Dieses Gerät aus Marburg kann Corona-Patienten retten
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Marburg Dieses Gerät kann Corona-Patienten retten
Marburg Dieses Gerät kann Corona-Patienten retten
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11:57 08.04.2020
Der Marburger Dr. Karl Kesper hat zur Corona-Bekämpfung ein Behelfs-Beatmungsgerät erfunden beziehungsweise das erste Modell gebaut. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Den Kampf gegen das Coronavirus haben Dr. Karl Kesper und Gunter Kräling mit einem Besenstiel, Einkaufswagen-Chip und Frühstücks-Brettchen aufgenommen.

Während die ganze Welt wegen der grassierenden Covid-19-Pandemie nach einem Impfstoff und Medikamenten gegen das Virus sucht, haben sich die Marburger der Verbesserung der Behandlung von Patientenmassen in Krankenhäusern gewidmet.

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Wenn Menschen mitunter nicht einmal am Virus, sondern vor allem wegen des Mangels an Beatmungsgeräten sterben, „müsste man etwas bauen, das Patienten beim Atmen hilft“ – ein Gedanke, der ebenso simpel klingt, wie Kesper ihn jetzt lapidar vorträgt.

Weit weg vom Elfenbeinturm

Auf den Technischen Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Uni-Klinikum in Marburg geht vieles von dem zurück, was derzeit in Fronhausen bei der Firma Optik Schneider für die Massen-Produktion in den Startlöchern steht: Selbstbau-Beatmungsgeräte, die zwar in der Leistungsfähigkeit nicht das Niveau der in Kliniken stehenden Hightech-Medizintechnik erreichen, die aber nach der Akut-Behandlungsphase Leben von zehntausenden Corona-Infizierten retten könnten.

Das ist das Ergebnis und der Verdienst des „Breathing Projects“ von Physik-Professor Martin Koch. „Moment“, sagt Koch und deutet mit dem Finger auf die Gruppe in einem Labor irgendwo tief drin im alten Chemie-Gebäude auf den Lahnbergen: „Das da sind die eigentlichen Helden“.

„Wir hoffen, dass wir es nie brauchen“

Doch Nico Hofeditz, Patrick Lampe, Jonas Höchst – alle im Raum, ob Physiker, Informatiker, Maschinenbauer oder sonstwas – schauen eher verlegen zu Boden. Irgendwann sagt Informatiker Lampe dann etwas Nicht-Technisches: „Ich habe im Leben einmal die Chance, mit dem, was ich kann, Menschen echt zu helfen. Mit der Erfindung sind wir weit weg vom Elfenbeinturm Uni und Forschung.“

Er hat, wie auch Jonas Höchst, die Software programmiert und Platinen gelötet. Stunden-, tage-, nächtelang. „Man kommt nicht zur Ruhe, grübelt permanent“, sagt Höchst. „So ernst der Anlass ist: So etwas macht Spaß, der Ernst der Lage motiviert. Es musste etwas entstehen, von dem wir hoffen, dass wir es nie brauchen“, ergänzt Physiker Nico Hofeditz. „Wir haben uns dann mal hingesetzt und einfach was gebastelt“, sagt Kesper, der „dankbar dafür ist, bei etwas wirklich Wichtigem und Sinnvollem mitmachen zu dürfen“.

Das sind die Prototypen des Marburger Behelfs-Beatmungsgeräts. Foto: Björn Wisker

Denn dass die Forscher auf dem richtigen Weg waren, dass ihre kühne Idee funktionieren könnte, war ihnen schon nach den ersten Prototypen – noch mit Haushaltsgegenständen wie eben Besenstielen und Brettchen zusammengebastelt – klar.

Kesper sagt selbst, dass die ersten Modelle „noch aus der Mc-Gyver-Ecke kommen“. Doch schon ab Version 2 war es dann weniger Handarbeit als Einsatz von privaten, dann professionellen 3D-Druckern. „Die Idee wurde besser, das Material wurde besser, das Gerät wurde besser – wir haben eine Hürde nach der anderen genommen und sahen: Mensch, das kann klappen“, sagt er.

So richtig fassen können es die Forscher immer noch nicht, welche Energie, welcher Antrieb, welche Dynamik und auch welche privatwirtschaftliche Unterstützung – Material im Wert von zehntausenden Euro wurde binnen Tagen bereitgestellt – das Projekt erfasste. Teilweise wurden im Stundentakt Neuerungen eingebaut, ertüftelt, erfunden.

