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Marburg Die vergessenen Sorgen der Corona-Jugend
Marburg Die vergessenen Sorgen der Corona-Jugend
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17:58 19.03.2021
Sarah Bösner und Amelie Kubach besuchen die Martin-Luther-Schule und haben wegen der Situation für Schüler in der Corona-Pandemie einen Hilferuf an das Kultusministerium geschrieben
Sarah Bösner und Amelie Kubach besuchen die Martin-Luther-Schule und haben wegen der Situation für Schüler in der Corona-Pandemie einen Hilferuf an das Kultusministerium geschrieben Quelle: Privatfoto
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Marburg

„Wir sind besorgt, frustriert und verunsichert – und um uns herum leiden viele Schüler.“ Sarah Bösner sagt den Satz, und eine gewisse Verzweiflung klingt in ihrer Stimme mit. Nicht anders geht es nach Monaten im Homeschooling ihrer Freundin Amelie Kubach, als sie über die Corona-Pandemie-Politik spricht: „Für die physische Gesundheit der Älteren wird – zurecht – viel getan. Für die psychische Gesundheit der Jüngeren aber nichts.“

Brief an Kultusministerium

Die 16- beziehungsweise 17-jährigen Martin-Luther-Schülerinnen haben daher einen Brief an das Kultusministerium geschrieben. Ihr Ziel: Die Landesregierung, die Öffentlichkeit insgesamt wachrütteln, dass die Jugend einen immer höheren und die gesellschaftliche Zukunft riskierenden Preis für die Pandemiepolitik zahle. „Wir haben das Gefühl, dass die ganzen Folgewirkungen nicht gesehen werden“, sagt Kubach. Was sie genau meinen, schildern sie in dem Hilferuf-Brief:

In weiten Teilen der Schülerschaft gebe es „große Unsicherheit, Frustration und Verzweiflung“. Die Jugend sei in jedem einzelnen Lebensbereich „auf sich allein gestellt“, eine „gute Balance“ zwischen Schule, Freizeit, Freunde und Familienleben sei durch die Schulschließungen „beinahe unmöglich“, eine alltägliche Struktur sei tausenden Marburgern „völlig genommen“.

Leistungsdruck und Zukunftssorgen

Was bleibe sei „die Frustration über nicht Geschafftes, wodurch wir an den eigenen Fähigkeiten zweifeln und ein gefährlicher Teufelskreis entsteht.“ Resultat: Hoffnungslosigkeit mit Blick auf die Zukunft. In ihrem Bekanntenkreis gebe es daher immer mehr Fälle von Depressionen, Magersucht und Selbstverletzungen. Etwas, das wegen geschlossener Schulen von Lehrern und Psychologen, denen viele sich auch nur bedingt anvertrauen könnten, nicht mal gesehen würde.

Was ist es, das die Psyche der Schülerinnen und vieler Mitschüler plagt? „Der Leistungsdruck ist ungemein hoch. Die Anforderungen sind so, als ob es normale Schuljahre und kein permanenter Ausnahmezustand wären“, sagt Bösner im OP-Gespräch.

Lern-Rückstand sind Folge des Fern-Unterrichts

Immer wieder heißt es, dass man den Anschluss verliere – wenn nicht in ein paar Wochen, dann eben im nächsten Schuljahr. „Viele bekommen eingebläut, dass sie ein Defizit haben werden, wenn sie den Stoff nicht sofort verstehen“, sagt Kubach. Dabei sei der drohende und sich wöchentlich vergrößernde Lern-Rückstand doch die Folge des Fern-Unterrichts, des für viele nicht nur aus technischen Gründen problematischen Homeschoolings.

