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Marburg Die Zinsen steigen – was nun?
Marburg Die Zinsen steigen – was nun?
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12:00 20.06.2022
Die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) steht hinter Blumen am Mainufer im frühen Morgenlicht.
Die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) steht hinter Blumen am Mainufer im frühen Morgenlicht. Quelle: Frank Rumpenhorst
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Für alle, die es schon vergessen haben: Im März 2016 betrug die Inflationsrate im Euroraum null Prozent (!). Covid war noch ein Fremdwort, ein Krieg in der Ukraine unvorstellbar. Und heute: Corona gehört zu unserem Alltag genauso wie die schrecklichen Bilder vom Krieg in der Ukraine.

Das alles hat Folgen für unser tägliches Leben. Lieferketten werden brüchig, die Energiepreise explodieren, viele Waren des täglichen Bedarfs sind dramatisch teuer geworden. Und die Preise steigen weiter.

Inflation

Die Preise von Waren und Dienstleistungen können sich immer wieder ändern. Manche Produkte werden teurer, andere billiger. Steigen die Preise von Waren und Dienstleistungen allgemein, und nicht nur die Preise einzelner Produkte, so bezeichnet man das als Inflation. Dann kann man heute mit 1 Euro nicht so viel kaufen wie noch gestern. Anders gesagt: Durch Inflation sinkt mit der Zeit der Wert einer Währung. Aktuell beträgt die Inflationsrate 7,9 Prozent. 

Inflation in anderen Ländern

Die niedrigste Inflationsrate im Monat Mai 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat hatte die Schweiz mit 2,7 Prozent, die höchste hat Estland mit 20,1 Prozent. Deutschland lag mit 8,4 Prozent im Mittelfeld. Hinter die Schweiz mit einer niedrigen Inflationsrate reihen sich noch Island (5,4 Prozent), Malta (5,8 Prozent) und Frankreich (5,8 Prozent) ein. Viel höher als in Deutschland ist die Inflationsrate in Tschechien  (15,2 Prozent), Lettland (16.8 Prozent) und Litauen (18,5 Prozent). Ein ähnlich hohes Niveau wie Deutschland haben zum Beispiel Spanien (8,5 Prozent) und Slowenien (8,7 Prozent).    Quelle: statista

In Europas größter Volkswirtschaft Deutschland kletterte die jährliche Inflationsrate wegen dieser Gemengelage zuletzt auf 7,9 Prozent. Das ist der höchste Stand seit fast 50 Jahren. Wann die Inflation wieder sinkt? Unklar. Fest aber steht: Die aktuellen Teuerungsraten sind meilenweit vom Ziel der EZB entfernt: Die Währungshüter streben danach für die 19 Länder mit der Gemeinschaftswährung stabile Preise bei einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent an. Dieses Ziel aber ist in weiter Ferne.

Angesichts der rekordhohen Inflation hat die die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt reagiert. Sie hat die Weichen für die erste Zinsanhebung seit elf Jahren gestellt. Als wichtige Voraussetzung dafür kündigte die Zentralbank das Aus für das milliardenschwere Anleihe-Ankaufprogramm an. Dies gilt als Vorstufe einer Zinserhöhung, die ab Juli folgen soll, und zwar um 0,25 Prozentpunkte. Im September dürfte dann nachgelegt werden, sind sich Finanzexperten sicher.

Leitzins

Unter Leitzinsen versteht man die von der zuständigen Zentralbank festgelegten Zinssätze, zu denen sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank Geld beschaffen oder anlegen können. In der Eurozone ist die Europäische Zentralbank (EZB) zuständig für die Festlegung der Leitzinsen. Vorrangiges Ziel der meisten Zentralbanken ist es, ein stabiles Preisniveau sicherzustellen. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt dafür ein Inflationsziel von 2 Prozent in der mittleren Frist an. Dazu kann die Zentralbank die Leitzinsen anheben oder auch senken. 

