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Marburg Die Zeckensaison beginnt wieder
Marburg Die Zeckensaison beginnt wieder
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10:00 05.04.2022
Eine Zecke sitzt auf einem Blatt.
Eine Zecke sitzt auf einem Blatt. Quelle: Pfizer/www.zecken.de
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Marburg

Wie es sich mit den Zecken in unserem Landkreis verhält, darüber weiß der Marburger Dr. Michael Bröker wohl am besten Bescheid. Der Mikrobiologe sammelt und untersucht die achtbeinigen Spinnentiere seit Jahren, ist regelmäßig an Forschungsprojekten der Unis Hohenheim oder Hannover beteiligt und arbeitet auch mit dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, dem deutschen Referenzlabor für die Krankheit FSME, zusammen.

Und deshalb hat er vielleicht auch einen etwas abgeklärteren Blick auf die kleinen Blutsauger, die vielen von uns suspekt sind oder uns gar Angst einjagen. Denn klar ist: Krankheiten wie FSME oder Borreliose, die durch Zecken übertragen werden, können für Menschen (oder Haustiere) unbehandelt tödlich ausgehen oder die Gesundheit dauerhaft zerstören. Doch kann auf der anderen Seite jeder die Gefahr einer schweren Erkrankung durch eigenes Handeln stark verringern.

Trotz neu auftretender Zeckenarten gibt es in Deutschland bislang keinen klaren Anstieg von Erkrankungen nach Zeckenstichen. 2021 wurden laut der Universität Hohenheim 416 Fälle gemeldet, das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht von 390. Im Rekordjahr 2020 waren es noch 712 Fälle gewesen, 2019 waren es 443 und 2018 insgesamt 583 bekannte Fälle.

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

FSME ist eine Gehirn-, Hirnhaut- oder Rückenmarksentzündung. Die Viren werden durch europäische Zecken wie den europäischen Holzbock, aber auch die Auwaldzecke übertragen. In den Risikogebieten liegt die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Infektion nach einem Zeckenstich bei 1:50 bis 1:100. Nach etwa 10 Tagen treten grippeähnliche Symptome auf. Bei leichten Verläufen klagen die Patienten vorwiegend über starke Kopfschmerzen. Bei schwereren Verläufen sind auch Gehirn und Rückenmark beteiligt. Zu den Symptomen gehören Koordinationsstörungen, Lähmungen, Sprach- und Sprechstörungen sowie Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle. Für etwa 1 Prozent der Patienten endet die Krankheit tödlich. Vorbeugend schützen kann eine Impfung, die von den Krankenkassen bezahlt wird. Ist die Krankheit ausgebrochen, können nur Symptome therapiert werden.

Marburg-Biedenkopf zählt zwar seit mehr als 20 Jahren zu den Risikogebieten für die sogenannte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Doch die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren stabil und auf sehr niedrigem Niveau. In den vergangenen fünf Jahren registrierte das Gesundheitsamt des Kreises insgesamt sieben Fälle, wobei im Jahr 2018 drei FSME-Fälle auftraten, in den vier anderen Jahren seit 2017 jeweils nur ein einziger, wie Kreissprecher Stephan Schienbein auf OP-Anfrage mitteilte.

Bundesweit steigt die Zahl der als Risikogebiet eingestuften Landkreise gleichwohl seit Jahren. In Hessen sind neben Marburg-Biedenkopf inzwischen neun weitere Kreise betroffen, vorwiegend in Süd- und Osthessen.

Zwei neue Arten erobern unseren Lebensraum

Dennoch verändert sich die Lage. Ging früher die Gefahr durch einen „Zeckenbiss“ – in Fachkreisen spricht man von Stich – fast ausschließlich vom einheimischen gemeinen Holzbock aus, sind inzwischen zwei weitere Arten dabei, sich in unseren Gefilden auszubreiten: die Auwaldzecke und die tropischen Hyalomma.

Dr. Michael Bröker war es auch, der 2019 zum ersten Mal in unserem Landkreis Auwaldzecken nachweisen konnte. Diese wärmeliebende Zeckenart kam früher in Deutschland gar nicht vor, sie breitet sich in Hessen nun offenbar vom Rhein-Main-Gebiet aus Richtung Norden aus. „Die Auwaldzecke befindet sich auf dem Vormarsch“, konstatiert auch die Parasitologin Professor Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim, die in den vergangenen Jahren in einem Projekt mit Bürgerbeteiligung mehr als 8 000 aus ganz Deutschland eingesandte Zecken untersucht hat. „Zwar befällt die Auwaldzecke Menschen nicht so gern, aber sie könnte durchaus eine Rolle bei der Ausbreitung des FSME-Erregers spielen“, warnt Mackenstedt.

Sie ist bis zu dreimal so groß wie ihr europäischer Verwandter, der gemeine Holzbock (Weibchen rechts, Männchen unten) - die tropische Zecke Hyalomma (links). Quelle: Bildquelle: Universität Hohenheim / Marco Drehmann

Die von Bröker untersuchten „heimischen“ Auwaldzecken wurden bei Schwabendorf von einem Hund „aufgesammelt“. Sie trugen, wie sich zeigte, keine FSME-Viren, aber Rickettsien in sich – Bakterien, die auch für Menschen gefährlich sein können. Hunden kann durch Auwaldzecken ebenfalls Ungemach drohen, so Bröker, da die Zecken auch Babesien übertragen können, die zur Hundemalaria führen.

