Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wissler: „Mir wird sehr viel fehlen“
Marburg Wissler: „Mir wird sehr viel fehlen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:29 20.09.2021
Janine Wissler: „In der kurzen Zeit, die wir bisher hatten, haben wir einiges ganz gut hinbekommen.“
Janine Wissler: „In der kurzen Zeit, die wir bisher hatten, haben wir einiges ganz gut hinbekommen.“ Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Auch Janine Wissler stellte sich in Marburg den Fragen der OP.

Frau Wissler, wie fällt Ihre bisherige Bilanz als Parteichefin der Linken aus?

Ein halbes Jahr vor einer Bundestagswahl den Parteivorsitz zu übernehmen, ist schon ziemlich fordernd. Das war ja alles anders geplant. Wir wollten den Parteitag letztes Jahr im Juni machen, mussten dann allerdings zweimal Corona-bedingt verschieben. Ich würde sagen: In der kurzen Zeit, die wir bisher hatten, haben wir einiges ganz gut hinbekommen.

Wir haben ein Wahlprogramm erarbeitet, das eine hohe Zustimmung auf dem Parteitag bekam, wir haben die Frage der Spitzenkandidatur einvernehmlich entschieden und die Wahlkampagne vorbereitet, das war der Schwerpunkt im letzten halben Jahr. Ich finde, dass die Wahlkampagne gelungen ist. Es gibt viele Sachen, die wir vorhaben, zu denen wir bisher noch nicht gekommen sind – es gibt viele Baustellen.

Keine Präsenz-Treffen des Parteivorstandes

Was meinen Sie mit Baustellen – strukturelle innerhalb der Partei oder inhaltliche?

Mal ganz praktisch gesprochen – der Parteivorstand, der Ende Februar gewählt wurde, hat sich noch nie in Präsenz getroffen, wir haben bisher nur Videokonferenzen gemacht. Normalerweise beginnt man mit einer Klausurtagung und der Arbeitsplanung für die kommenden Jahre. Wir wären auch gern durch alle Landesverbände gereist, um die Kreisverbände besser kennenzulernen – das ist bisher alles zu kurz gekommen. Zum einen wegen Corona und zum anderen, weil die Bundestagswahl vor der Tür stand.

Glauben Sie als jemand, der innerhalb der Linken sehr weit ganz links steht, dass Regieren auf Bundesebene mit der SPD ginge, ohne den Kredit zu verspielen, den Sie bei Ihrer Stammwählerschaft haben?

Im Wahlkampf werben wir für die Linke. Ich mache keinen Wahlkampf für eine Bündniskonstellation, sondern für meine Partei. Wir wollen Dinge verändern, wir wollen einen Politikwechsel durchsetzen für gute Arbeit und mehr soziale Gerechtigkeit in diesem Land. Beim Klimawandel brauchen wir entschiedene Maßnahmen und nachhaltige Veränderungen – in der Wirtschaft, im Verkehr, der Energieversorgung.

Eine "diskussionsfreudige und pluralistische Partei"

Ich habe schon Herrn Bartsch zum aktuellen Innenleben Ihrer Partei befragt. Herrscht da nur strategischer Burgfrieden bis zum Abend des 26. September oder wurden da endgültig Kriegsbeile begraben zwischen Ihrem Umfeld und dem Wagenknecht-Flügel? Oder gibt es am Tag nach der Wahl wieder Hauen und Stechen?

Ich würde dieses Vokabular wie Burgfrieden oder Kriegsbeile nicht verwenden. Die Linke ist  – und das ist auch gut so – eine diskussionsfreudige und pluralistische Partei. Aber ja, in den letzten Jahren haben wir den einen oder anderen unnötigen Konflikt öffentlich geführt, das hat nicht geholfen. Aber letztlich wissen doch alle, warum sie Mitglied dieser Partei sind. Allen liegt diese Partei am Herzen, alle wissen, welche Verantwortung wir haben, es geht um soziale Gerechtigkeit, um Klimaschutz und friedliche Außenpolitik. Und so gehen wir gemeinsam in den Wahlkampf.

Eine der ersten Abgeordneten im Landtag

Sie stehen auf Listenplatz 1 der hessischen Linken, womit der endgültige Wechsel nach Berlin besiegelt sein dürfte. Was wird Ihnen am Hessischen Landtag außer dem Eintracht-Fanclub fehlen?

Mir wird sehr viel fehlen. Ich habe diese Landtagsfraktion mit aufgebaut, gehöre zu den ersten Abgeordneten, die 2008 in den Landtag eingezogen sind. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Fraktionskolleginnen und -kollegen – sie fehlen mir jetzt schon. Als Landtagsabgeordnete ist man doch noch mal näher dran. Wenn da ein IG Metaller anruft und sagt: „Wir streiken morgen – kannst du vorbeikommen?“, dann bekommt man das eher hin als im Bundestag. Der Landtag ist ja deutlich kleiner, da kennt man auch in der Verwaltung irgendwann jeden, auch die Kolleginnen und Kollegen werden mir fehlen.

Von Carsten Beckmann