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Marburg Ein Blick aufs Handy – 30 Meter Blindflug
Marburg Ein Blick aufs Handy – 30 Meter Blindflug
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13:00 10.08.2019
Der Oldenburger Polizeihauptkommissar Cliff Sprenger als Beifahrer unterwegs auf der Autobahn A1. Dort prüft er unter anderem, inwieweit Fahrer am Steuer abgelenkt sind. Quelle: Carmen Jaspersen
Marburg

Ganze 2 Minuten und 57 Sekunden tippt der Fahrer des schweren Sattelzuges auf seinem Smartphone herum. Nur ab und zu geht der Blick für einen Sekundenbruchteil kurz nach oben auf die Fahrbahn der A1. So fährt der Mann auch in einen Baustellen-Abschnitt. „Der merkt gar nichts mehr“, sagt Cliff Sprenger. Verstöße wie diesen filmt der Polizeihauptkommissar mit seinen Kollegen seit Februar im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg auf den Autobahnen 1, 29, 28 und 27.

Aber natürlich ist das Thema­ „Smartphone-Nutzung am Steuer“ nicht nur eines, das die niedersächsische Polizei beschäftigt. Wie überall steigt auch im Landkreis die Zahl derer, die sich während der Fahrt von elektronischen Geräten ablenken lassen, berichtet Polizeipressesprecher Jürgen Schlick. Sein Kollege Thorsten Samsa kann dem nur beipflichten. „Es ist ein sehr großes Problem“, sagt der Leiter des regionalen Verkehrdienstes Marburg-Biedenkopf.

Dabei ist es eigentlich eine einfache Rechnung: Bei 100 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho überwindet ein Fahrzeug 30 Meter pro Sekunde. Schaut ein Verkehrsteilnehmer also nur 3 Sekunden auf sein Handy, hat er bei diesem Tempo fast 100 Meter hinter sich gebracht. Und ­alles im „kompletten Blindflug“ wie Samsa erklärt.

Gezielte Kontrollen im Landkreis

Schon die 15 Meter „Blindflug“ bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h würden ausreichen, um zum Beispiel ein auf die Straße laufendes Kind zu übersehen. „Es fehlt allgemein an Einsicht. Die Verkehrsmoral leidet. Manche sehen das Tippen und Schauen wohl eher als Kavaliersdelikt“, sagt Samsa. Dabei spiele die Nutzung der Smartphones eine­ entscheidende Rolle.

„Heutzutage sind das ja eher Computer. Die Leute schreiben nicht nur Nachrichten, sie Nutzen das Smartphone auch als Navi­ oder rufen irgendwelche Infos ab“, sagt Polizeihauptkommissar Samsa. Das Telefonieren selbst spiele nur noch eine untergeordnete Rolle. Weil sich die Unfälle häufen, bei denen das „Handy am Steuer“ eine Rolle gespielt hat, gibt es auch immer wieder gezielte Kontrollen im Landkreis, erklärt Samsa.

Natürlich würden dann auch andere Verstöße geahndet, erklärt Jürgen Schlick. Das niedersächsische Innenministerium in Hannover verlängerte das am Anfang beschriebene Pilotprojekt zur Videoerfassung der Brummi-Verkehrssünder jetzt bis Ende 2019. Bislang seien schon knapp 1.300 Verstöße auf den Autobahnen dokumentiert und geahndet.

"Sieht aus wie ein Handwerker-Auto"

Als Dienstfahrzeug dient den niedersächsischen Polizisten Cliff Sprenger und Kollegin Janine Kahlen (31) ein unauffälliger brauner VW-Transporter. Auf der Dach-Reling ist mit Spannriemen und Kabelbindern eine­ achtsprossige Alu-Leiter befestigt. „Sieht aus wie ein Handwerker-Auto“, so Sprenger grinsend. Nur mit dem Unterschied, dass vorne an der Leiter eine kleine, gerade mal streichholzschachtelgroße GoPro-Kamera­ montiert ist.

Von Boden gemessen sind es etwa zwei Meter bis zur Kameralinse – perfekt, um einen höher sitzenden Brummifahrer bei einem Regelverstoß zu filmen. „Rausreden nützt ja nu nix“, sagt ein etwa 30-jähriger Lkw-Fahrer, den die beiden Polizisten auf der A1 auf frischer Tat ertappen. Sie beobachteten ihn von einem A1-Rastplatz aus, als er mit seinem Lkw vorbeifuhr.

Dann folgten sie ihm sofort. Als der Bully auf Höhe der Lkw-Kabine ist, merkt der Fahrer zu spät, dass er mit dem Smartphone in der Hand gefilmt wird. Er lächelt zwar, weiß aber, was kommt. Das „Bitte folgen“-Schild im Heck des Bully leuchtet auf. Ausfahrt nächster Parkplatz. Sofort gibt er zu, dass er aufs Smartphone geschaut habe. 100 Euro plus 28,50 Euro Verwaltungsgebühr und ein Punkt in Flensburg werden fällig.

Ansprache ist klar

Erschwerend kommt hinzu, dass er einen Gefahrguttankwagen fährt. Die Ladung: Flüssig-Sauerstoff. Alles läuft freundlich, die Ansprache aber ist klar. Was er auf dem Handy gemacht hat? „Nichts Besonderes, einfach nur mal kurz checken“, sagt er.

Auch in Hessen sind derzeit zwei umgebaute Sprinter im Einsatz, berichtet Thorsten Samsa. Auch hier laufe das ­Pilotprojekt, bei dem es vor allem darum geht, ob die Aufnahmen auch belastbares Material­ hervorbringt. Aber auch um technische Herausforderungen wie die, Einblicke durch getönte oder verspiegelte Fensterscheiben in die Fahrzeuge zu bekommen.

Wie hoch der Anteil an Unfällen nun ist, die durch Ablenkung wie Handy-Telefonieren, Smartphone- oder Tablet-Bedienen verursacht werden, lässt sich seriös nicht sagen. Auch statistisch wird und kann dieser Verstoß nicht ausgewertet werden. Denn wer will und kann zweifelsfrei wissen, ob der Fahrer exakt zum Zeitpunkt des Unfalls gerade eine WhatsApp-Nachricht las oder schrieb?

Keine Hand am Lenkrad

Dies funktioniert überhaupt nur in Ansätzen, wenn das Smartphone­ nach dem Unfall überhaupt noch in Takt ist. Auch sind die Telekommunikationsdaten der Nutzer ein sehr geschützter Bereich, wie Thorsten Samsa herausstellt. Die ­zuständige Staatsanwaltschaft müsse die Kontrolle der Daten veranlassen. Erst dann könne die Polizei versuchen, bei dem Provider nachzufragen.­

Natür­lich werde dies in den Fällen getan, die darauf hinweisen, dass ein Fahrer von seinem Smartphone abgelenkt sein könnte – zum Beispiel dann, wenn das Fahrzeug nach Gutachterbericht oder Zeugenaussagen langsam in den Gegenverkehr steuerte.

Zu den krassesten der seit Februar gefilmten Verstöße in Niedersachsen gehört ein Lkw-Fahrer, der seinen linken Fuß bequem aufs Armaturenbrett stützt, in der linken Hand eine Zigarette hält und mit der rechten Hand am Smartphone daddelt – nur am Lenkrad ist nix.

von Dennis Siepmann und Helmut Reuter