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Marburg Die Säulen einer Kaufmanns-Tochter
Marburg Die Säulen einer Kaufmanns-Tochter
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12:16 02.02.2021
Andrea Suntheim-Pichler tritt für das Amt der Oberbürgermeisterin an.
Andrea Suntheim-Pichler tritt für das Amt der Oberbürgermeisterin an. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Sie steht an dem steinernen Sockel und schaut nach oben. Die Statue mit dem weiblichen Antlitz sieht sie wohl, doch was sie bedeutet, welche der fünf Tugenden das Kunstwerk nahe der Elisabethkirche symbolisiert, weiß sie nicht. „Gerechtigkeit! Wie passend“, sagt Andrea Suntheim-Pichler mit einem Lächeln im Gesicht nach dem Blick auf eine kleine goldene Info-Plakette, die an einer Hausfassade hängt. Gerechtigkeit, das sei für sie, die Oberbürgermeister-Kandidatin der Wählergemeinschaft BfM, nicht nur politisch einer ihrer Grundwerte. Es sei vielmehr eine der Lehren, die sie mehr als den meisten Unterrichtsstoff aus ihrer Schulzeit in der Stiftsschule hoch oben in Amöneburg mitgenommen habe. Damals, als die Firma der Familie – es ist das Sanitätshaus Kaphingst – seinen Hauptsitz noch in der Uferstraße hatte und Suntheim-Pichler nahe der Lahn aufwuchs, wollten die bürgerlich-konservativ geprägten Eltern sie nicht auf eine der „roten Schulen“ in Marburg schicken. „Also ging es für mich auf die schwarze Schule“, erinnert sich die 54-Jährige heute, Jahrzehnte später ganz in der Nähe des Hauses, in dem sie ihre Kindheit verbrachte.

Sie sieht sich noch am Lahnufer, im Mühlgraben spielen – und im Winter irgendwann in den 1970er-Jahren ins Eis einbrechen. Da machte sie eine Erfahrung, die für sie sinnbildlich für Marburg, das Wesen der Stadt steht: „Ich lag im kalten Wasser und sofort waren Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, da, um zu helfen.“

Trotz der Schwierigkeiten, die ihr in der Schulzeit speziell Mathematik und Englisch bereiteten, fuchste sie sich im Laufe der Zeit – nach einer Physiotherapie-Ausbildung – soweit in alles ein, dass sie das Unternehmen bis heute nicht nur erfolgreich weiterführt, sondern ausbaute. „In der Praxis braucht es ja vor allem Dreisatz und Prozentrechnung, das schaffte ich auch ohne gut in Mathe gewesen zu sein“, sagt sie lächelnd. Gut, sagt sie, ihr Ehemann Boris, ein Betriebswirt durch und durch, sei seit Ende der 1990er-Jahre bei Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnung sowie mit Zahlen generell noch besser als sie.

Seit einigen Jahren konzentriert sie sich daher auf die Bereiche Personal und Marketing. Beruflich, aber auch politisch ist ihr Thema die heimische Wirtschaft. Ob Oberstadt-Handel, Handwerksbetriebe oder Pharmakonzerne: Nichts stört Suntheim-Pichler mehr als „die Selbstverständlichkeit, mit der in Marburg auf Unternehmertum geblickt wird“. Die Gewerbesteuern nehme man im Rathaus, in der Stadtregierung gerne mit, um Marburg als soziale Stadt auszubauen.

Wie die Stiftsschule einen Revoluzzer-Geist formte

Der Wohlstand habe weniger mit der Stadt, sondern mit den Firmen, den Arbeitsplatz-Schaffern zu tun. Sie würden erst ermöglichen, dass man sich als öffentliche Hand „kommunale Wohltaten leisten, politisch einige Luxus-Debatten führen kann“. Marburg müsse aber „mehr werden als nur sozial“, es brauche eine Vision, wohin und wie sich die Stadt entwickeln solle.

Und da kommt bei ihr wieder die Stiftsschule ins Spiel. Jedenfalls habe sie dort so manchen Kampf kämpfen müssen, was in ihr auch einen „Revoluzzer-Geist“ geweckt habe. Nicht nur in der Kommunalpolitik, wo sie immer mal wieder mit kontroversen Ideen – etwa eine Seilbahn vom UB-Parkplatz zum Schloss – die Konkurrenz sowohl links als auch rechts im Parlamentssaal verschreckte. Auch im Beruflichen wie Privaten wolle sie „bewusst die eigene Komfortzone verlassen“.

Und so hat sie im vergangenen Jahr nach einer letzten Urlaubsreise nach Schottland – Englisch, ein Fach, das sie in der Schule hasste, lernt sie seit zwei Jahren am Passmore College – das einst geliebte Auto, ihren SUV verkauft. Sie fährt mehr denn je Rad – ein E-Bike, wenn es nicht gerade zu Geschäftstermin oder Einkäufen gehe. In der Freizeit, im Winter steht sie gern auf Ski.

Ihre Prägung in einem mittelständischen Unternehmen, der praktische und beinahe alltägliche Zwang zum Entscheiden, Anpacken und Umsetzen, sieht sie als wesentliche Stärke und Qualifikation, um das Rathaus, die rund 1000 Mitarbeiter starke Verwaltung zu führen. „Es ist Zeit, mehr zu handeln statt nur zu reden “, sagt sie und verweist auf die Bilanz von Amtsinhaber Spies. „Geredet wird viel, gemacht wird wenig.“ Das Klimathema sei das beste Beispiel: „Es wird immer nur reagiert statt agiert – und selbst dann wird, sobald es ernst wird, rumgeeiert.“ Greta Thunberg einladen wollen, aber sich um ein Bekenntnis für oder gegen Windräder drücken.

Für sie selbst sei klar: Es müsse viel mehr auf die tatsächlichen Bedürfnisse speziell der Wirtschaft, damit letztlich auch der Arbeitnehmer, die ja gleichsam Bürger seien, gehört werden.

Marburgs Verkehr könne man, aller Notwendigkeit für eine bessere Rad-Infrastruktur zum Trotz, nicht ohne Auto denken. „Pharmafirmen werden ihre Produkte nicht auf Lastenrädern transportieren, Mitarbeiter aus Wohratal nicht auf E-Bikes zum Schichtbeginn strampeln.“ Realismus und Pragmatismus müssten in die Verkehrsfrage zurückkehren. An der Gerechtigkeits-Statue lehnend, entdeckt sie, dass das Kunstwerk nebenan für Liebe steht. „Wie passend“, sagt sie erneut. Denn es gebe für sie nichts Wichtigeres als die Liebe der Familie – und Leidenschaft für Marburg.

Von Björn Wisker

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