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Marburg Die Orgel gibt Selbstbewusstsein
Marburg Die Orgel gibt Selbstbewusstsein
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15:58 02.10.2020
Ka Young Lee am Orgelspieltisch in der Marburger Pfarrkirche. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es ist kalt in der Lutherischen Pfarrkirche. Ka Young Lee trägt ein Tuch um den Hals und macht den Heizstrahler an. Bevor sie sich auf die Bank vor die Orgel setzt, wechselt sie noch die Schuhe. „Das sind spezielle Schuhe. Ich brauche die Ledersohle, damit ich auf dem Pedal so spielen kann, als wenn ich tanze“, sagt die Organistin. Seit 2009 lebt sie mit ihrem Mann, einem Orgelbauer, in Marburg. Täglich übt sie mehrere Stunden gegenüber vom Altar auf der Empore.

Als die Stelle des Organisten neu besetzt werden musste, bewarb sie sich. „Aber große Chancen rechnete ich mir nicht aus“, erinnert sie sich und beschreibt sich als schüchtern und sehr zurückhaltend. Dabei hatte sie beste Voraussetzungen.

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Nach ihrem Bachelor in Seoul hatte sie bei Wolfgang Rübsam, dem Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Hochschule für Musik in Saarbrücken, weiter studiert. Später bei Professor Martin Sander in Heidelberg und bei den beiden Professoren Christophe Mantoux sowie Aude Heurtematte in Straßburg. „Ich wusste, was ich konnte, aber meine Kultur stand mir irgendwie im Weg.“

Ka Young Lee überzeugte und hatte fortan Unterstützer an ihrer Seite. Neben Pfarrer Ulrich Biskamp auch die kurhessische Kantorei und den Landeskirchenmusikdirektor. 2015 bekam sie einen Anruf aus Würzburg. Professor Christoph Bossert wollte mit ihr arbeiten. Und so besuchte sie an der Hochschule für Musik die Meisterklasse Orgel. Sie liebt ihr Instrument. Das merkt jeder, der mit ihr ins Gespräch kommt.

„Die Orgel trifft manchmal mitten ins Herz“

„Die Orgel ist ein Emotionenspeicher, sie hat viel Klangfarbe und trifft manchmal mitten ins Herz.“ Ka Young Lee spüre, ob sie ihr Publikum mit ihren ausgewählten Stücken erreicht, „auch wenn sie in meinem Rücken sitzen. Die Klänge berühren die Menschen“, da ist sie sich sicher und gibt zu: „Aber ich merke natürlich auch, wenn der Funke nicht überspringt. Denn die Töne machen Unsichtbares fühlbar.“ Nämlich auch ihre Gefühle. „Die Stücke meiner Konzertprogramme zeigen sozusagen mein Leben, wie ich gerade empfinde“, gibt sie zu und ergänzt: „Das ist wie seelische Arbeit.“

Dadurch ist noch etwas gewachsen – ihr Selbstbewusstsein: „Ich habe gelernt zu sagen, was ich will und was ich nicht will. Gerade als Solistin ist das sehr wichtig. Die Menschen merken: Oh, Frau Lee kann ihre Meinung doch klar und deutlich mitteilen.“ Das verschafft ihr ein großes Stück Freiheit, aber auch Anerkennung. Es war ein langer Weg. „Manchmal wurde auch mein Herz verletzt“.

Heute ist sie freiberufliche Organistin, gibt Konzerte in ganz Deutschland, große, aber auch private. „Und ich darf das spielen, was ich denke. In Korea ist das Repertoire sehr eingeschränkt.“ Deswegen will sie auch in Deutschland bleiben. „Ich möchte da bleiben, wo ich meine Leidenschaft leben kann. Hier ist mein Herz.“

Die Stunde der Orgel ist jeden Samstag um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Dieses Mal wird unter anderem die Morgenstimmung aus der Peer Gynt Suite von Edvard Grieg gespielt.

Von Katja Peters