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Marburg Die Odyssee einer gefälschten Luxusuhr
Marburg Die Odyssee einer gefälschten Luxusuhr
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17:00 03.11.2019
Für Laien ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, ob eine Armbanduhr ein mehrere Tausend Euro teures Original oder eine billige ­Fälschung ist. Quelle: Ole Spata
Marburg

Für den jungen Studenten Tarek A. (Name von der Redaktion geändert) war es keine Frage: Die Uhr, die er im ­Dezember vergangenen Jahres in der Nähe des Wehrdaer Bürgerhauses gefunden hatte, sollte wieder zurück zu ihrem rechtmäßigen Eigentümer. „Es war Samstag, deshalb bin ich zur Polizei gegangen und habe die Uhr dort abgegeben“, erinnert sich Tarek A.

Der 22-Jährige hinterließ seine Personalien auf der Wache, wo ihm zugesichert wurde, dass der Zeitmesser eines Schweizer Luxusuhren-Herstellers an das Marburger Fundbüro weitergegeben werde. Das sei, sagte Polizeisprecher Martin Ahlich auf OP-Nachfrage, Anfang Januar 2019 auch geschehen.

Hintergrund

Im Marburger Fundbüro im Stadtbüro an der Frauenbergstraße werden alle Fundsachen registriert, die mindestens einen Wert von zehn Euro haben. Wer dort eine Fundsache hin­bringt, gibt an, ob Finderlohn geltend gemacht werden soll und nach Ablauf einer Frist von sechs Monaten „Eigenerwerb“ zum Tragen kommt. Finder können die Fundsache auch zur sogenannten Eigenverwahrung wieder mit nach Hause nehmen. In dem Fall informiert das Stadtbüro nach einem halben Jahr darüber, dass der Gegenstand nun dem Finder gehört. Die Höhe des Finderlohns beträgt bis zu einem Wert von 500 Euro fünf Prozent, bei teureren Gegenständen kommen noch drei Prozent hinzu. Wer einen beim Fundbüro abgegebenen Gegenstand als sein Eigentum erkennt, zahlt nicht nur Finderlohn, sondern vor der Aushändigung auch eine Verwaltungsgebühr. Die kann von 2,50 Euro (Wert bis 25 Euro) über 6 Euro (Wert bis 200 Euro) bis zu 3 Prozent des Wertes bei Gegenständen mit einem Wert ab 200 Euro variieren. Fundsachen, die nicht vom Eigentümer abgeholt werden, werden in der Regel versteigert oder sind im Fundbüro käuflich zu erwerben. Die genauen Regelungen zum deutschen Fundrecht finden sich im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 965 – § 984)

Monate gingen ins Land, und Tarek A. hatte seinen Fund aus der Freiherr-vom-Stein-Straße schon fast wieder vergessen. „Dann unterhielt ich mich im Herbst mit einer Freundin darüber, dass ich auf der Straße zwei Euro gefunden hatte“, erzählt der Student im Gespräch mit der OP: „Da wollte ich dann doch mal wissen, ob sich der Besitzer der Uhr beim Fundbüro gemeldet hat.“

In dem Fall hätte dem Studenten Finderlohn zugestanden – ansonsten wäre die Uhr spätestens sechs Monate nach der Abgabe beim Stadtbüro Eigentum des Finders.

Ein Anruf beim Fundbüro ­habe zunächst ergeben, dass die Uhr dort nie angekommen sei, erzählt Tarek A., der jetzt neugierig wurde. Ein weiterer Besuch bei der Polizei folgte, wo ihm jedoch glaubhaft versichert wurde, dass sein Fund in die Frauenbergstraße geschickt worden sei – allerdings unglücklicherweise ohne Angabe von Personalien.

Die Polizei gab allerdings durchaus die Daten des Mannes weiter, der am 22. Dezember 2018 das Fundstück auf der Wache abgeliefert hatte. Das belegen Akten, die Polizeisprecher Martin Ahlich der OP zur Einsicht vorlegte. Daraus ist ersichtlich, wann die Uhr aus dem „Zwischenlager“ Asservatenkammer in die Frauenbergstraße weitergegeben wurde – mit Stempel, Unterschrift, den persönlichen Daten des Finders sowie dem Vermerk, dass es aus Polizeisicht unsicher ist, ob es sich bei dem Zeitmesser um ein Original oder eine Fälschung handelte.

Finder darf sich eine Verkaufsuhr aussuchen

Als der junge Mann sich noch einmal auf den Weg ins Fundbüro machte, wurde ihm dort Überraschendes eröffnet. „Auf einmal hieß es, die Uhr ist tatsächlich dort von der Polizei abgeliefert worden.“ Allerdings sei die Uhr vernichtet worden, weil es sich um ein Plagiat gehandelt habe.

Das bestätigt Patricia Grähling vom Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Marburg: „Normalerweise werden Uhren, die vom Besitzer oder aber vom Finder nicht abgeholt werden, im Stadtbüro verkauft.“ Im vorliegenden Fall konnte zum einen der Finder nicht ermittelt werden, weil die Uhr von der Polizei ohne Namensnennung abgegeben worden war. Zum anderen ließ sich zweifelsfrei feststellen, dass es sich um eine Fälschung handelte.

„Wir dürfen keine Plagiate in Umlauf bringen und mussten sie entsorgen“, so Patricia Grähling: „Aber wir bieten dem Finder aus Kulanz an, dass er sich im Fundbüro eine der dort angebotenen Uhren aussuchen darf.“

von Carsten Beckmann