„Sich nicht zu sehen, nichts mehr machen zu dürfen außer Schulstoff rein zu pauken, belastet viele sehr stark“, sagt Bösner. Und eben das sei der Grund, wieso einige der rund 12.000 Marburger Schüler bereits abgehängt würden. „Viele sind ausgebrannt“, sagt Kubach. Selbst die, die den Anforderungen entsprechen. „Die einen kommen mangels Struktur nicht hinterher, die anderen kennen keine Grenze mehr, hören gar nicht mehr mit Schulsachen auf.“

Wunsch: Anpassung des Unterrichtsstoffs

Es sei „gnadenloser“ geworden als im ersten Lockdown, in dem tatsächlich Rücksicht auch auf die private Pandemie-Situation aller Schüler geachtet worden sei. Bösner und Kubach wünschen sich, stellvertretend für viele Kinder und Jugendliche, eine Anpassung des Unterrichtsstoffs, eine Reduzierung des Leistungsdrucks.

Unter der anhaltenden Last würden einige „still zusammen brechen“. Nach OP-Informationen verlangen die Behörden von den Lehrern selbst die Benotung von Sport-Unterricht, der seit Monaten faktisch nicht mehr stattfinden kann.

Beratung für mehr belastete Schüler

Was die Teenager schildern ist von der Entwicklung in Marburg, den steigenden Inanspruchnahmen der Schulsozialarbeit gedeckt. Wie im jüngsten Jugendhilfeausschuss der Stadt Marburg bekannt wurde, hat es nie mehr psychologischen Beratungs- und Betreuungsbedarf gegeben, wie zuletzt. Und es werden demnach immer mehr Kinder und Jugendliche, die sich an Sozialpädagogen oder Vertrauenslehrer, mitunter auch an Psychiater wenden. „Wir sehen furchtbar traurige Menschen.

Die Niedergeschlagenheit wird immer größer, viele Schüler fühlen nur noch Druck und Verbote, haben keine Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten mehr“, sagt eine an einer Marburger Schule arbeitende Pädagogin, die aber anonym bleiben will.

Corona-Auswirkungen auf Psyche von Menschen

Die Marburger Psychologie-Professorin Hanna Christiansen, die mit Kollegen am Uni-Fachbereich seit rund einem Jahr Corona-Auswirkungen auf die Psyche von Menschen untersucht, weiß um die Sorgen, spricht von „Dauerstress“ als Auslöser von psychischen Problemen, gar Erkrankungen bis hin zu Depressionen.

„Verlust von Freude an Dingen, an denen man vorher Spaß hatte, eine durchgängige Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Motivationslosigkeit – und zwar andauernd über mindestens zwei Wochen. So einen Zustand sollte man professionell abklären lassen“, erklärte sie im OP-Gespräch.

Einen dauerhaften Kurswechsel

Bösner und Kubach fordern vom Land Hessen und den Schulträgern wegen der „seelisch immer belastenderen Situation“ – und im Gegensatz zu Schließungen, zur neuerlichen Absage an Wechselunterricht – einen dauerhaften Kurswechsel.

Gestufte Schulöffnungen, wenigstens also Wechselunterricht in allen Jahrgangsstufen würde Jugendlichen „zumindest wieder teilweise in eine Tagesstruktur führen, soziale Interaktionen ermöglichen und auch psychische wie physische Probleme würden so nicht mehr ungesehen bleiben“.

Zukunftsperspektiven junger Menschen

„An welcher Stelle stehen momentan die Zukunftsperspektiven und Bildungschancen junger Menschen – und an welcher Stelle sollten sie stehen?“ fragen die Marburgerinnen.

Mehr als 70 Prozent fühlen sich schlecht

Eine Umfrage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf belegt, dass sich bereits im August 2020 mehr als 70 Prozent von 1.000 befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet fühlen. Stress, Angst und Depressionen hätten demnach zugenommen. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt, hieß es in der Untersuchung weiter. Die Kinder seien häufiger gereizt, hätten Einschlafprobleme und klagten über Kopf- und Bauchschmerzen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Umfrage des „Hessischen Rundfunks“ im Februar 2021: 77 Prozent der befragten Schüler fühlen sich demnach schlecht, vor allem gestresst und überfordert, aber auch unmotiviert und depressiv. Worunter sie am meisten leiden: Leistungsdruck in der Schule und fehlende Möglichkeiten, um Freunde in Freizeit oder Schule zu treffen, Hobbys nachzugehen.

Von Björn Wisker

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