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Marburg Die alltägliche Diskriminierung
Marburg Die alltägliche Diskriminierung
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09:59 23.03.2022
Demonstrantinnen und Demonstranten gingen im Juni 2020 in Marburg gegen Rassismus auf die Straße.
Demonstrantinnen und Demonstranten gingen im Juni 2020 in Marburg gegen Rassismus auf die Straße. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Mann konnte vor Angst nicht mehr schlafen, so sehr lastete die Sache auf ihm. Er hatte eine Wohnung gemietet – und sollte nun der Vermieterin mehr als 10 000 Euro für die Renovierung zahlen. Weil er sich mit deutschem Recht nicht auskennt, hatte er kein Übergabeprotokoll anfertigen lassen – nun wurde ihm vorgeworfen, er habe die Wohnung verwüstet. Mit Unterstützung des Ausländerbeirates und der Ombudsstelle „Fair Wohnen“ konnte er schließlich einen Kompromiss mit seiner Vermieterin finden.

Es ist ein extremer Fall, den Sylvie Cloutier, die Vorsitzende des Ausländerbeirates, schildert. Aber in der Rechtsberatung des Ausländerbeirates melden sich zunehmend Menschen wegen Mietstreitigkeiten. Von 219 Beratungsfällen im Jahr 2020 drehten sich mit 98 fast die Hälfte um Aufenthaltsrecht und Einbürgerung – und 20 um Mietsachen. Offenbar gibt es zumindest einzelne Vermieter, die Schwierigkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund gezielt ausnutzen. Andere seien misstrauisch, wenn die potenzielle Mieterin ein Kopftuch trägt oder der potenzielle Mieter „fremd“ aussieht, berichtet die Ausländerbeirats-Vorsitzende.

Marburg gilt als tolerante, weltoffene Stadt – aber auch hier müssen Menschen, die anders aussehen, eine andere Religion oder anders klingende Namen haben, immer wieder erleben, dass sie benachteiligt, in eine Schublade gesteckt oder gar offen rassistisch angefeindet werden. „Wir erleben Diskriminierung fast täglich“, sagt Cloutier. „Am besten, man wappnet sich schon dagegen und fragt nach“, sagt Cloutier.

Schon Kinder werden in Schubladen gesteckt

„Es passiert zum Beispiel in der Kita: Der kleine Ali will nicht aufräumen. Dann ist er gleich ein Macho“, schildert Cloutier, wie schon Kinder in Schubladen gesteckt werden. „Nein, er ist kein Macho – er ist einfach ein Kind!“ Manche Kinder würden auch von Gleichaltrigen mit Fantasienamen gerufen statt mit ihrem richtigen Namen. Das dürften die Erwachsenen nicht zulassen.

Besonders betroffen von Rassismus seien schwarze Menschen und Frauen mit Kopftuch, sagt Cloutier. Zudem würden Menschen bei Ereignissen wie Anschlägen zu Sündenböcken gemacht, wenn sie beispielsweise „arabisch aussehen“. Zu Beginn der Corona-Pandemie seien Asiaten beleidigt worden, nun seien wegen des Ukraine-Krieges russische Menschen betroffen.

Aygün Habibova von der Antidiskriminierungsberatung der Stadt Marburg bestätigt, dass besonders muslimische und schwarze Menschen Rassismus erfahren. Sie berät seit Mitte Juli 2021 Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Diskriminierung erfahren – aufgrund der Religion, der Herkunft, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder des Alters. „Die meisten Leute, die sich melden, haben Schwierigkeiten am Arbeitsplatz – oder dabei, einen Arbeitsplatz zu finden“, berichtet sie.

Habibova lässt sich von den Ratsuchenden schildern, was genau passiert ist – und gibt dann Rat: „Ich zeige, welche Schritte gegangen werden können, und die Leute entscheiden, ob sie das tun wollen.“ Die städtische Beraterin ist eine Art Lotsin: Geht es um Probleme in der Stadtverwaltung, kann sie intern nach einer Lösung suchen. Wenn es Probleme in anderen Institutionen wie Schulen und Betrieben gibt, recherchiert Habibova erst einmal: Gibt es zum Beispiel ein bestimmtes Prozedere, das sich gar nicht gegen bestimmte Personen richtet? Handelt es sich um ein Missverständnis? Wenn sich dann zeigt, dass eine Konfliktbegleitung erforderlich ist, vermittelt sie an unabhängige Beratungsangebote wie den Verein Antidiskriminierung Mittelhessen oder das Beratungsnetzwerk Adibe.

Auch gut gemeint kann ausgrenzend sein

Neben eher subtilen Benachteiligungen erleben ausländische Menschen auch in Marburg, dass sie in der Öffentlichkeit angefeindet werden. So berichtet Habibova von einem Fall, wo ein Mann beim Spaziergang am Lahnufer mit dem „N-Wort“ beleidigt wurde. Und Cloutier erzählt von einem US-Amerikaner, der sich mit einem Freund in Ockershausen englisch unterhielt – worauf ihn eine Frau ansprach: „Wir sind hier in Deutschland – hier spricht man Deutsch!“ Solche Menschen seien offenbar überfordert mit der offenen Gesellschaft, meint Cloutier. Manchmal sei eine Aussage auch gar nicht böse gemeint, „aber gut gemeint kann auch ausgrenzend sein“ – etwa die Frage: „Wo kommst du her?“ Es gehe nicht darum, dass man nichts mehr sagen dürfe, betont die Beirats-Vorsitzende. „Es geht darum, zu reflektieren: Was machst du mit deiner Aussage, was bewirkt das?“

Habibova fragt Menschen, die nach rassistischen Vorfällen in ihre Beratung kommen: „Was brauchen Sie gerade, damit es Ihnen besser geht?“ Manche benötigen eine professionelle Begleitung oder psychologische Unterstützung – andere können Hilfe zum Beispiel in Vereinen finden. „Häufig hilft ihnen eine Stärkung durch die Community“, sagt Habibova, „dass sie mit Leuten sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“

Von Stefan Dietrich

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