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Marburg Veranstaltungsbranche sieht rot
Marburg Veranstaltungsbranche sieht rot
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19:58 18.06.2020
Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Zahlreiche Besucher kamen im Mai 2016 zur Eröffnung des Marburger Erwin-Piscator-Hauses. Das EPH beteiligt sich am Montag an der Aktion „Night of Light“ und wird rot strahlen, um auf die Nöte der Veranstaltungsbranche hinzuweisen. Quelle: Archivfoto: Michael Hoffsteter
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Marburg

Kulturschaffende, Künstler, Veranstalter, Theater, Agenturen und Konzertdienstleister bangen angesichts des Corona-Lockdowns um ihr Überleben. Am kommenden Montag werden bei einer Protestaktion bundesweit Veranstaltungshäuser in rotes Licht getaucht. Die „Night of Light“ soll „ein flammender Appell an die Politik zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft“ werden, teilen die Veranstalter auf ihrer Homepage mit. „Innerhalb kürzester Zeit haben die behördlichen Auflagen im Zuge der Corona-Krise die gesamte Veranstaltungswirtschaft an den Abgrund gedrängt“, heißt es weiter. Einem riesigen Wirtschaftszweig sei praktisch über Nacht die Arbeitsgrundlage entzogen worden, eine Pleitewelle enormen Ausmaßes drohe.

Die „Night of Light“ will „Marktteilnehmer aus allen Bereichen der Veranstaltungswirtschaft“ vereinen, „um in einer konzertierten Aktion ein imposantes Zeichen für eine vom Aussterben bedrohten Branche zu setzen und zu einem Dialog mit der Politik aufzurufen, wie Lösungen und Wege aus der dramatischen Lage entwickelt werden können“.

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In Marburg ist unter anderem das Erwin-Piscator-Haus (EPH) dabei. „Wir sind ein zentrales Haus der Stadtgesellschaft und der Veranstaltungsbranche und beteiligen uns an der Aktion, um ein Zeichen zu setzen. Der Branche geht es nicht gut“, sagt EPH-Chefin Karin Stichnothe-Botschafter. Ab 21 Uhr wird das EPH von innen heraus rot leuchten, erklärt der EPH-Veranstaltungstechniker Thomas Schmidt. Das EPH sei als städtisches Haus zwar nur indirekt betroffen, man sehe aber die Probleme der Branche. „Viele haben Angst, nicht über den nächsten Monat zu kommen“, weiß Schmidt. „Die Aktion ,Eine Branche sieht rot’ hat sich inzwischen zu einem Riesending entwickelt.“

Mit dabei ist auch die Stadthalle Stadtallendorf, die zweite große Veranstaltungshalle im Kreis. Deren Leiter Christoph Grimmel sagte der OP: „Wir machen mit aus Solidarität. Alle Eigenveranstaltungen wurden wegen Corona abgesagt, 100 Veranstaltungen zum Teil mehrfach verlegt, 40 Gastspiele gänzlich abgesagt.“ Die Stadthalle wird von innen rot leuchten.

Das EPH und die Stadthalle Stadtallendorf zählen zu den zahlreichen Teilnehmern der Aktion. Bundesweit werden in mehr als 250 Städten Eventlocations, Spielstätten, Gebäude und Bauwerke zu „leuchtenden Mahnmalen“ einer sterbenden Branche. In normalen Jahren ziehen Konzerte, Volksfeste, Firmenfeiern und Messen in Deutschland nach Schätzungen der Organisatoren der Aktion „Night of Light“ knapp 500 Millionen Besucher an. Wegen der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie können sie bis auf Weiteres gar nicht oder nur unter erheblichen Auflagen stattfinden, die für die gesamte Branche nicht wirtschaftlich sind. Großveranstaltungen sollen jetzt noch bis Ende Oktober verboten werden – der GAU für die Branche.

Für den Initiator der Aktion „Night of Light“ und Vorstand des Veranstaltungsdienstleisters LK-AG Essen, Tom Koperek, steht die gesamte Veranstaltungswirtschaft auf der Roten Liste der aussterbenden Branchen: „Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht. Die aktuellen Auflagen und Restriktionen machen die wirtschaftliche Durchführung von Veranstaltungen unmöglich.“

Auch Arwed Fischer, Geschäftsführer des Marburger Unternehmens Flashlight Veranstaltungstechnik GmbH, meint: „Es sieht düster aus.“ Konzerte, Messen, Tourneen – alle diese Aufträge seien weggebrochen. „Ich mache viele Tourneen, auch in Frankreich. Dort sind alle Tourneen bis Ende 2021 verboten.“ Er habe kleine Aufträge aus der Industrie, etwa Streamings, „aber damit kann man so ein Unternehmen nicht halten.“ Von 25 Beschäftigten hat er jetzt noch 20.

Große Kundgebung

am Montag in Frankfurt

In Frankfurt findet am Montag, 22 Juni, um 11.55 Uhr (fünf vor 12) unter dem Motto „Mit Abstand geht es nicht“ eine große Kundgebung in Frankfurt auf dem Open-Air-Gelände vor der Jahrhunderthalle, Pfaffenwiese 301, statt. Auf der Bühne wollen Künstler und Veranstalter stellvertretend für die ganze Branche ihre Stimme ereheben. Angekündigt haben sich bereits Künstler wie Urban Priol, die Ehrlich Brothers, Badesalz, Marc Marshall und viele mehr.

Seit Beginn des Lockdowns Mitte März gibt es keine Live-Veranstaltungen im Kulturbereich  mehr. Das habe zu einem enormen finanziellen Einbruch in der zweitgrößten Wirtschaftsbranche in Deutschland geführt, teilten die Organisatoren gestern mit. Nur ein paar Zahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Branche: In den Fußballstadien waren in der Saison 2017/18 rund 19 Millionen  Zuschauer, die deutschen Theater, Festspiele und Konzerte hatten im  gleichen Zeitraum rund 35 Millionen Besucher. (Quelle: Theaterstatistik Deutscher  Bühnenverein).  

Die Live-Veranstaltungsbranche könne nur überleben, wenn sie eine „relevante finanzielle  Rettung erfährt“, betonen die Organisatoren: „Die aktuell für Live-Veranstaltungen geltenden Abstandsregeln wirken hingegen im wirtschaftlichen Ergebnis wie ein komplettes Berufsverbot. Einer ganzen Branche droht das Aus, wenn sie jetzt nicht arbeiten darf und finanziell alleingelassen wird.“

Tickets: Die Veranstalter rechnen mit einer hohen Teilnehmerzahl und bitten um eine  Registrierung, damit der Einlass ab 11 Uhr reibungslos ablaufen kann. Aber auch ohne Ticket  ist der Einlass möglich.  

Link: https://www.printyourticket.de/Kuenstler/mitabstandgehtesnicht

Anreise: S1 oder S2 bis zur Station Farbwerke/Jahrhunderthalle, von dort  zu Fuß..

Von Uwe Badouin

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