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Marburg Beißen, einfach beißen!
Marburg Beißen, einfach beißen!
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20:00 29.10.2019
Feuer, giftige Dämpfe, Hitze: Atemschutzgeräteträger müssen einiges aushalten. In der Übungsstrecke in Marburg werden sie auf ihren Einsatz vorbereitet. Quelle: Miriam Prüßner
Marburg

Absolute Dunkelheit. Tiefschwarz. Irgendwo hier muss das Opfer doch sein?! Auf den Knien arbeiten wir uns an der Wand entlang. Wir tasten mit den Händen den Boden ab. Immer weiter hinein ins Ungewisse. Gierig sauge ich die Luft durch den Lungenautomaten.

Die regelmäßigen Atemgeräusche klingen dumpf in meinen Ohren. Ich höre mich an wie Darth-Vader. Doch ich bin nicht Lukes Vater und das hier ist nicht Starwars. Ich bin auf der Hauptfeuerwache Marburg und mache mit den anderen Anwärtern zum Atemschutzgeräteträger (AGT) eine Gewöhnungsübung.

Nach bestandener G26-Untersuchung werden meine Kameraden und ich von den Profis des Fachdienstes Brandschutz in Marburg fit gemacht für den körperlich härtesten Job bei der Feuerwehr. Den Job, den kaum noch einer machen will. In Marburg-Biedenkopf sind Atemschutzgeräteträger eine echte Mangelressource, bedauert Kreisbrandinspektor Lars Schäfer.

„Derzeit haben rund 25 Prozent der Feuerwehrangehörigen eine gültige G26-3 – die Berechtigung zum Atemschutzgeräteträger. Das klingt erstmal viel, aber wir kommen von über 50 Prozent und deshalb ist es sehr wichtig, dass wir ganz viele Menschen kriegen, die sich dieser spannenden, aber nicht ungefährlichen Aufgabe stellen wollen“, sagt Schäfer.

Genau. Ungefährlich ist es wahrlich nicht. Schließlich sind Atemschutzgeräteträger die, die in brennende Häuser rennen. Sie setzen sich Hitze und giftigen Dämpfen aus. Sie stellen sich Gefahren, um anderen Menschen zu helfen. Und deshalb ist eine gute Ausbildung besonders wichtig.

Feuerwehr ist Teamarbeit und Vertrauenssache

Körperliche Fitness ist eine Grundvoraussetzung. Im Fitnessraum auf der Hauptwache müssen wir unter Atemschutz mit rund 18 Kilo Ausrüstung am Körper nacheinander Radfahren, strammen Schrittes auf dem Laufband marschieren – und das allerschlimmste überhaupt – die Endlosleiter steigen. Oder wie ich sie nenne ...die „Stairway to hell“.

Die Höllenleiter macht uns alle kaputt. Ich keuche. Es schmerzt in meiner Brust. Nach den ersten paar Durchgängen sind wir schweißgebadet unter unseren dicken, feuerfesten Nomex-Anzügen. Als AGTler muss man nicht nur fit sein, sondern auch starke Nerven haben. Das erfahren wir in der Übungsstrecke. Unter Atemschutz müssen wir hier einen Parcours absolvieren. Wir kriechen durch ein enges Käfiglabyrinth.

Dank meiner für Frauen eher hünenhaften Größe kann ich nicht auf den Knien krabbeln, da ich sonst mit meiner Druckluftflasche am Rücken hängen bleibe. Also rutsche ich auf meinem Bobbes vorwärts. Mit den Füßen voran quetsche ich mich auf dem Bauch liegend durch die Röhre. Die ist so eng, dass mich hinten einer an den Beinen rausziehen muss, während ein anderer vorne schiebt. Sonst stecke ich fest. Feuerwehr ist eben Teamarbeit und Vertrauenssache.

Und beides ist im Ernstfall überlebenswichtig. „Also ich hätte es mir in der Strecke schlimmer vorgestellt“, sagt Anne aus Hachborn. Kameradin Pauline von der FF Bad Endbach nickt. „Dadurch dass wir recht klein sind, haben wir den Vorteil, dass wir nicht überall anstoßen und auch leichter durch die Röhre passen“, meinen die beiden. Dafür sei das „Dummy retten“ allerdings eine „mittlere Katastrophe“ gewesen, sagt Pauline lachend.

Den 75 Kilo-Dummy retten – also aus dem „Brandraum“ ziehen, das ist für mich eher kein Problem. Aber ihn zu finden, ist super schwierig. Denn zur Gewöhnung gehören auch Nebel und absolute Dunkelheit. Wir bewegen uns im Kriechgang, denn bei einem echten Brand gilt: Unten am Boden ist die Sicht besser und es ist nicht ganz so heiß. Und das ist wichtig. Schließlich können bei so einem Zimmerbrand schon mal locker 1.000 Grad entstehen. 

Simuliert wird ein Werkstattbrand

Man muss sich in absoluter Schwärze orientieren. Denn bei einem echten Brand sieht man auch die Hand vor Augen nicht. „Das wichtigste dabei ist truppweises vorgehen“ erklärt Ausbilder Björn Becker. Nur zu zweit könne man im Einsatz auch die eigene Sicherheit garantieren. Mit Tüten über den Masken üben wir das Orientieren noch einmal. Simuliert wird ein ­Werkstattbrand. Wir kriechen umher, ertasten Gefährliches.

Gasflaschen und Maschinen. Doch es klappt besser – und wir finden das Brandopfer – unseren Dummy – relativ schnell. Aber ob wir es wirklich packen? Am Prüfungstag grübeln wir erstmal über der Theorie. Beim praktischen Teil heißt es beißen! Erst im Fitnessraum und dann in der Strecke. Mein Herz rast. Bei der Anstrengung hat man ein Atemvolumen von 60 bis 70 Litern pro Minute. Im Vergleich: in Ruhe sind es gerade mal 8 bis 10 Liter. 

Alle zehn Minuten müssen wir kontrollieren, ob unsere Druckluft noch ausreicht. Gestartet sind wir bei 300 bar. Am Manometer – einem Messgerät, das am Atemschutzgerät befestigt ist – können wir ablesen, ob unsere Luft noch reicht. Sie wird schnell knapp. In der Strecke verliert man völlig das Zeitgefühl.

Irgendwann piept es: 55 bar sind erreicht. Jetzt heißt es Ruhe bewahren. Manchmal kommt es vor, dass Probanden sich vor Panik die Maske vom Kopf reißen. Aber dann ist die Prüfung rum. Denn im Ernstfall kann so eine Reaktion tödlich enden.

Ein Anwärter unserer 24-köpfigen Gruppe bricht ab. Ansonsten schaffen wir es alle. Sogar ich. Ich bin fertig , aber mega glücklich. Mein Fazit: 1. Ich muss mehr Sport machen. 2. Der Atemschutzlehrgang ist super spannend und hat in Marburg unheimlich Spaß gemacht! Eins ist auf jeden Fall klar: Wenn ich das schaffe, schafft Ihr das auch!

von Nadine Weigel