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Marburg Die Party ist aus: Hier wird das „Kult“ weggebaggert
Marburg Die Party ist aus: Hier wird das „Kult“ weggebaggert
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12:00 11.06.2021
Hier stand mal der Partyplatz Marburgs: Jetzt sind die Kulthallen abgerissen.
Hier stand mal der Partyplatz Marburgs: Jetzt sind die Kulthallen abgerissen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wo es einst Liebesspiele in Toilettenräumen, Trinkgelage auf dem Parkplatz, Musik zum Abtanzen gab, ist nun die große Leere: Das „Kult“ war jahrelang Marburgs Partyplatz Nummer eins, nun ist es abgerissen worden. Vor der letzten Party vor rund zwei Jahren – seitdem ist der Nachfolge-Club „Till Dawn“ geschlossen und das Gebäude stand leer – erinnerten sich Zeitzeugen, Gäste wie Macher des „Kult“ an dessen Geschichte.

Time of my life: Für viele Marburger gehörte Party machen im „Kult“ zum festen Wochenendfahrplan. Quelle: Privatfoto

Und immer tief in einer dieser Wochenendnächte gab es die wohl berühmteste aller Hebefiguren. Wann immer im Lager – dem zweiten großen Diskothek-Dancefloor – „Time Of My Life“ aus den Boxen dröhnte, stellten Laura Strecker und Andreas Müller „Dirty Dancing“ nach. „Das waren damals geile Zeiten! Es gab Phasen, da waren wir mit unserer Clique jede Woche zum Feiern da“, sagt die heute 39-jährige Strecker. Damals – für sie und Müller, heute ihr Ehemann, damals ihr Freund – war das die Zeit nach der Jahrtausendwende. Als man vorglühte, oft noch auf dem Parkplatz, auf Motorhauben der dort abgestellten Autos stand. „Das Kult war für mich und viele meiner Freunde der Beginn des Ausgehens, der Sturm- und Drang-Zeit“, sagt der 42-jährige Müller, der sich an so manche auf dem Männer-WC turtelnden Paare – oder solche, die es noch wurden – erinnert.

Türsteher: „Laden war der Renner“

Die Macher des „Kult“ vor der letzten Party 2019. Quelle: Foto: Ina Tannert

An ebensolche und diverse andere Anekdoten, von denen das Kult so einige hervorgebracht hat, erinnern sich auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiter, von der Tür bis zur Theke. „Das Kult war damals der Renner in Marburg, jedes Wochenende ging es ab“, erinnert sich Türsteher Matthias Dalwig. Zu Hochzeiten quetschten sich am Abend bis zu 2 500 Partygänger in die Halle. Da flogen auch mal Flaschen oder vor der Tür die Fäuste. „Klar gab es auch Stress, aber wir hatten es mit einem relativ kleinen Team unter Kontrolle“, sagt Dalwig. Er erinnert sich an einige Schlägereien oder an besonders skurrile Gäste, von denen sich so mancher auch mal entblätterte. „Einer hat sich mal komplett ausgezogen und rannte nackt durch das Kult, er fand das total lustig.“ Auch eine junge Frau genoss es einmal, nackt und mit Edding bemalt vor den Türstehern zu flüchten. Andere Gäste lernten sich im Kult, das jahrelang durchaus als die Party-Partnerbörse galt, dagegen lieben. „Das Kult hat so viele Paare hervorgebracht, so viele tolle Leute, es war die geilste Zeit meines Lebens“, sagt Lichttechnikerin Mandy Ebisch.

Gemeinsam baute das Kult-Team den Laden mit auf, arbeitete teils ab 1995 mit am Umbau des ehemaligen Lagerhauses – passenderweise ein Bierlager – zum neuen Treffpunkt der Clubszene. „Es gab geile Zeiten, nervige Gäste, tolle Kollegen und immer Spaß bei der Arbeit“, sagt Jennifer Mollaakbari.

Gästebuch voller Erinnerungen. Quelle: Foto: Ina Tannert

Deko wurde dabei großgeschrieben. Das Bild der drei „Floors“ änderte sich stetig, mal wurde die Theke zur Skihütte, mal zur Beachbar, mal gab es spontane Mottopartys, dann den „Mo Club“. „Es wurde immer weiterentwickelt, es waren legendäre Zeiten“, sagt Kult-Betreiber Wolfgang Richter. Musikalisch hatte das Kult einiges zu bieten. Einerseits drei verschiedene Stile für Tanzwütige, andererseits Live-Auftritte bekannter Musikgrößen. Unter anderem waren „Die Schröders“ Stammgäste, auch „Blümchen“ weilte bereits auf der Kult-Bühne. „Alle Szenen wurden zusammengewürfelt, eine große Familie, und es hat funktioniert“, schwärmt Timo Baldoa.

Seit 2011 gab es das klassische „Kult“ nicht mehr, es wurde das „Till Dawn“. Jetzt sind beide endgültig Geschichte. Was bleibt, ist die Erinnerung der mittleren Generation an ihre Party-Pubertät. „Es war einfach Kult“, sagt Dalwig.

Platz zum Feiern? In Marburg Fehlanzeige

Die Schließung des „Till Dawn“ im Sommer 2019 rief die Politik auf den Plan: Angelehnt an Förderprogramme für Clubkultur in Stuttgart oder Leipzig wollten damals die Grünen die Auflage eines ähnlichen Programms in der Stadt anregen, und zwar explizit in einer Mischung aus Wirtschafts- und Kulturförderung. Vor allem junge Stadtverordnete befürworteten angesichts des Club-Mangels den Ansatz, der Magistrat stand dem jedoch skeptisch gegenüber.

Geschehen ist in den vergangenen zwei Jahren jedenfalls nichts. Dabei geht aus dem Jugendbericht der Stadt Marburg schon unabhängig von der Corona-Pandemie klar hervor: Junge Menschen wollen für sich und ihre Lebensart eigene, freie Räume, wo sie Spaß haben, sich ausleben, feiern können. An der Stelle der Kulthallen wird in den nächsten Jahren jedenfalls ein Wohngebiet hochgezogen – das Temmler-Areal dient laut Stadtplanung als Verlängerung des unteren Richtsbergs.

Von Björn Wisker