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Marburg "Wir haben wieder Nazis im Land"
Marburg "Wir haben wieder Nazis im Land"
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18:00 11.11.2019
300 Menschen gedachten am Samstag am Garten des Gedenkens in Marburg der Judenverfolgung und des Synagogenbrands in der Universitätsstadt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Vor 81 Jahren begann in Deutschland die systematische Judenverfolgung. An historischer Stelle, an der bis zum Jahr 1938 das zweite stadtprägende Gotteshaus Marburgs stand – die architektonisch wie gesellschaftlich bedeutende Synagoge als Wahrzeichen der bis dahin 621-jährigen jüdischen Kultur in Marburg –, kamen am Samstag, 9. November, rund 300 Menschen zusammen.

In Zusammenarbeit mit dem Magistrat, der Jüdischen Gemeinde unter dem Vorsitz von Amnon Orbach und der ­Gemeinschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit der Stadt Marburg fand auf dem Platz der ehemaligen Synagoge im „Garten des Gedenkens“ eine Besinnungsstunde statt.

„Wir gedenken der Opfer von Hass und Gewalt: Millionen von Jüdinnen und Juden wurden ­industriell ermordet. Homo­sexuelle, Sinti und Roma, ­Menschen mit Behinderung, Oppositionelle starben in den ­Folgen des 9. November 1938. Wir gedenken ihrer, wir wollen und werden sie niemals vergessen“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).

Er könne den Abend aber nicht vorbeigehen lassen, ­ohne auf die ­besorgniserregenden Entwicklungen der letzten ­Tage und Monate aufmerksam zu machen: 27 Prozent aller Deutschen hegen antisemitische Gedanken, fand jüngst ­eine Studie des Jüdischen Weltkongresses heraus.

"Wir müssen dem Spuk Einhalt gebieten"

„Wir müssen dem Spuk Einhalt gebieten, die zurückholen, die die demokratische Orientierung verloren haben, uns dem Unrecht entgegenstellen, nicht wegsehen, sondern handeln, und gemeinsam Sorge tragen, dass Menschenfeindlichkeit in unserem Land nicht weiter zunimmt“, so Spies.

Mit „Iridescent“ von ­Linkin Park hatte die Band der Alfred-Wegener-Schule mit Solistin Lee Ann Schneider die Gedenkfeier eröffnet, die sie auch weiter musikalisch begleitete. „Wir sind so stark, wie wir einig und so schwach, wie wir gespalten sind“ – dieses Zitat von Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling war einer der Texte aus der Zettelbox, dessen Botschaft Elias Hescher vom Kinder- und Jugendparlament überbrachte.

„Sitzen wir in einer Zeit­maschine, zurück ins Jahr 1933?“, fragte Dr. Klaus Dorn von der Gemeinschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Besucher der Besinnungsstunde. Angriffe auf jüdische Einrichtungen, ­aufgesprühte Hakenkreuze in Wehrda und zunehmend mehr eingehende Hass-Mails „weisen in diese Richtung und bestätigen, dass wir wieder Nazis in unserem Land haben“, so Dorn.

Monika Bunk, die Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, sprach anschließend das Kaddisch und ein jüdisches Gebet, welche auch in Hebräisch vorgetragen wurden. Währenddessen legte der ­Oberbürgermeister zusammen mit Stadtverordnetenvorstehe­rin Marianne Wölk und weiteren städtischen Offiziellen ­einen Kranz nieder.

von Elvira Rübeling