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Marburg Die Spannung von Räumen und Brüchen
Marburg Die Spannung von Räumen und Brüchen
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07:28 06.08.2021
Aufbauarbeit: Herbert Warmuth und Dorothea Gillert-Marien mit jeweils einem ihrer Werke während des Aufbaus der Ausstellung im Marburger Kunstverein.
Aufbauarbeit: Herbert Warmuth und Dorothea Gillert-Marien mit jeweils einem ihrer Werke während des Aufbaus der Ausstellung im Marburger Kunstverein. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Was macht denn diese Tür im Wald? Moment – das ist ja gar nicht nur eine Tür, sondern beim zweiten Blick sind es die Reste eines Hauses, die da in dem Wald stehen. Oder doch nicht? Die – mitunter großflächigen – Fotografien von Dorothea Gillert-Marien lassen teils erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennen, dass sie Collagen sind. Und doch ist schon beim ersten Betrachten klar: Irgendwas stimmt doch da nicht – oder? Also steigt der Betrachter tiefer in die Bilder ein, entdeckt immer wieder neue Details und erschließt sich so die von der in Herborn lebenden Künstlerin geschaffenen Räume und die durch Zerlegung, Trennung und Neuorientierung geschaffenen Brüche.

Brüche stellen auch die unmittelbare Verbindung von den Werken von Herbert Warmuth dar. Denn seine Plexiglasscheiben sind vollflächig hintermalt, der Betrachter wird durch seine Spiegelung in der hochglänzenden Fläche ebenso Teil des Werks wie die Umgebung. Durch bewusst herbeigeführte Brüche in den Scheiben quellen Farben in den Raum, werden plastisch – weil die Risse mit Stoff gefüllt sind und so den hervorquellenden Farben eine ganz besondere Plastizität verleihen. Und Warmuth hat noch einen weiteren Themenschwerpunkt mit nach Marburg gebracht, der das Stoffliche noch weiter herausarbeitet: Seine Fahnenbilder, die unterschiedlichste Materialien verknüpft und bei denen die Risse auch für eine Art von Bruch sorgen.

Die Ausstellung „eigentlich“ vereint die beiden Künstler, die sich schon von einem Atelier in Frankfurt kennen, nun also in Marburg. Doch warum „eigentlich“? Das erläutert Dr. Michael Herrmann, Vorsitzender des Kunstvereins: „Eigentlich war die Ausstellung nächstes Jahr geplant, wurde aber jetzt dazwischengeschoben“ – Corona habe alles durcheinandergewirbelt. „Ich finde, wir haben einen sehr interessanten Dialog hier“, sagt Herrmann.

Collagen mit subversivem Eigenleben

Und so können die Marburger sich mit den Räumen und Brüchen auseinandersetzen. Dorothea Gillert-Marien erläutert: „Ich beschäftige mich ganz viel mit Räumen. Ich interpretiere sie, ich untersuche sie, ich gestalte sie und überlasse sie manchmal beim Collagieren auch mal einem subversiven Eigenleben.“ So stammen die Reste des Hauses im Wald aus New Orleans – offenbar ein Relikt des Sturms „Katrina“, von den Bewohnern verlassen und der Natur zurückerobert. Und der Wald ist aus einem ganz anderen Teil der Welt.

Ihre Arbeit bestehe zunächst aus einem Sammlungsprozess, „ich laufe mit meiner Kamera durch die Welt, habe sie bei jeder Reise dabei“. Dann wähle sie Motive aus „und fange an, damit zu arbeiten. Ich zerstöre, füge wieder zusammen, benutze anderes Material“, erläutert sie. Dabei interessiere sie das Spiel mit den Räumen ebenso, wie die inhaltliche Komponente – sind es Traumwelten oder Räume, die eine wie auch immer geartete Realität wiedergeben? Dabei entstehen verblüffende Ergebnisse, bei denen der zweite und dritte Blick lange nicht ausreichen, um die Dimensionen des Gezeigten zu erfassen. Werner Warmuth geht es darum, „eine aktuelle Art von Malerei herzustellen“, wie er sagt. So zum Beispiel bei der verfremdeten Mainzer Faschingsfahne, die in ihren Farben als solche noch zu erkennen ist, jedoch ebenfalls im Aluminium-Teil ihre Risse und Brüche erfahren hat. Oder das riesige „weiß, leer und faltig“, das laut Warmuth „mal von der Vorstellung der weißen Fahne ausging“. Dabei komponiert der Frankfurter verschiedene Stoffe, Materialien und Farbigkeiten, „meine Bilder entstehen immer prozessual“, sagt er. „Ich fange mit gewissen Vorstellungen an, die sich direkt vor dem Bild immer weiter entwickeln.“ Die Ergebnisse beziehen die sie umgebenden Räume spannend mit ein.

Eröffnet wird die Ausstellung „meinetwegen“ am Freitag (6. August) um 18 Uhr – dabei wird auch die Reihe der experimentellen Musik im Kunstverein fortgesetzt – die Klanginstallationen sind die Alternativen zu den sonst im Kunstverein angebotenen Konzerten. Zu erleben sind „Hymnen an die Nacht“, ein Musikvideo nach Textfragmenten von Novalis. Und: Auch die Reihe der „Trabanten“ mit Arbeiten von Studierenden wird fortgesetzt – diesmal mit einer Arbeit von Nasdaran Nazari, die sich mit sehr existenziellen Fragen beschäftigt. „meinetwegen“ und die „Trabanten“ sind bis zum 23. September zu sehen, der Eintritt ist frei.

Von Andreas Schmidt