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Marburg Die Not der Tierärzte
Marburg Die Not der Tierärzte
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07:59 01.06.2022
Tierarzt Ulf Beyer bereitet eine Magenspiegelung bei einem Pferd vor und spült das Maul. Die Auszubildende Celina Dustmann assistiert ihm.
Tierarzt Ulf Beyer bereitet eine Magenspiegelung bei einem Pferd vor und spült das Maul. Die Auszubildende Celina Dustmann assistiert ihm. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es ist einer der schönsten Berufe überhaupt: Tierarzt beziehungsweise Tierärztin. Jedes Jahr ist die Nachfrage – vor allem bei Abiturientinnen – nach den etwa1  000 zur Verfügung stehenden Studienplätzen in Deutschland fünf Mal höher als das Angebot. Für den Studiengang gelten strikte Zulassungskriterien: ein Numerus Clausus von 1,3 (Hessen) und ab diesem Jahr entfällt sogar die Wartezeit-Regelung. Viele Absolventen wandern später allerdings in die freie Wirtschaft ab. Besonders die Pharmamedizin lockt mit attraktiven Angeboten: bessere Bezahlung und mehr Freizeit.

Genau hier liegt das Problem. Immer weniger Tierärzte sind bereit, eine Tierarztpraxis im ländlichen Raum zu übernehmen. Diese Erfahrung hat auch die Tierärztin Ute Vogel aus Kirchhain gemacht, die sich auf die Behandlung von Kleintieren spezialisiert hatte. Sie musste ihre Praxis schließen, weil sie keinen Nachfolger gefunden hat – obwohl sie sich lange bemüht hat.

Übernahme der Praxis gescheitert

Ähnliche Erfahrungen hat auch Tierarzt Thomas Geilhof gemacht. Der Veterinärmediziner führt seit vielen Jahren eine Praxis für Pferde und Nutztiere im Ebsdorfer Grund, die er gerne in absehbarer Zeit einem Nachfolger übergeben möchte. Geilhof erklärt: „Meine Praxis wird auslaufen. Per Anzeige habe ich jemanden gesucht, der meine Praxis übernehmen sollte. Ich habe nicht einen einzigen Interessenten gefunden. Das ist schon sehr frustrierend.“

Dabei läuft seine Praxis gut. Zudem ist er bereit, einige Jahre mitzuarbeiten. Wo er das Problem sieht? Geilhof: „Es sind die langen Arbeitszeiten.“ Unterm Strich kommt deshalb weniger raus, als man erwarten dürfte. Und zudem hat ein Tierarzt eigentlich keinen Feierabend.

Ähnlich sieht der Arbeitsalltag der frei praktizierenden Kleintierärzte aus. Um die Zukunft des Berufsstands macht sich Geilhof Sorgen. Denn auch die von der Landestierärztekammer geänderte Berufsordnung setzt den Berufsstand weiter unter Druck. Tierärzte sind verpflichtet, sich untereinander bei den Notdiensten zu organisieren. Bei Großtieren wie Pferden ist es schwierig. Die Großtierpraxen müssten über mehr Personal verfügen, um das Klientel anderer Tierärzte mit abdecken zu können. Selbst in der Tierklinik in Gießen, die einen 24-Stunden-Dienst hat, sind die Kapazitäten begrenzt.

Tierarztpraxen gründen Notdienstring

Einfacher haben es die Kleintier-Praxen. Ein Dutzend Tierärzte aus dem Landkreis haben sich bereits zusammengetan und einen Notdienstring gegründet (siehe Infobox). Die Mitglieder teilen sich künftig die Notdienste untereinander, mehr Schultern für die größer werdende Last.

Der neue Notdienstring läuft ab dem zweiten Juniwochenende an. Was kommt auf die Tierhalter zu? Zum Teil neue Ärzte, die sie vielleicht noch nicht kennen, und teils längere Anfahrtszeiten. Die Landestierärztekammer sieht eine halbe Stunde Anfahrt als zumutbar an.

Wie sieht das Hundehalterin Lisa Bender? Sie könne die Neuorganisation durchaus nachvollziehen. „Ich verstehe das schon, aber das wichtigste ist doch, dass ich jemanden erreiche und dass sich jemand um meinen Hund kümmert.“

So mancher Tierarzt ist schon jetzt rund um die Uhr für Patienten und Besitzer da, schiebt regelmäßig Notdienst an Wochenenden und Feiertagen. Es herrscht also ein Ungleichgewicht, vor allem auch, weil manchmal auch nicht-akute Fälle am Wochenende in die Praxen kommen. „Wir können so nicht den richtigen Notfällen gerecht werden“, sagt Tiermedizinerin Dr. Kathrin Zech aus Rauischholzhausen.

Notdienstring der Tierärzte

Folgende Tierärzte in Marburg-Biedenkopf haben sich zum neuen Notdienstring zusammengeschlossen, der am Wochenende vom 11. und 12. Juni startet:

Heike Dyroff, Salzböden

Sylvia Reiche, Sichertshausen

Inga-Lill Launhardt, Fronhausen

Josef Schneider, Niederweimar

Dr. Kathrin Zech, Rauischholzhausen

Dr. Roland Schulz, Bürgeln

Dr. Sven Hoffmann, Caldern

Praxis Eva Ruppert und Meike Schneider, Marburg

Dr. Ludger Birke, Marburg

Praxis Thomas Markau und Peter Lauer, Marburg

Praxis Sabine Neumann und Gabriella Wittmer, Wehrda

Lia Ludwig, Rauschenberg

Alle Tierärzte in dem Netzwerk werden künftig die jeweilige Nummer des diensthabenden Kollegen auf dem Anrufbeantworter und/oder der Website mitteilen. Dieser wird dann am Telefon eine erste Einschätzung des Notfalls vornehmen und individuell entscheiden, ob dieser ein Fall für die Praxis ist oder an eine komplett ausgestattete Tierklinik weitergeleitet wird.

Für Geilhof und andere Praxen für Großtiere wird sich erstmal nicht viel ändern. Sie werden weiterhin bei Notfällen rund um die Uhr für ihr Klientel da sein. „Ich komme immer“, sagt Geilhof.

Von Silke Pfeifer-Sternkeund Ina Tannert