Richtsberg im Hort und in zwei Kitas musikalische Früherziehung. Außerdem erteilt sie in Kooperation mit 25 Schulen in Stadt und Kreis sogenannten Registerunterricht: Fünft- und Sechstklässler werden in Gruppen zu fünf bis acht Kindern fit gemacht für die Schulorchester. Anderer würde dieses Angebot gerne ausweiten auf die siebten Klassen.

Und noch ein Wunsch brennt ihm im Zusammenhang mit den Schulkooperationen auf den Nägeln: „Wir Musikschulen sind im Fach Musik wichtige Partner für die musikalische Bildung an den Schulen und wünschen uns, seitens der Verantwortlichen bei einer Wiedereröffnung auch als Bildungseinrichtung und nicht als reine Freizeiteinrichtung eingestuft zu werden.“

An der Musikschule Marburg fällt derzeit nicht nur der „analoge“ Unterricht aus. Auch alle Konzerte und andere Veranstaltungen sind vorsorglich abgesagt worden. Wobei es alle Beteiligten besonders schmerzt, dass auch die Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ Anfang September in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien nicht stattfinden kann. Daran hätten unter der Leitung des Tenors Daniel Sans 160 Mitglieder aus verschiedenen Chören und die Junge Marburger Philharmonie mitwirken sollen. Auch die Landeswettbewerbe und der Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ fallen dieses Jahr ersatzlos aus, informiert Anderer über die Entscheidung des Deutschen Musikrates.

Von Michael Arndt

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