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Marburg „Die Sonne scheint wie Jennifer Lopez“
Marburg „Die Sonne scheint wie Jennifer Lopez“
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20:38 11.02.2021
Rainald Grebe beschreibt auf seinem Album „Popmusik“ bissig die Gegenwart.
Rainald Grebe beschreibt auf seinem Album „Popmusik“ bissig die Gegenwart. Quelle: Foto: Alessandro De Matteis
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Berlin

Es gibt Platten, die fangen einen nicht gleich beim ersten Anhören ein – sie brauchen ein paar Umdrehungen, um ihren Charme zu entfalten. Die Gefahr ist: Wenn man diese Art CD nicht gleich nach dem ersten Hören schulterzuckend weglegt, dass sich die Lieder nach und nach so in die Gehörgänge fräsen, dass sie einen bis in den Schlaf verfolgen. So eine CD ist Rainald Grebes „Popmusik“.

Wer Angst davor hat, wochenlang mitunter banale Ohrwürmer mit sich herumzutragen und zu summen, sei gewarnt. Alle anderen werden am subtilen Humor des gebürtigen Kölners, Wahl-Berliners und -Brandenburgers und diplomierten Puppenspielers ihre lange Freude haben.

Lakonisch, albern, melancholisch, bissig – Grebe kann das alles. Er, der weiß, dass er nicht unbedingt die nachtigalligste Nachtigall unter den Sängern ist, übertreibt gern, kann sich aber auch aufs Allernötigste reduzieren. Und er weiß, wann er was kann. Oder hat Helfer, die ihm dabei zur Seite stehen.

Da kommt Produzent Martin Bechler ins Spiel, der mit Jenny Thiele und Jannis Knüpfer sonst die Band Fortuna Ehrenfeld bildet. Und dieses Trio trägt auch auf „Popmusik“ seinen eigenen Teil dazu bei, dass die Mischung aus Poesie und Gedanken-Pogo ganz hervorragend funktioniert. Denn in dieser Fahrspur ist auch die Band aus Köln unterwegs.

Rainald Grebe hat in den vergangenen 20 Jahren schon einige CDs zwischen Kabarett und Musiktheater eingespielt, darunter einige, an denen auch Martin Bechler als Produzent beteiligt war. Doch das neue Werk ist ein beherzter Sprung heraus aus der Welt des Alleinunterhalters, der seit jeher mit leicht schrägen musikalischen Beiträgen und viel Sprachwitz seine kleine Nische bespielt.

Wo er ankommt? Nun, das ist nicht so genau zu bestimmen. Denn „Popmusik“ ist genau das, was es vorgibt zu sein. Ein Album für ein größeres Publikum – das man allerdings erst vorsichtig an die neue Droge heranführen muss, damit es nicht vorher kopfschüttelnd wegläuft.

Bestes Beispiel ist die erste Single (featuring Fortuna Ehrenfeld), die gewollt irre Tanz-Hymne „Wissenschaft ist eine Meinung (die muss jeder sagen dürfen)“, in der Grebe mit gewollt grenzwertigem Gesang und bissigen Spitzen vieles von selbsternannten „Quer“- bis „Zu-Kurz-Denkern“ aufs Korn nimmt.

An anderer Stelle gibt es eine bittersüße Adelspersiflage („Der Adel kauft den Osten zurück, denn er war vorher da“), die Abrechnung mit dem „Schaffe, schaffe“-Gen der calvinistischen Arbeitsethik oder ein schwülstiges Lied um Speiseeis und Klimawandel.

Am stärksten ist Grebe aber, wo er Melancholie und Satire verwebt, zum Beispiel in beiläufig erzählten Miniaturen, die den guten Beobachter überdrehter oder leicht übersehener Alltagsszenen verraten – wie im Song über den letzten Flug der „Flugbegleiterin“ und beim stets mehrdeutigen Blick auf „den Tod, die alte Ich-AG“. Wenn er Zeilen von brachialer Poesie meißelt wie: „Der Alltag ist ein alter Pitbull, der sich in uns verbissen hat.“ Oder in „Meganice Zeit“ die Zerrissenheit unserer Zeit einfängt – von Gaulands „Vogelschiss“ bis Gretas „How dare you“, um dann mit der Zeile „Und die Sonne scheint wie Jennifer Lopez“ alles wieder versöhnlich aufzuhellen.

Das klingt mal nach Max Raabe, nur nicht so gescheitelt. Dann wieder gewollt schief, aber nie so, dass es schmerzt. Es ist Neue-Deutsche-Welle-Anarchie dabei, ein Tütchen Schlager, geschliffene Ohrwurm-Melodien, die banale Albernheiten umspülen, noch häufiger aber Grebes subtil-heitere Bösartigkeiten.

Und dann ist da diese überwältigende Version der „Rose“, das Lied von Amanda McBroom, das Bette Midler einst zum Hit machte. Hier wird die deutsche Version von einem Bergmanns-Chor mit einem Durchschnittsalter weit über 70 getragen, deren Stimmen Martin Bechler im Sommer unter Corona-Bedingungen einzeln Spur für Spur aufnahm und zum Chor wieder zusammenfügte (es gibt auch einen beeindruckenden WDR-Film darüber). Grebe übernimmt selbst nur die letzte Strophe des Liedes, allein am Klavier. In seiner Einfachheit ist diese Version des Liedes ein Juwel, das man nicht genug schätzen kann.

Und so kommt man dann auch gut über gewöhnungsbedürftigere Stücke hinweg, wie das esoterisch-ätherische „Die Kraft der Pflanze“ („Folge der Dolde, hör auf die Halme, leck‘ keine Kröte, leck‘ rote Beete“) oder das dadaistische „Der Klick“, das einen angesichts einfachster Synthieklang-Begleitung à la Trio fasziniert mit dem Kopf schütteln lässt. Aber: Man wird das Lied nicht mehr los, wie so vieles nicht, was einen auf „Popmusik“ ereilt.

Gleiches gilt wohl für den Künstler selbst. Denn wie heißt es in „Die Tournee“, die „nie zu Ende geht“ – was in der Corona-Zwangspause wohl zugleich auch ein bisschen Wunsch und Durchhalteparole ist: „Wenn ich sterbe, sing‘ ich weiter – als Hologramm!“ Von mir aus gerne.

Rainald Grebe, Popmusik (Rough Trade/Tonproduktion Records)

Von Michael Agricola