Aller guten Dinge waren sechs

„So richtig wussten wir anfangs ja nicht, was so ein Gerät eigentlich wirklich können muss. Ärzte haben uns dann eine Art Pflicht- und Kürliste gegeben – an der haben wir uns entlanggehangelt“, sagt Gunter Kräling, neben Kesper der zweite Forscher-Frontmann beim „Breathing Project“.

In den vergangenen zwei, drei Wochen hat er mit dem Team insgesamt sechs Prototypen gebaut –bis „Carl 6“, so heißt das Gerät, fertig und damit das Modell da war, das Optik Schneider als Basis für die industrielle Produktion nach Fronhausen mitnahm. Bei jedem Entwicklungsschritt dabei: UKGM-Intensivmediziner, also genau jene, die nicht nur Atemwerte, Frequenzen und Luftdruck-Kurven kennen, sondern die am Uniklinikum Gießen-Marburg bereits Corona-Patienten behandeln.

Als „last line of defense“ gegen Corona

Aus einfachen und weltweit millionenfach vorhandenen Apparaten eine große Zahl an Beatmungsgeräten machen. „Wir brauchten also etwas, das wir missbrauchen konnten“, sagt Kräling. Das gelang ihnen über die Nutzungslogik und Technik von Schlafapnoe-Masken.

„Patienten lieber mit Behelfs- und Notgerät beatmen, als gar nicht und sie somit sterben lassen – das ist unsere Haltung“, sagt er unter Nicken seiner Mitstreiter und in Bezug auf die weiterhin ausstehende Behördengenehmigung zur Produktion, zum Einsatz der Marburger Erfindung als „last line of defense“, als letztes Mittel zur Patientenrettung.

Und Gunter Schneider, Chef des Mittelstands-Unternehmens, lobt Kräling, Kes-per, das ganze 30-köpfige Marburger Erfinderteam für deren „Spirit“. Sie alle hätten „angepackt und nicht locker gelassen. Es ging ihnen nur darum, wie das Projekt vorankommt, um so einen Lebensretter zu entwickeln.“

Das Virus kennt keine Grenzen

Und als die Schneider-Ingenieure vergangene Woche in die Uni kamen, die Prototypen für eine mögliche Massenproduktion überarbeiteten, habe es keinerlei Kompetenz-Eitelkeiten sondern nur Kooperation gegeben. Technik-Freaks unter sich eben.

Dass der Urknall, der erste Impuls zum Beatmungsgeräte-Bau, vom mexikanischen Philipps-Uni-Gastwissenschaftler Dr. Enrique Castro-Camus kam, sich dann binnen Stunden verschiedenste Uni-Fachdisziplinen für dessen Idee packten, sich auch mit ihm Tage und Nächte an der Hans-Meerwein-Straße um die Ohren schlugen, hat für viele eine tiefe Symbolik: Das Virus kennt keine Grenzen, der Kampf dagegen aber auch nicht.

Das ist das Erfinder-Team

Der Idee der Marburger Forscher liegt die CPAP-Therapie zugrunde, eine Beatmungsform samt weltweit millionenfach vorhandener Geräte, die etwa bei Schlafapnoe-Patienten eingesetzt wird. Das „Breathing-Project“ besteht aus mehr als 30 Menschen aus dem Landkreis – von Physikern über Notfallmediziner bis zu Informatikern und Technikern.

Das sind ihre Namen:Dr. Björn Beutel, Christian Birk, Dr. Tobias Breuer, Dr. Enrique Castro Camus, David Geisel, Ronald Henning, Guadalupe Hernandez, Nico Hofeditz, Jonas Höchst, Franziska Hüppe, Dr. Karl Kesper, Professor Martin Koch, Srumika Konde, Gunter Kräling, Patrick Lampe, Bastian Leutendecker, Severin Luzius, Cornelius Mach, Dr. Jochen Müller-Mazzotta, Peter Mross, Johnny Nguyen, Jan Ornik, Peter Osswald, Alvar Penning, Bushan Savalla, Marvin Schacherl, Carsten Schindler, Kristina Sinemus, Caroline Sommer, Christian Strangmeyer, Jochen Talber, Dr. Pascal Wallot, Julian Wiener und Dr. Thomas Wiesmann. Dazu: Klaus Beck, Ausbildungsleiter der Firma Winter. Das Stadtallendorfer Unternehmen stieg zwischenzeitlich bei der Fertigung ein.

Von Björn Wisker

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