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Marburg „Ich hatte richtig Gänsehaut“
Marburg „Ich hatte richtig Gänsehaut“
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19:58 19.08.2020
Die Mordeiche am Dammelsberg in Marburg.
Die Mordeiche am Dammelsberg in Marburg. Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch
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Marburg

„Auch im wunderschönen Marburg gibt es dunkle Geschichten, dunkle Geheimnisse. Marburg ist also doch eine ganz normale Stadt.“ Das sagt Christina Bacher. Die Autorin hat für ihren Krimi „Hinkels Mord“ eine solche dunkle Geschichte ausgegraben und neu erzählt.

Alte Marburger wie der Ockershäuser Heimatforscher Reinhold Drusel kennen den Fall, der 1861 Marburg erschütterte. Er hat Christina Bacher bei den Recherchen unterstützt. Oben am Dammelsberg hoch über dem Stadtteil Ockershausen, damals noch ein kleines Dörfchen vor den Toren der Stadt, wurde im September 1861 eine Frauenleiche gefunden, bei der die Verwesung schon eingesetzt hatte. Die übel zugerichtete Frau musste schon einige Tage dort gelegen haben. Ihre Kehle war durchtrennt, Maden krochen über ihr Gesicht.

Bald stand fest: Die Tote war die 24-jährige Tagelöhnerin Dorothea Wiegand, eine Frau, die damals wie so viele andere Frauen in ihrer Lage in großer Armut am Rande der Gesellschaft lebte. Weil sie hinkte, wurde sie „das Hinkel“ genannt. Ein Schimpfwort. Dorothea Wiegand war im vierten Monat schwanger, hoffte sehnlichst darauf, dass der Kindsvater, der Schuhmacher Ludwig Hilberg, sie heiraten und in eine „ehrbare Frau“ verwandeln würde. Der aber war längst mit einer anderen verlobt. Er brachte Dorothea Wiegand um, wohl weil sie ihm im Weg war. Drei Jahre später nach einem sich lange hinziehenden Mordprozess wurde er am Rabenstein als letzter Mensch in Hessen öffentlich mit dem Schwert hingerichtet.

All das ist historisch belegt – in Gerichtsprotokollen und Prozessakten, die im Hessischen Staatsarchiv eingelagert sind. Der alte Fall hat Christina Bacher schon lange fasziniert. Auf ihn gestoßen ist sie bereits im Jahr 2000. Damals studierte die 1973 in Kaiserslautern geborene Autorin und Journalistin in Marburg Germanistik, arbeitete bei dem Buch-PR-Unternehmen Mediakontakt Laumer, schrieb für den Hessischen Rundfunk kleine Mitratekrimis für Kinder und entdeckte allmählich ihr Faible für das Genre Krimi. Sie initiierte gemeinsam mit Ralf Laumer das Marburger Krimifestival, das in diesem Jahr zum 18. Mal stattfinden wird.

Seit 15 Jahren lebt Christina Bacher mit ihrer Familie in Köln. Dort schreibt sie Kinderkrimis, Kurzgeschichten für Erwachsene, ist Chefredakteurin des Magazin „Draußenseiter“ und engagiert sich in der Arbeit mit Obdachlosen. Marburg ist sie stets verbunden geblieben. Mindestens viermal im Jahr besucht sie ihre alte Wahlheimat, organisierte etwa 2016 für die Krimiautorenvereinigung „Syndicat“ die „Criminale“ in Marburg und fungierte damals als Herausgeberin des Kurzgeschichtenbands „SOKO Marburg-Biedenkopf““, der jetzt in seiner vierte Auflage geht. „Sie sehen – ich komme immer wieder zurück wie ein Bumerang“, sagte sie im Gespräch mit der OP.

Gut zwei Jahre lang hat sie an dem Krimi „Hinkels Mord“ recherchiert und geschrieben. In dieser zeit war sie noch häufiger in Marburg, verbrachte viel Zeit im Staatsarchiv. Um die Akten studieren zu können, eignete sie sich Grundzüge der Sütterlin-Schrift an, „Teilweise musste ich mir die Texte auch übersetzen lassen“, sagt sie und ergänzt: „Ich hatte oft richtig Gänsehaut.“ Der Mord an Dorothea Wiegand sorgte damals überregional für Aufregung. Für sie ist klar: Hilberg war’s, nicht nur wegen des Geständnisses. „Der Mann hatte wohl Charisma, er hat alle, vor allem Frauen, an der Nase herumgeführt.“

Trotz der Ausflüge in die Vergangenheit ist „Hinkels Mord“ kein historischer Krimi. Die Haupthandlung spielt in der Gegenwart. Bachers Protagonistin Liva ist eine junge Frau, die Marburg aufgewachsen ist und jetzt in Köln studiert. Sie ist aus Marburg geradezu geflohen, nachdem ihr großer Bruder vor Jahren plötzlich verschwunden ist. Als ihre Mutter nach einem Überfall im Koma liegt, kehrt die psychisch instabile und verletzte junge Frau, die ihre Leere mit Drogen und Männergeschichten füllt, nach Marburg zurück und beginnt in der Vergangenheit ihrer Familie zu forschen. Eingeschoben in diese Handlung sind Exkurse in die Jahre 1861 bis 1864. Sie sind optisch und sprachlich besonders hervorgehoben. Wie der Mord an Dorothea Wiegand mit der Familiengeschichte 150 Jahre später zusammenhängt, wird natürlich nicht verraten.

„Ich wollte Dorothea Wiegand eine Stimme geben“, sagt Christina Bacher. Für sie ist der Mord an „dem Hinkel“ ein exemplarischer fall für diese Zeit. „Solche Taten wurden damals überall in Deutschland verübt.“

Christina Bacher: „Hinkels Mord“, KBV-Verlag, 191 Seiten, 12 Euro.

Von Uwe Badouin

19.08.2020
19.08.2020