Der Leitzins liegt derzeit bei null Prozent. Steigt nun der Leitzins, gehen Volkswirte jetzt davon aus, dass schon bald die Negativzinsen, die Banken zahlen, schnell wegfallen. Eine gute Nachricht auch für Privatkunden, denn auch sie werden wohl schon in absehbarer Zeit keine Verwahrgebühren mehr entrichten müssen. Der Wegfall der Negativzinsen ist aber nur eine Folge der Leitzinserhöhung. Auch für Kreditnehmer, Anleger und Sparer ändert sich einiges. Unser Überblick zeigt, worauf Sie nun achten müssen.

Das sollten Sie wissen

Sparer
Die gute Nachricht vorweg: Mit der Zinswende werden die Negativzinsen verschwinden. Auch steigende Sparzinsen sind wohl bald wieder Realität. Schon eine Zinserhöhung auf ein Prozent würde bei einem Guthaben von 50 000 Euro also 500 Euro Zinsen im Jahr abwerfen. Wahrscheinlich aber sind erst einmal kleinere Zinsschritte.
Sparer sollten auf Aktionsangebote einzelner Banken achten. Grundsätzlich gilt: Mit einer ersten Zinserhöhung ist frühestens im Juli 2022 zu rechnen. Allerdings: Wegen der zur Zeit hohen Inflation bleibt den Sparern real gerechnet noch weniger Ertrag als früher. Selbst wenn zum Beispiel die Sparzinsen auf 2 Prozent stiegen, so bliebe bei einer Inflation von 7 Prozent ein realer Verlust von 5 Prozent. Und: Mit dem Zinsanstieg werden auch die Dispokredite wieder teurer.

Baukredite
Die Bauzinsen sind schon im vergangenen halben Jahr von einem Prozent auf drei Prozent für einen Standard-Baukredit geklettert. Baufinanzierungen dürften auch noch teurer werden. Höhere Zinsen treffen vor allem Immobilienbesitzer, die ein neues Darlehen oder eine Anschlussfinanzierung brauchen. Bei laufenden Hypothekenkrediten ändert sich nichts an der Zinshöhe. Finanzexperten raten daher, sich Hausfinanzierungen schnell zu sichern. Wer schon eine Immobilie finanziert, bei der die Zinsbindung ausläuft, der könnte sich mit einem sogenannten Forwarddarlehen noch vergleichsweise günstige Konditionen sichern, um sich vor noch höheren Zinsen zu schützen.

Anleger
Die Anleihemärkte, bei denen es um die Zinserwartung für die nächsten zehn Jahre und länger geht, haben die angekündigte Zinserhöhung der EZB bereits vorweggenommen. Guthabenzinsen sind dagegen noch weitgehend unverändert. Experten raten, Geld nicht auf einen langen Zeitraum zu deponieren, sondern für überschaubare Zeiträume von sechs bis zwölf Monaten auf Festgeldkonten anzulegen.

Aktionäre
Von den Niedrigzinsen und der Geldschwemme großer Notenbanken profitierten Börsen weltweit jahrelang. In der Zinsflaute herrschte Anlagenotstand. Aktien waren daher eine attraktive Alternative, auch wegen der vergleichsweisen hohen Dividenden. Nach der Zinswende aber werden andere Anlagen (etwa Tagesgeld) wieder an Bedeutung gewinnen.

Alternative Kryptowährungen?
Lieben Sie das Risiko? Dann könnten Kryptowährungen tatsächlich reizvoll sein. Die vergangenen Jahre aber haben gezeigt: Kryptowährungen sind alles andere als eine verlässliche Anlagealternative. Dafür sind die Schwankungen viel zu hoch. Hauptgrund: Die Preise der meisten Kryptos basieren ausschließlich auf dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Zudem führen Regulierungsankündigungen in unterschiedlichen Ländern regelmäßig zu starken Schwankungen.

Von Alfred Hermsdörfer und unseren Agenturen

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