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Marburg Die Oberstadt der Zukunft: So soll sie aussehen
Marburg Die Oberstadt der Zukunft: So soll sie aussehen
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11:58 08.12.2020
Ein zentraler Punkt des Entwicklungskonzepts ist der Bau weiterer Aufzüge.
Ein zentraler Punkt des Entwicklungskonzepts ist der Bau weiterer Aufzüge. Quelle: Thorsten Rich
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Marburg

Leerstand und Shopping-Eintönigkeit, hohe Pacht- und Mietpreise, mangelnde Sauberkeit und kaum Barrierefreiheit: Ob berechtigt oder nicht – die Oberstadt hat allem historischen Wert und der Schönheit zum Trotz kein strahlendes Image mehr. Ein nun vom Magistrat und dem Stadtplanungsbüro „Firu“ vorgelegtes Entwicklungskonzept für den Stadtteil soll nicht nur das Bild der Oberstadt aufpolieren, es soll auch Probleme beseitigen, dem Viertel neues und langfristiges Leben einhauchen. Die strukturellen Folgen der Corona-Pandemie machen das nicht leichter.

Das Entwicklungskonzept sieht 130 konkrete Projekte, größere und kleinere vor, um die Oberstadt zukunfts-fit zu machen. Ein zentraler Punkt: Der Bau von Aufzügen, zum einen von der Universitätsstraße zum ehemaligen „Institut für Leibesübungen“ Am Plan und – wie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bekräftigt – jenen schon vor Jahren angedachten von der Wasserscheide über das Gelände des Uni-Fachbereichs Physik zum Schloss. Beides sorge nicht nur für eine touristische, vor allem für grundsätzlich barriere-ärmere Zugänge zu den beiden „Oberstadt-Etagen“.

Da es laut Spies „sehr im Interesse“ des Magistrats sei, dass sich das Landgrafenschloss zu mehr als nur einem Aussichtspunkt über Marburg entwickele, verliere man auch den Schrägaufzug nicht aus dem Blick. „Sobald die Uni auf die Lahnberge zieht und der Weg frei ist, wollen wir da ran“, sagt er. Zeithorizont: ab dem Jahr 2025.

Projekte von Lokalhandel-App bis zum „Nachtbürgermeister“

Die Planer-Ausarbeitung fußt maßgeblich auf den Bürger-Vorschlägen aus den vergangenen eineinhalb Jahren. 600 Einsendungen, darunter einige Projekt-Doppelungen soll es gegeben haben. Tatsächlich wurden zuletzt im Sommer bei einem Workshop in der Stadthalle Forderungen etwa nach einem Oberstadt-Treffpunkt, einem Multifunktionshaus laut.

In dem Konzept, den 130 Projekten sind viele altbekannte gebündelt. Etwa der „digitale Einzelhandel“, der Aufbau eines gemeinsamen Web- und App-Auftritts. Eine Idee, die als lokaler Marktplatz, als Internet-Verkaufsplattform schon vor Jahren angekündigt wurde und genauso lange stagniert.

Neuer sind Vorschläge wie ein Fahrrad-Parkhaus oder Abstellboxen ähnlich jenen allerdings kaputten am Pilgrimstein. Auch ein Gratis-Bus-Shuttle vom Bahnhof in die Oberstadt und die Ernennung eines „Nachtbürgermeisters“ als Ansprechpartner bei Konflikten im Viertel sind neue Aspekte. Nicht so die Einrichtung von Mikro-Hubs für Lieferdienste, sehr wohl aber die Tatsache, dass eine Machbarkeitsstudie nun beginnen soll, für diese Hubs mögliche Standorte zu finden.

Stadt will „Anreizsystem“, um die Laden-Belegung zu steuern

Ein erst in den letzten ein, zwei Jahren durchschlagendes Problem – Saufgelage und Lärm rund um „Spätis“ – hat man mit einer Bannmeile bisher nur verlagern können. Was Spies eigentlich will: Ein nächtliches Alkoholverkaufs-Verbot durchsetzen, wozu es aber eine Gesetzesgrundlage des Landes Hessen brauche. „Hätten wir diesen Hebel, könnten und würden wir da eingreifen.“

Ein anderer, rechtlich allerdings mindestens heikler Ansatz: Bei der Belegung von Oberstadt-Ladenflächen will die Stadt faktisch mitsprechen, ein „Anreizsystem“ entwickeln, um innovative Geschäftsideen, Neu-Gründungen zu fördern und die Ausbreitung etwa von „Spätis“, aber auch Handyläden und ähnlichem somit letztlich zu verhindern. Staat vor Privat? Gelingen soll das jedenfalls nicht zuletzt mithilfe eines regelmäßigeren Austauschs mit den oft nicht in Marburg lebenden Immobilienbesitzern.

Laut Erhebung wuchs der Leerstand bis zum vergangenen Jahre auf bis zu 19 Flächen an, besonders die Wettergasse ist in der Vergangenheit von verwaisten Ladenzeilen betroffen gewesen. Mehrere Schaufenster wurden mit Freiraum-Plakaten überklebt, in anderen Räumen kamen oder kommen übergangsweise Kunst-Ateliers unter – also nichts für Shopping-Fans.

„Ist das Zentrum attraktiv, kommt Geschäftserfolg fast automatisch“

Trotzdem: OB Spies sieht den lange als Nachteil ausgelegten Punkt fehlender Modeketten oder Kaufhäuser beziehungsweise Frequenzbringern gerade nach den Lehren der Klimakrise und der Corona-Pandemie eher als Vorteil. „Die Oberstadt setzt Überschaubarkeit gegen Masse, Kundenfreundlichkeit gegen Konsum.“ Es gelte nun, die Stadtteil-Schönheit ebenso zu erhalten und zu fördern wie die Lebendigkeit.

Doch dafür reiche trotz allen Drucks durch Online-Handel ein Blick auf den stationären Handel und die Gastronomie nicht aus. „Ist das Zentrum attraktiv, halten sich Menschen dort gerne auf, kommt der Geschäftserfolg fast automatisch“, sagt Spies. Daher fokussiere die Stadtverwaltung neben Wirtschaftsbelangen auf Wohnen, Aufenthaltsqualität und Tourismus, wie Dr. Christine Amend-Wegmann Fachdienstleiterin in der Stadtverwaltung, sagt.

Beratung im Haupt- und Finanzausschuss, heute um 17 Uhr im Stadtparlamentssaal (Barfüßerstraße 50)

Von Björn Wisker und Andreas Schmidt

08.12.2020
08.12.2020