Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Was zwitschert denn da?
Marburg Was zwitschert denn da?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 14.10.2020
Die Wiesenschafstelze ist eine Unterart der Schafstelze und sucht - wie der Name schon sagt - zwischen Weidetieren nach Insekten. Der Zugvogel brütet häufig in Deutschland und bevorzugt kurzrasige, feuchte Wiesen oder Ackerbrachen. Er ist etwa 17 Zentimeter groß und wird bis zu acht Jahren alt. Quelle: Andreas Trepte
Anzeige
Marburg

Ein buntes Sammelsurium an Vögeln fliegt das Jahr über im Kreis herum oder zumindest hindurch – oder eher gesagt, über ihn hinweg. Hier ein Einblick in die Vogelwelt der Region. Hier gibt es so einige Vögel und doch bei weitem nicht mehr so viele wie einst. Denn viele Vogelarten sind aus den heimischen Gefilden längst verschwunden oder immer mehr bedroht.

Schwindender Lebensraum macht es den Tieren immer schwerer, Fuß zu fassen, ausreichend Futter und geeignete Brutplätze zu finden, sagt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). „Wir kämpfen nicht mehr um seltene Vogelarten, wir kämpfen um die letzten Vogelarten“, sagt Andreas Trepte, erster Vorsitzender des Nabu Kreisverbands Marburg-Biedenkopf.

Anzeige

Einer der traurigen Spitzenreiter auf der bedrohten Liste ist der Kiebitz. „Bei dem ist die Lage sehr dramatisch, er hatte mal ein großes Verbreitungsgebiet in Hessen“, sagt Trepte. Es gibt ihn auch noch an verschiedenen Stellen in Marburg-Biedenkopf, ein Schwerpunkt liege im Ostkreis. Der Kiebitz brütet etwa am Baggersee bei Niederwald, eines der letzten großen Rückzugsgebiete. Hessenweit gebe es nur noch bis zu 500 Brutpaare, in den 1980er-Jahren seien es noch 2.500 Paare gewesen.

Auch die Zahl an Flussregenpfeifern oder Braunkehlchen geht stark zurück, während Wiesenbrüter wie der Brachvogel schon aufgeben mussten: „Der Brachvogel ist schon lange weg.“

Gründe für den Vogelschwund gebe es dabei viele: Eingriffe in die Landschaft, die Begradigung von Flüssen, die Trockenlegung alter Feuchtgebiete, wie dem Amöneburger Becken – für Hessen insgesamt ein wichtiges Brut- und Rastgebiet.

Außerdem kritisiert der Nabu bundesweit eine „falsche Landwirtschaft“ – den lokalen Landwirten schiebt der Verband allerdings nicht den Schwarzen Peter zu, er arbeite mit vielen gut zusammen. Auch die Vogelwelt und klassische Bewirtschaftungsformen vertragen sich eigentlich gut, können voneinander profitieren.

Das Problem sei eher ein gesellschaftliches, liege im modernen landwirtschaftlichen System: Immer weniger Wiesen mit immer weniger Vieh darauf, welche das Gras kurz und den Boden gesund halten, sorgen auch für den Schwund von Nahrungsplätzen für Vögel. Steigender Fleischkonsum führe aber zu immer mehr Kühen pro Betrieb, und die stehen meist im Stall statt auf der Wiese. Die wiederum muss oft gemäht werden, um genügend Futter zu liefern. Dieser Kreislauf schade letztlich auch den Vögeln.

Der Artenschwund gehe dabei „rasend schnell“, neue Arten haben zwar ein paar „ökologische Nischen“ für sich gefunden, doch die Auswirkungen seien heute noch gar nicht absehbar. „Uns ist gar nicht bewusst, dass wir unseren Lebensraum kaputt machen“, sagt der Naturschützer. Damit einher gehe der Schwund einer vielfältigen Vogelwelt, die immer weniger bunt werde.

Wo heute noch verschiedenste Arten abgebildet werden können, sei das vielleicht einmal nicht mehr der Fall, „dann verschwindet nicht nur ein weiteres Stück Natur, sondern auch ein Stück Lebensqualität.“

Von Ina Tannert

14.10.2020
13.10.2020
Marburg Corona-Fallzahlen - Inzidenz liegt bei 43,8
13.10.2020