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Marburg „14 Cent Rabatt sind keine Rettung“
Marburg „14 Cent Rabatt sind keine Rettung“
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08:00 14.04.2022
Während einer Fahrzeugkorso-Demo gegen die hohen Kraftstoffpreise steht auf einem Bus „Spritpreisbremse sofort!!!“.
Während einer Fahrzeugkorso-Demo gegen die hohen Kraftstoffpreise steht auf einem Bus „Spritpreisbremse sofort!!!“. Quelle: Daniel Schäfer
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Amönau

An seine Tankrechnung möchte Bus-Unternehmer Udo Diehl nicht denken: Etwa zwei Millionen Liter Dieselkraftstoff verbraucht seine rund 100 Busse starke Flotte jedes Jahr. „Bei einem gestiegenen Kraftstoffpreis um etwa einen Euro je Liter muss man nicht viel rechnen, was das für uns bedeutet“, sagt Diehl. Für den Amönauer Unternehmer, der auch Vizepräsident des Landesverbands Hessischer Omnibusunternehmer ist, ist völlig klar: „Die aktuellen Preissteigerungen beim Dieselkraftstoff stellen die Busbranche vor eine nie dagewesene Existenzgefahr.“

Dabei sei die Kostenexplosion beim Kraftstoff nur das vordergründige Problem. Denn auch weitere Kosten würden immens steigen – etwa die für „AdBlue“, also den auf Harnstoff basierenden Kraftstoff-Zusatz, der vorgeschrieben ist, um die Schadstoffe zu minimieren.

Preise für „AdBlue“ haben sich verfünffacht

„Normalerweise geben wir jedes Jahr etwa 20 000 Euro dafür aus, haben dieses Jahr aufgrund von Verteuerungen bereits 50 000 Euro eingeplant“, sagt Diehl. Doch werde auch das nicht reichen, denn: „Es gibt derzeit eine Verfünffachung des Preises.“

Die gesamte – mittelständisch geprägte – Branche sei durch die derzeitigen Rahmenbedingungen akut bedroht, „und damit die Daseinsvorsorge und die Mobilität in Deutschland insgesamt“, betont Udo Diehl. Ohne weitere Entlastungen der Bundesregierung würden massive Einschnitte für viele Busverkehre drohen. Zar seien „kleine Korrekturen“ vonseiten der Politik beschlossen worden. Doch Diehl stellt klar: „14 Cent Rabatt bei Diesel sind keine Rettung. Das hilft der Busbranche nicht.“

Aber warum kann Diehl die gestiegenen Preise nicht einfach an seine Auftraggeber weiterreichen? „Weil unsere Branche als Teil der Daseinsvorsorge teilweise streng reguliert ist – wir können unsere Preise vielfach nicht einfach anpassen.“ Linienverkehre würden in „Bündeln“ ausgeschrieben und bei Zuschlag über mehrere Jahre festgeschrieben – „nachträgliche Preisänderungen sind da nur schwer durchzusetzen“. Daher fordere die Busbranche, dass zukünftig alle längerfristigen Verträge automatisch über eine Preisanpassungsklausel verfügen müssten, „damit speziell die aktuellen exorbitanten Preissteigerungen nicht allein zulasten des Busunternehmens gehen“.

Wird das Busfahren jetzt teurer?

Ja, Busfahren wird teurer. Der RMV hatte bereits im Januar seine Preise um durchschnittlich 1,5 Prozent erhöht. Und: Ab 1. Juli wird es noch einmal teurer – dann steigen die Ticketpreise um weitere durchschnittlich 3,9 Prozent. Jedoch wurde diese Preiserhöhung beschlossen, bevor die Kraftstoffpreise aufgrund des Kriegs in der Ukraine so drastisch gestiegen ist.
Wird es also eine weitere Preiserhöhung geben? „Beschlossen ist noch nichts“, sagt Pressesprecher Maximilian Meyer auf Anfrage der OP. Der Aufsichtsrat werde sich aber „mit dem Thema befassen müssen“, so Meyer – denn es gebe durch die Belastungen „einen erheblich erhöhten Finanzierungsbedarf“.

Diehl ist mit seinem Unternehmen in vier Bereichen von den Preissteigerungen betroffen – und nur in einem kann er die Preise selbst anpassen: Die „Überlandverkehre“ auf den größeren Strecken würden im Dienste des RMV gefahren – darüber besitze quasi das Land die Tarifhoheit. Auf den kleineren Strecken im Landkreis – inklusive der Schulbusse – sei der RNV zuständig. Und dann fährt Diehl auch noch für den Fernbus-Anbieter Flixbus. „Bei RMV und dem Landkreis gibt es bereits Signale, dass es mehr Geld geben wird“, sagt Diehl. Es stehe also fest, dass die Mehrkosten „irgendwann ausgeglichen“ würden. „Also gibt es vor allem ein Liquiditätsproblem. Dabei könnten vor allem kleine Unternehmen auf der Strecke bleiben“, befürchtet er. Und was ist mit seinen Flixbussen? „Davon haben wir nur noch zwei, es waren einmal fünf“, sagt Diehl. „Während der gut zwei Jahre Pandemie liefen sie gerade einmal sechs Wochen.“ Auch mit Flixbus stehe man derzeit in Verhandlungen.

Und wo kann Diehl die Preise selbst festlegen? „Zumindest teilweise bei unseren Busreisen“, sagt er – doch auch dort liege das Geschäft quasi brach. „Klassenfahrten fanden kaum statt, und dort können die tatsächlich Kosten ja auch nicht ungefiltert weitergegeben werden. Das kann sich ja niemand leisten“, sagt der Unternehmer.

Wunsch: Rückerstattung von 40 Cent pro Liter Diesel

Wo liegt aus seiner Sicht der Ausweg aus der Misere? „Am effektivsten ist die Senkung der Energiesteuern. Wir schlagen daher vor, für den Busverkehr auf das bewährte Instrument des Energiesteuergesetzes zurückzugreifen.“ Über diese Vorschrift erhielten ÖPNV-Unternehmen derzeit am Ende eines Jahres fünf Cent pro Liter Diesel zurück. „Aber die aktuelle Krise macht einen Umbau des Systems erforderlich. Die Bundesregierung muss den Satz der Rückerstattung temporär auf mindestens 40 Cent pro Liter erhöhen“, so die Forderung vonseiten der Branche.

Politik und Verwaltung müssten ihrer Verantwortung nachkommen und die Busunternehmen in dieser existenzbedrohenden Situation umgehend entlasten – „sonst drohen großflächige Ausfälle von Busverkehren und bundesweite Insolvenzen in nie zuvor bekanntem Ausmaß“.

Von Andreas Schmidt

13.04.2022