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Marburg Die Retter aus dem Landkreis
Marburg Die Retter aus dem Landkreis
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20:58 29.08.2021
Die Bilder nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands ließen viele Menschen fassungslos zurück. Dieses Bild zeigt eine zerstörte Brücke in Ahrweiler.
Die Bilder nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands ließen viele Menschen fassungslos zurück. Dieses Bild zeigt eine zerstörte Brücke in Ahrweiler. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Landkreis

Retter gibt es überall. Diese Erkenntnis kann wohl spätestens nach der brachialen Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Juli in Stein gemeißelt werden. Auf das zerstörerische Unwetter in den betroffenen Tälern folgte eine bis heute ungebrochene Welle der Hilfsbereitschaft, mit unzähligen Aktionen, Rettungs-, Wiederaufbau-, Sammel-, Spenden- und Hilfseinsätzen, riesigen Transport-Ketten und unheimlich vielen Menschen, die sich und andere auf die ein oder andere Weise aktivierten, um den Betroffenen vor Ort in ihrer Not zu helfen.

Es sind Alltags- und Lebensretter in vielfacher Hinsicht, die nicht nur um Leib und Leben, sondern an vielen Fronten gekämpft haben und weiter dafür sorgen, dass zumindest ein Stück Normalität zurückkehrt in zerstörte Dörfer, Städte und Landstriche, die noch weit von einem geregelten Alltag entfernt sind.

Allen ein Gesicht zu geben ist schier unmöglich, auf diesen Seiten stellen wir einige Menschen und ihre Geschichten vor, die exemplarisch stehen für das Großaufgebot der Solidarität im ganzen Land und aus dem heimischen Landkreis heraus.

DLRG

Eine der ersten Retter im Flutgebiet waren die Einsatzkräfte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). 25 Männer und Frauen der DLRG Marburg-Biedenkopf machten sich nur wenige Stunden nach der Katastrophe auf nach Erftstadt. „Sowas hatte noch keiner von uns gesehen. Straßen, Brücken, ganze Wohnhäuser, die gesamte Infrastruktur war stellenweise nicht nur zerstört, sondern einfach weg“, sagt Dirk Bamberger, Vorsitzender der DLRG Marburg. Seinem Team gelang es, zwölf Menschen aus vom Wasser eingeschlossenen Häusern befreien.

„Das war wie in zwei verschiedenen Welten“, erinnert sich Sven Nauß daran, wie er eine betagte Dame aus ihrem Haus rettete. „Das Untergeschoss war völlig zerstört, voller Wasser und Schlamm und dann kam man die Treppe hoch in den Wohnbereich, wo alles piccobello in Ordnung war und man das Gefühl hatte, man muss die Schuhe ausziehen, um nichts schmutzig zu machen“, so Nauß, der als Intensivkrankenpfleger prädestiniert war für den heiklen Rettungseinsatz. „Je länger wir da in dieser einen Straße waren, desto deutlicher wurde, wie viele noch in ihren Häusern waren und Hilfe brauchten“, sagt der erfahrene Rettungsschwimmer. Beeindruckt hat ihn vor allem die Gefasstheit der älteren Menschen und aber auch die Tatsache, dass in all der Not und dem Elend manche Menschen nur dort gewesen seien, um zu gaffen oder Fotos von der Zerstörung zu machen.

THW

Während die DLRG in der akuten Notlage in Nordrhein-Westfalen half, waren die Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes (THW) Marburg und Biedenkopf bereits wenige Stunden nach dem Unglück im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz angekommen. „Es war ein völlig surrealer Einsatz“, erinnert sich Christian Sohn, Zugführer beim THW Marburg an seine Ankunft im Ahrtal. „Diese unglaubliche Zerstörung war enorm. Man hatte das Gefühl, als stünde man in einem Apokalypsefilm“, erinnert sich der 44-Jährige, der wie viele Kameraden seiner Hilfsorganisation bereits bei anderen Hochwassereinsätzen geholfen hat. „Aber so etwas haben wir alle noch nicht erlebt“, sind sich die THWler einig.

Marburger Ortsgruppe schon 7 000 Stunden im Einsatz

Allein aus der Ortsgruppe Marburg waren 40 Einsatzkräfte bisher 7 000 Stunden im Flutgebiet beschäftigt. Mittlerweile – sechs Wochen nach der Flut – sind es vor allem die Spezialisten, wie die Fachgruppe Elektro, die mit ihrem Know-How vor Ort gebraucht werden. Kurz nach der Katastrophe war es aber vor allem schweres Gerät, das benötigt wurde. Die Anfangsstunden waren dramatisch, weil die Lage vielerorts noch unübersichtlich war und es galt, Menschenleben zu retten. Doch dafür mussten die Retter erst einmal zu den Menschen hinkommen – und das war Aufgabe des THWs.

