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Marburg Die Suche nach dem „Stern von Bethlehem“
Marburg Die Suche nach dem „Stern von Bethlehem“
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08:59 20.12.2020
Astronomie ist eine Leidenschaft von Reiner Boulnois. Auf dem Dach der Volkssternwarte Kirchhain schaut er regelmäßig in den Sternenhimmel. Am 21. Dezember 2020 gibt es eine weihnachtliche Besonderheit: eine „Große Konjunktion“ steht an, was für viele den „Stern von Bethlehem“ bedeutet
Astronomie ist eine Leidenschaft von Reiner Boulnois. Auf dem Dach der Volkssternwarte Kirchhain schaut er regelmäßig in den Sternenhimmel. Am 21. Dezember 2020 gibt es eine weihnachtliche Besonderheit: eine „Große Konjunktion“ steht an, was für viele den „Stern von Bethlehem“ bedeutet Quelle: Foto: Björn Wisker
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Kirchhain

Die Sterne umgeben ihn – und das am helllichten Tag. Reiner Boulnois knipst das Licht in der Volkssternwarte in Kirchhain an und deutet auf die Fotos, Zeichnungen und Modelle in dem Raum. Planeten, Monden aller Orten. Aber eben nur Fotos.

Ein Stockwerk über dem Ausstellungs- und Lehrraum an der Alfred-Wegener-Schule stehen zur gleichen Zeit mehrere Teleskope, alle unter einer grünen Plane vor Wind und Wetter geschützt. Doch dort oben auf dem Dach des Gebäudes schlägt das Herz – und auch Boulnois’ Herz –höher, dort gibt es mehr zu sehen als Fotos, hier kommt man vor allem bei Dunkelheit und klarem Himmel den echten Sternen nah.

„Es ist nicht so, dass man sich als Mensch beim Blick ins All klein fühlt. Vielmehr spüre zumindest ich, dass der Mensch als solcher Teil von etwas viel größerem ist“, sagt der 72-Jährige. Gase und Elemente, Teleskope und Fotografie: Viele interessiert die naturwissenschaftliche, andere die technische oder ästhetische Seite der Astronomie. Boulnois bewegt, wenn er durch die Linse schaut, eher die Verbindung von Sternenhimmel und Kultur.

Von Aborigines bis zu Arabern, von antiken Mythen bis zur Schöpfungsgeschichte: „Vieles, was wir gelernt haben und lernen, hängt mit Astronomie zusammen", sagt er. Die Astronomie hat lange den Blick auf die Welt geprägt, fernab der Navigation in der Seefahrt. Was die Menschen seit Jahrtausenden mit dem Blick in den Himmel, ins All, auf Planeten und Sterne verbinden, wie es sie kulturell prägt, lässt sich an Weihnachten gut erkennen.

Das kosmische Ereignis von einst wiederholt sich jetzt

Zumal Weihnachten im Jahr 2020 nicht wegen Corona etwas besonderes ist, sondern wegen einem seltenen Himmelsereignis: Der legendäre „Stern von Bethlehem“ könnte am Montag, 21. Dezember zu sehen sein, zumindest jenes kosmische Ereignis, die einst zu seiner Erscheinung geführt haben könnte. „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“, berichteten die drei Weisen aus dem Morgenland an König Herodes laut Matthäus-Evangelium. Denn es steht, wie alle 20 Jahre eine sogenannte Große Konjunktion an – die Annäherung von Jupiter und Saturn. Einige Astronomen und Historiker vermuten, dass der Stern von Betlehem zur Zeit von Jesu Geburt – also jenes Himmelsereignis, was die Männer laut biblischer Überlieferung gesehen haben – eben eine solche Große Konjunktion in den Jahren 7 bis 6 v. Chr. gewesen sein könnte.

