Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Die kontaktlose Taufe
Marburg Die kontaktlose Taufe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 30.03.2021
Eine klassische Taufe in der Kirche. Um die offizielle Aufnahme von Tauf-Alternativen dreht sich die neue Taufagende der Landeskirche, mit der sich die Kreissynode des Kirchenkreises Marburg nun befasst hat.
Eine klassische Taufe in der Kirche. Um die offizielle Aufnahme von Tauf-Alternativen dreht sich die neue Taufagende der Landeskirche, mit der sich die Kreissynode des Kirchenkreises Marburg nun befasst hat. Quelle: Pixabay
Anzeige
Marburg

Die Taufe ist der maßgebliche Ritus, durch den ein Täufling in die christliche Gemeinschaft aufgenommen wird, für Kirche und Gläubige ein einmaliges und unwiderrufliches Sakrament. Und das braucht regelmäßig und nicht zuletzt in Pandemiezeiten eine Reform. Aktuelle und künftige Taufrituale standen daher im Mittelpunkt der letzten Kreissynode des Evangelischen Kirchenkreises Marburg, das Leitungsorgan aller im Kirchenkreis vertretenen Kirchengemeinden.

Die fand unter der Leitung von Präses Nadine Bernshausen digital statt und war mit 110 Teilnehmern der insgesamt 150 Kreissynodalen so gut besucht wie nie zuvor. Helmut Wöllenstein, Probst des Sprengels Marburg, betonte die Bedeutung einer neuen Taufagende – der Leitfaden für die Liturgie der Taufe: Mit der Neufassung hatte die Landessynode die Liturgische Kammer der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in 2016 beauftragt, nun liegt ein Reform-Entwurf vor, zu dem alle Kreissynoden Stellung beziehen. Es sei auch an der Zeit, die bisherige Taufagende ist rund 50 Jahre alt. Das Ziel der neuen Fassung: Mehr Vielfalt und gewissermaßen mehr zeitgemäßer Service bei Angeboten rund um die Taufe.

Denn die Ansprüche an das Ritual in verschiedener Form sind gestiegen, die Lebenssituationen von Familien und Paaren haben sich verändert. Getauft werden zudem zwar vor allem kleine Kinder, aber eben auch Jugendliche oder Erwachsene, wie zuletzt eine Befragung von Pfarrern ergab. Taufanfragen kommen außerdem auch aus konfessionslosen Familien, die Taufe könne den Platz füllen zwischen einem klaren christlichen Selbstverständnis auf der einen Seite und einem konfessionslosen Leben auf der anderen, „immer mehr Menschen sind in der zweiten und dritten Generation konfessionslos“, gab Wöllenstein zu bedenken. All das erfordere neue Denkweisen und individueller gestaltbare Vorgaben.

Für die Taufe gebe es heute verschiedene Wünsche von Eltern oder Täuflingen, die nicht immer mit der bisherigen Praxis vereinbar waren, von ästhetischen Vorlieben bis zu Musikstilen, Sprache, Zeitpunkt oder Tauf-Orte. Etwa wenn das Kind nicht in einer Kirche, sondern im Heiligen Brunnen, in der Lahn oder auch zu Hause getauft werden soll. Früher unvorstellbar, heute seien Tauffeste im Freien und an anderen Orten weit verbreitet. Ein Problem bisher waren zudem allzu starre Tauftermine, etwa nur im sonntäglichen Gottesdienst, die seien heute nicht mehr zeitgemäß, verhindern das Ritual der Taufe eher, als dass sie es fördern.

Die neue Taufagende müsse viele neue Lebenswirklichkeiten aufgreifen, Regelungen anpassen, Neues zulassen. Aufgeführt ist etwa die Möglichkeit, die Taufe an besonderen Orten zuzulassen, ebenso sind neue Texte enthalten, oder Paten und Taufzeugen können stärker einbezogen werden, zwischen diesen wird jedoch weiterhin klar unterschieden.

Nicht in das Papier mit aufgenommen wird dagegen die Taufe von totgeborenen Kindern. Stattdessen gebe es ein Ritual mit Namensgebung, Segnung und Salbung von Kindern.

Die Kreissynode ergänzt außerdem die Vorschläge aus der Landeskirche um einige Punkte, quasi als zusätzliches „Serviceangebot“. Zudem wurde die Taufformel angepasst, die nicht mehr „Ich taufe dich in den Namen...“, sondern „auf den Namen“ beziehungsweise „im Namen Gottes“ lautet.

Neu und auch mit Blick auf die Corona-Pandemie ist die Taufe an bestimmten Orten oder in kontaktloser Form und mit räumlicher Distanz zwischen Täufer und Täufling: Aus ethischen oder hygienischen Gründen könnte eine Taufe ausnahmsweise im privaten Umfeld, etwa im Freien, im eigenen Garten, Haus oder auch nur in direktem Kontakt mit der eigenen Familie stattfinden. Eine Besonderheit, denn in diesem Fall können sich die Eltern selber aktiv beteiligen, während Pfarrerin oder Pfarrer zwar anwesend ist, aber im Sinne des Infektionsschutzes auf Abstand bleibt.

Diese Alternative wurde bereits erprobt, in dem Falle spricht der Geistliche die Taufformel mit den Eltern gemeinsam, die aber das eigentliche Ritual übernehmen und das Kind selber mit Wasser benetzen.

Mit den Details der neuen Taufagende befassten sich die Kreissynodalen in verschiedenen Arbeitsgruppen. Viele Vorschläge der Landeskirche stießen auf breite Zustimmung, etwa eine deutlich höhere Vielfalt an Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten bei der Taufe – was vielerorts bereits Praxis ist, werde nun im neuen Leitfaden schwarz auf weiß und deutlicher zusammengefasst.

Von Ina Tannert