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Marburg Monster, Karten, Emotionen
Marburg Monster, Karten, Emotionen
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14:55 26.03.2022
Bei Game it Spielwaren in Marburg trafen sich am Sonntag mehr als 70 Spieler aus ganz Deutschland zum Bandai Fest, um gegeneinander im Digimon Sammelkartenspiel anzutreten. Beim Amateur-Test der OP ging Philipp Löhe von der Jury klar als Sieger hervor.
Bei Game it Spielwaren in Marburg trafen sich am Sonntag mehr als 70 Spieler aus ganz Deutschland zum Bandai Fest, um gegeneinander im Digimon Sammelkartenspiel anzutreten. Beim Amateur-Test der OP ging Philipp Löhe von der Jury klar als Sieger hervor. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Mein Digimon ist nicht mehr. Das niedliche Biest mit den Glubschaugen hat schon wieder einen Kampf verloren. Dabei habe ich alle Hoffnung in „Gatomon“ gesetzt, doch das katzenartige Monster hat nicht standgehalten. Gegenspieler Philipp schaut mich mitleidig über die Maske hinweg an. Ich habe einfach Pech in diesem Kartenspiel, das mir noch immer ein Rätsel ist.

Also, der Stapel vor mir auf der schreiend bunten Spielunterlage besteht aus etwa 50 Karten voller Monster und Anime-Charaktere aus der bekannten Digimon-Serie. Die prügeln im übertragenen Sinne so lange aufeinander ein, bis der geschicktere Spieler den Kampf in der „Arena“ für sich entscheidet. Das Spielkonzept aber ist umfangreicher, als es auf den ersten Blick scheint, so ganz durchschaue ich es noch nicht. Ist ja auch mein erstes Mal.

Ganz im Gegensatz zu Dutzenden anderer hochkonzentrierter Spieler um mich herum, die am Sonntag in Marburg den Kampf des Jahres ausgefochten haben. Die Profis sind von weit her angereist, mit mühevoll zusammengesammelten Kartendecks, einer guten Strategie und einer gehörigen Portion Glück im Gepäck.

Mehr als 70 Spieler haben sich beim Spielwarengeschäft Game it in der Biegenstraße eingefunden, heimischer Ausrichter vom allerersten „Bandai Fest“, das der gleichnamige Spielehersteller weltweit ins Leben gerufen hat. Bandai ist der Konzern hinter Pokémon und Tamagotchi, und eben auch Digimon.

Bei Game it Spielwaren in Marburg trafen sich am Sonntag mehr als 70 Spieler aus ganz Deutschland zum Bandai Fest, um gegeneinander im Digimon Sammelkartenspiel anzutreten. Beim Amateur-Test der OP ging Philipp Löhe von der Jury klar als Sieger hervor. Quelle: Ina Tannert

Alle versammeln sich im Hinterzimmer des Geschäfts, immer zwei beziehen einander gegenüber Position, zücken die Karten und lauern geradezu auf einen Fehler des Gegners. Ein stetes Murmeln füllt den Raum, wippende Füße lugen unter Tischen hervor, auf denen Finger auf laminierte Hochglanz-Karten trommeln.

Die Spieler kommen aus ganz Deutschland zum Wettkampf, selbst Teilnehmer aus Luxemburg sind dabei. Leia-Sophie Westphalen ist aus dem hohen Norden aus Neumünster angereist und freut sich riesig, andere Fans zu treffen: „Das gemeinsame Spielen macht einfach Spaß und man lernt immer neue Leute kennen“, erzählt die Teilnehmerin lachend.

Fans mit Sammelleidenschaft

Zurück zum Katzentisch und einer neuen Amateur-Runde. Mit mulmigen Gefühl ziehe ich eine weitere Karte, der Stapel wird irgendwie nicht kleiner. Jede hat einen speziellen Wert, praktisch der Einsatz pro Runde, und verschiedene Eigenschaften. Dieses Mal strahlt mich aber immerhin die grinsende Figur einer der „Tamer“ an. Praktisch ein Monster-Trainer, der einen coolen Effekt verspricht, mit dem ich Philipp vielleicht endlich ausbremsen kann. Immerhin schaffe ich es, sein Digimon – das aussieht wie das Haustier eines Transformers – quasi einzufrieren. Geht doch.

Ich hätte vielleicht mehr Teile der Serie schauen sollen, der so viele Kinder und Erwachsene mit Begeisterung ihre Freizeit widmen und die sie auf Karten und knalligen Spielmatten gegeneinander antreten lässt. Fußball-Sammelkarten als Schulhof-Hobby – das war gestern. Digimon ist der letzte Schrei, gerade bei Anime-Fans. Und die kleinen, wehrhaften Monster in Form eines Trading Card Games (TCG), also ein Sammelkartenspiel, erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch in Marburg gibt es eine treue Fangemeinde. In jeder Partie geht es hoch her, nicht einfach darum, Karten gegeneinander auszuspielen, vielmehr versucht jeder, geschickt zu kontern, den Gegner zu blockieren, zu nerven. Da kochen auch mal Emotionen hoch. Die absoluten Profis sind vollkommen versunken in ihr Spiel, immer nur den Sieg, die beste Taktik und die nächste Karte vor Augen. Irgendwie herrscht eine lockere und zugleich angespannte Atmosphäre: Mal versinken die Fans über ihren Karten brütend in verbissene Zweikämpfe, mal in den Pausen in fröhliches Geplapper.

Bei Game it Spielwaren in Marburg trafen sich am Sonntag mehr als 70 Spieler aus ganze Deutschland zum Bandai Fest, um gegeneinander im Digimon Sammelkartenspiel anzutreten. Teilnehmerin Leia-Sophie Westphalen aus Neumünster trat unter anderem gegen Jan Altmann an. Quelle: Ina Tannert

„Es macht einfach Spaß, ich finde das Prinzip spannend, die Ressourcen immer wieder hin und her zu schieben“, schwärmt Alexander Gattow, einer der Teilnehmer aus Marburg. Wie hat er sich geschlagen? Er liegt im Mittelfeld, „es läuft nicht so gut, aber das Turnier ist super, die Community ist immer freundlich, selbst wenn man verliert“, freut er sich.

Wer hier zwei von jeweils drei Runden für sich entscheidet, gewinnt diesen Durchgang und es folgt direkt das nächste Spiel. Keiner fliegt raus, die stärksten Spieler nähern sich immer mehr an, bis die besten vier feststehen. Die erhalten die begehrtesten Event-Sammelkarten, nach denen sich alle hier die Finger lecken. Weitere Preise gibt es aber auch für andere Spieler.

Die Sieger des ersten Bandai Fests, das in Marburg beim Spielwarengeschäft „Game it“ ausgetragen wurde: Norman (von links), Kevin, Vincent, Jorit und Mika. Quelle: Privat

Praktisch jeder hat etwas von dem Event, das auch eine Art Fantreffen ist. „Die Leute kommen immer gerne, es ist einfach ein schönes Hobby, zugleich hat das Spiel Wettbewerbscharakter und klare Regeln, man lernt Sozialkompetenzen beim Spielen“, erzählt Doreen Wolf von Game it Spielwaren.

Auch wenn mir die rechte Strategie noch verborgen bleibt, das Spiel in entspannter Runde macht einfach Spaß. Hier geht heute keiner enttäuscht nach Hause. Und vielleicht klappt es ja bei der nächsten Partie.

Von Ina Tannert