Für Boulnois selbst ist die Astronomie von Kindheitstagen eine „Verbindung nach außen“, ein „Draht zum Leben als solchem“ gewesen. Boulnois war gerade etwa zehn Jahre alt als er seine Liebe zu den Sternen entdeckte. Nicht ganz freiwillig, wie er sich erinnert. Als kleiner Junge litt er an einer Herzkrankheit, Ärzte verordneten strikte Ruhe. Als Freunde rauften, tobten, spielten, musste er sich andere, ruhigere Hobbies suchen. „Damals hieß es: Still halten, Ruhe, wenig Belastung. Ich war also damals etwas abgekoppelt von der normalen Entwicklung und brauchte ja eine Kompensation“, sagt er.

„Es gibt für uns absolut

unbeeinflussbare Dinge“

Lesen war so eines der alternativen Zeitvertreibe, vor allem Bücher zum Thema Astronomie packten ihn. Klar: Es war die Pionierzeit der Raumfahrt, von Sputnik, der Hündin Leika im All, später die Mondlandung der NASA. Aber eben auch Sternschnuppen, die mit bloßem Auge sichtbar waren. „Ich sehe mich noch Kometen in ein Schulheft malen“, sagt er.

Damals, noch bei Kassel, packte der junge Reiner Boulnois das Fernglas aus und schaute in den Nachthimmel. Vor allem ab dem Moment, als er eine nahe Sternwarte, einen Aussichtsturm in Nordhessen besuchte. „So ein erstes Aha-Erlebnis war, als ich da oben“, sagt er und deutet auf den Himmel, „einen Ballon-Satelliten gesehen habe“. 1960 wurde etwa „Echo 1“, der erste Nachrichten-Satellit, in die Erdumlaufbahn geschickt. „Die waren soweit weg für mich und doch irgendwie greifbar“, sagt er. Doch das Beeindruckendste damals wie heute ist der Mond. „Die Oberfläche, die Strukturen, das ist wie Kino – daran kann man sich nur erfreuen“, sagt er.

Der Mensch sei seit jeher im Bann der Himmelskörper. Schon in der Antike dichteten Künstler „eine Sternenbilder-Soap nach der anderen“, spannen beim Blick in den Nachthimmel anhand der Sternenbilder Heldengeschichten. Die Faszination der Astronomie liegt für Boulnois auch in der Erkenntnis, dass es „für uns Menschen absolut unbeeinflussbare Dinge gibt“.

Geschehnisse, etwa die Flugbahn von Asteroiden oder das Auftreten von Super Novae – alles ganz reale und zumindest mit Teleskopen sichtbare Prozesse, die kein Lebewesen auslöse oder aufhalte, und die trotzdem nichts übernatürliches hätten.

Am Montag: die Große Konjunktion

Am 21. Dezember gibt es ein seltenes Himmelsspektakel: die Große Konjunktion. Die Planeten Jupiter und Saturn kommen sich dabei so nahe wie seit 794 Jahren nicht mehr, erscheinen wie eine Art Doppelstern.
Der Grund für das Himmelsphänomen ist die schnellere Umlaufzeit des Jupiter um die Sonne. Dieser braucht 12 Jahre, Saturn 30. Alle 20 Jahre begegnen sie sich. So nahe wie in diesem Jahr kamen sie sich aber laut Forschern zuletzt am 4. März 1226.

Sternengucker können Jupiter und Saturn bereits jetzt beobachten, etwa gegen 18 Uhr sind die Planeten an wolkenlosen Abenden am südwestlichen Himmel zu sehen. Dabei kommen sie sich jeden Abend ein bisschen näher. Kurz vor Weihnachten, also am 21. Dezember und dem Tag der Wintersonnenwende, ist der Abstand besonders gering – etwa ein Fünftel des Vollmonddurchmessers. Kollidieren können die Planeten übrigens nicht. Sie bewegen sich auf unterschiedlichen Umlaufbahnen und sind etwa 800 Millionen Kilometer voneinander entfernt.

Von Björn Wisker

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