Mehr als sechseinhalb Stunden war die Räumgruppe aus Marburg damit beschäftigt, mit Radladern einen Zuweg zu einem eingeschlossenen Altenheim zu schaffen, das evakuiert werden musste. Überall war Schutt und Schlamm, zerstörte Häuser und Autos, kaputte Gastanks, die aus dem Weg geräumt werden mussten.

Die gesamte erste Woche seien die Räumarbeiten ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, erinnern sich die Helfer. Meterhoch türmte sich der Müll aus den Häusern auf den Straßen. „Wenn man dann die Sachen abkippt und sieht Kinderfotoalben oder ein Brautkleid, quasi das ganze Leben von Menschen, das macht was mit einem“, gibt der 37-jährige Marcus Lehmann zu. Auch THW-Chef Jörg Linne ist noch immer bewegt von den Eindrücken. „Ich dachte, ich hätte in meinen 30 Jahren beim THW schon alles erlebt, aber dieser Einsatz ist mir richtig an die Nieren gegangen und beschäftigt mich noch immer“, gibt der erfahrene Retter zu.

Helfer können die Eindrücke nur schwer verdauen

Damit ist er nicht allein. Vielen Helfern geht es so, dass sie die katastrophalen Eindrücke nur schwer verarbeiten können. Beim THW gibt es dafür die Abteilung der Psychosozialen Notfallversorgung, die sich intern um die seelsorgerische Nachsorge der Retter kümmert. „Akute Belastungsreaktionen auf solch ein unnormales Ereignis sind normal“, erklärt Christoph Bock, der psychosoziale Fachkraft im Einsatznachsorgeteam ist.

DRK

Erlebnisse und Bilder aus den Flutgebieten hängen auch vielen Rettern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) noch nach, die sich ebenfalls aus der ganzen Republik auf in die Flutgebiete machten, um zu helfen, die Grundversorgung der Bevölkerung vor Ort zu sichern. Am 19. Juli brach auch Leandra Berge vom DRK Biedenkopf zu einem viertägigen Einsatz des ersten Sanitätszuges auf in das besonders stark betroffene Ahrweiler. In den überschwemmten Orten hieß es für die Retter „erstmal Präsenz zeigen, Hilfe anbieten in jeglicher Form“, berichtet die Altenpflegerin. Irgendwas war immer akut vonnöten, die Suche nach Vermissten, das Beschaffen von Medikamenten, die nächste warme Mahlzeit.

Überall fehlte es am Allernötigsten, auch Strom. Am Aufbau einer alternativen Stromversorgung beteiligt war Kollege Peter Salzmann vom DRK Biedenkopf, der als Teil des Katastrophenschutzes des Bundesverbands im ganzen Ahrtal unterwegs war. Bei zwei Einsätzen im Juli und August half er dabei, die Versorgung halbwegs wieder herzustellen. Der Elektriker baute eine mobile Arztpraxis mit auf, eingerichtet auf einem Sattelauflieger, errichtete eine improvisierte Netzstromversorgung, „es ging darum, erstmal einfach Infrastruktur zu bauen“, erzählt er.

Kinder spielen fröhlich im Matsch

An anderer Stelle entstanden ganze Städte aus Zelten, etwa in der Gemeinde Grafschaft im Landkreis Ahrweiler, wo für Tausende Betroffene gekocht wurde. Eine Anlaufstelle für aberhunderte Einsatzkräfte, einem Ameisenhaufen gleich. Doch am ersten Tag, „da war es sehr ruhig im Lager, man spürte, dass alle wussten, wofür wir das tun“, erinnert er sich.

Viele Bilder und Eindrücke hängen den Helfern bis heute nach, haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Von den Lichtern der Taschenlampen in der Dunkelheit, wo Menschen in zerstörten Gebäuden nach allem suchten, was noch zu retten war. Vom modrigen Gestank, der sich über die Ahr verteilte, bis in die von Schlamm erdrückten Orte. Wo Häuser oder voll gestellte Campingplätze einfach vom Wasser komplett weggerissen wurden, „als wäre da nie etwas gewesen“, sagt Peter Salzmann.