Die FSME-Fälle wurden zunächst im Ostkreis festgestellt, in den vergangenen Jahren hat Bröker auch Populationen in Bereichen von Wetter, Dautphetal und Bauerbach nachgewiesen. Das heiße aber nicht, dass andere Gegenden FSME-frei wären. „Man sollte sich nicht in falscher Sicherheit wiegen“, sagt Bröker.

Von übertriebenen Ängsten vor Zecken hält der Experte aber auch nichts. Denn nicht jeder Zeckenstich führt automatisch zu einer Infektion oder einer schweren Erkrankung.

Infobox: Borreliose

Borreliose wird durch Bakterien verursacht. Betroffen sind überwiegend die Haut, aber auch Nervensystem, Gelenke und das Herz. Viele Infektionen verlaufen ohne sichtbare Krankheitszeichen.

Als typisches Frühzeichen einer Erkrankung zeigt sich die sogenannte Wanderröte, eine mindestens 5 Zentimeter große ringförmige Hautrötung, die üblicherweise in der Mitte blasser ist als am Rand und sich über Tage langsam nach außen verbreitet. Die Wanderröte entwickelt sich bis zu 30 Tage nach dem Zeckenstich im Bereich der Einstichstelle, manchmal an anderen Körperstellen.

Gegen Borreliose gibt es keine Impfung. Eine frühe Behandlung mit Antibiotika führt aber in der Regel zu einer raschen und vollständigen Genesung. Sie kann auch schwere Krankheitsverläufe verhindern. Daher ist es wichtig, umgehend zum Arzt zu gehen, wenn Wanderröte festgestellt wird oder nach einem Zeckenstich Beschwerden wie Fieber sowie Muskel- und Kopfschmerzen auftreten.

Die Erreger der Borreliose kommen überall im Bundesgebiet vor. Je nach Region trägt bis zu ein Drittel der Zecken die Bakterien in sich. Aber nicht jeder Stich einer befallenen Zecke führt zur Ansteckung. Denn im Gegensatz zu den FSME-Viren werden Borreliose-Erreger nicht sofort nach dem Stich übertragen, sondern erst nach längerem Saugen der Zecke über Stunden. Je früher eine Zecke entfernt ist, desto geringer ist also auch die Gefahr, an Borreliose zu erkranken. Nur etwa einer von 100 Zeckenstichen führt in Deutschland zu einer Borreliose.

Blutsauger lauern auf vorbeikommende Wirte

Holzbock und Auwaldzecke lauern in der Regel im hohen Gras, an Büschen und im Unterholz und werden von Tieren oder Menschen unabsichtlich abgestreift und mitgetragen. Die vermutlich über Zugvögel nach Deutschland gekommenen tropischen Hyalomma-Arten sind etwa doppelt so groß wie die heimischen Zecken und jagen aktiv, das heißt sie krabbeln auf ihre Wirte zu. Sie übertragen bislang kein FSME, dafür wohl aber andere Krankheitserreger wie die Rickettsien und das Krim-Kongo-Virus, das beim Menschen schweres Fieber auslösen kann. Die Tropenzecke ist aber noch selten, wurde in Marburg-Biedenkopf laut Michael Bröker noch nicht gefunden.

Der Klimawandel sorgt aber nicht nur für bessere Lebensbedingungen für eingeschleppte neue Arten. Dass der Holzbock nicht mehr nur in der wärmeren Jahreszeit aktiv ist, stellt Michael Bröker jedes Mal fest, wenn er im Winter bei Temperaturen von fünf oder sechs Grad unterwegs ist.

Der beste Schutz gegen FSME ist laut RKI die Impfung. Ein hoher Anteil der Erkrankungen könnte demnach wahrscheinlich durch eine Steigerung der Impfquoten verhindert werden. „Schwere Krankheiten sind zwar selten, aber man muss sie ernst nehmen“, warnt auch Michael Bröker. Die Impfung koste nichts, sie schade nicht. Aber sie helfe zuverlässig, schwere Erkrankungen zu verhindern, die existenzbedrohend werden können.

Er sei oft in Kontakt mit FSME-Patienten, die lange mit den Folgen der Krankheit zu kämpfen haben. „Manche sind gehbehindert, können sich nicht mehr gut konzentrieren und sind oft nicht mehr arbeitsfähig“, weiß Bröker. „Ich verstehe deshalb nicht, dass sich nicht viel mehr Menschen dagegen impfen lassen.“

Tipps gegen Zecken

Wer sich und seine Kleidung nach Spaziergängen in der Natur oder nach der Gartenarbeit beim Ausziehen oder Duschen aufmerksam absucht, kann eine Zecke oft frühzeitig absammeln.

Hilfreich ist helle Kleidung, weil darauf die dunklen Tiere gut auszumachen sind.

„Sinnvoll ist es auch, Hosenbeine in die Strümpfe zu stecken, auch wenn das komisch aussieht“, sagt Michael Bröker – weil die Tiere dann nicht direkt an die Haut kommen.

Hilfsmittel zum Zeckenentfernen sind etwa kleine Kunststoffkarten oder Stifte mit kleinen Schlingen. Auch mit den Fingernägeln lassen sich Zecken packen. Wichtig ist, sie möglichst gerade nach oben abzuziehen und nicht zu quetschen. Sonst können Erreger in die Wunde kommen.

Von Michael Agricola

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