Und doch gab es auch diese anderen Erlebnisse, etwa von Kindern, die fröhlich im Matsch der Flut spielten, oder Nachrichten und Appelle auf halb zerstörten Häuserwänden. „Irgendwann wird Ahrweiler wieder bewohnbar und schön! Ganz sicher!!!“, hatte jemand auf eine Wand geschrieben, wollte auf diesem Weg Hoffnung verbreiten. Die konnte auch die Flut nicht wegreißen, „die Menschen haben zusammen gestanden, der Zusammenhalt ist riesig“, sagt er noch heute tief beeindruckt.

Unter den Bewohnern, ebenso unter den aus der ganzen Republik zusammen gerufenen Einsatzkräften, „man war einfach füreinander da“. Die Menschen vor Ort und jene aus der Ferne, die über privat organisierte Großaufgebote Hilfsgüter schickten, bis hin zu zahlreichen Firmenchefs, die den Rettern Luft für den Einsatz verschafften, „ein Riesendank an die Arbeitgeber, dass die so viele freigestellt haben“, betont Peter Salzmann und spricht damit auch für die anderen Ehrenamtlichen in den Hilfsorganisationen. Sie danken ebenso ihren Familien, die spontan auf Kinder oder Haustiere aufpassten, Zuhause die Stellung halten, andernfalls hätten viele Helfer erst gar nicht aufbrechen können, betont Leandra Berge.

Der enorme Zusammenhalt untereinander war auch eine wichtige Stütze, um das Erlebte begreifen und verarbeiten zu können, „ich musste das, was ich gesehen und gehört habe, erstmal verdauen“, erinnert sich Leandra Berge noch. Die Kollegen waren ihr da ebenso wie ihre Familie ein starker Anker.

Landwirte

Wie wichtig es ist, über seine Erfahrungen zu reden, das weiß auch Harald Platt. Der 55-Jähige aus Altenvers gehört zu den unzähligen Freiwilligen, die – ohne Hilfsorganisation im Hintergrund – im Katastrophengebiet mit angepackt haben. Der Landwirt ließ daheim auf seinem Hof alles stehen und liegen und machte sich mit vielen anderen Bauern auf nach Walporzheim. „Man kann das gar nicht beschreiben, was ich da erlebt habe“, erinnert er sich und muss einen Kloß im Hals hinunterschlucken. Jedes Mal wenn er über seinen Hilfseinsatz spricht, kommen dem gestandenen Bauern die Tränen. Nicht nur wegen der belastenden Eindrücke, sondern auch wegen der unglaublichen Dankbarkeit der Menschen. „So ein Erlebnis macht aus Fremden Freunde“, sagt Harald Platt und appelliert an alle, einmal in die Flutgebiete zu fahren. „Auch jetzt noch brauchen die Betroffenen jede Hilfe, die sie bekommen können.“

Feuerwehr

Das weiß auch Martin Hartung von der Feuerwehr Ebsdorf, der sich am 28. Juli gemeinsam mit 20 Feuerwehrkameraden aus dem Landkreis auf den Weg nach Dernau im Ahrtal machte, wo die Truppe aus einer privaten Initiative heraus Hilfe leistete. „Wir wollten auf eigene Faust helfen, das war uns ein riesiges Anliegen“, berichtet der Ebsdorfer.

Einen Tag lang packte die Gruppe von morgens bis abends bei den Aufräumarbeiten mit an, schaffte Schutt weg, räumte Keller leer und verwüstete Campingplätze frei. Und selbst gestandene Feuerwehrleute waren schockiert von den überfluteten, zerstörten Orten, „das hat uns die Sprache verschlagen, man bleibt einfach fassungslos zurück, was da alles an Schicksalen dran hängt und wie viele Existenzen zerstört worden sind“, erzählt Martin Hartung noch immer aufgewühlt.

Die Hilfstransporte gehen weiter

Nach ihrer Rückkehr organisierten die Helfer direkt noch eine Spendenaktion für die ebenfalls stark von der Katastrophe getroffene Feuerwehr Dernau, packten von den Kollegen aus Marburg-Biedenkopf ein, was die erübrigen konnten, von Schläuchen, Rohre bis zur Feuerschutzkleidung, und brachten die Ausrüstung nach Westen.

Und die Hilfstransporte gehen weiter – eine weitere Sammelaktion ist bereits in Planung und schon heute am Samstag zieht erneut eine Feuerwehrgruppe aus dem Kreis nach Westen. Denn: „Das ist ja nicht vorbei und wird uns noch lange beschäftigen, wir lassen da nicht locker.“

Von Ina Tannert und Nadine Weigel

29.08.2021
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